
Wenn von Illustrationen, als Ergänzung des Textes, doch, in
erster Linie Richtigkeit gefordert werden muss, so sind jedenfalls
solche gänzlich zu verwerfen, die der Wahrheit nicht entsprechen,
indem sie statt eines klaren Verständnisses dem Leser nur falsche
Vorstellungen gehen, und somit schaden. In diese Categorie gehören
die beiden Darstellungen von Renthiergespannen in Albin
Kohn’s „Sibirien“ *) (p. 35 u. 139) u. z. Th. auch das hübsche Bild
„Schlittenfahrt bei den Samojeden von Kaborowa“ (Globus 1877
p. 116). Wenn hier vier Renthiere breit gespannt sind, so ist dies
richtig, entschieden aber falsch, dass sie aufgezäumt sind wie Pferde,
je an einem Zügel gelenkt werden und dass der Schütten von vier
Personen**) besetzt ist. Wer selbst Gelegenheit hatte Renthierein-
spann in Sibiren zu sehen, weiss dass man weder einspännig und
mit Kummetgeschirr in Gabeldeichsel führt (wie auf p. 35 in Kohn),
noch mit 3 Thieren längs, deren Leitseite an den Geweihspitzen
befestigt sind (wie auf p. 139 „Renthierpost“). Die für ganz Sibirien
allgemein übliche Methode***) Renthiere anzuschirren ist ebenso einfach
als praetisch. Die beigegebene lebensvolle Abbildung nach
flüchtig von mir hingeworfenen Strichen durch Herrn Moritz Hoff-
mann in Berlin mit grösser Meisterschaft und Naturwahrheit ausgeführt,
wird dieselbe am besten veranschaulichen, wie eine Tundrareise
überhaupt. Das Renthier zieht an einem 2 — 3 Zoll breiten
Schultergurt (ostiak. Alak; samoj. Podjer) aus Leder (im Taimyr-
lande an einem ähnlichen aber gepolsterten Kummet), der vom
*) Die weite Verbreitung, welche solche Phantasiebilder durch billige Cliches
in der Volksliteratur und billigen Zeitschriften finden trägt hauptsächlich dazu bei
falsche Vorstellungen einzuprägen. So findet sich z, B. das hier genannte total
falsche Bild auch in „Die Natur“ (1876 p. 99) mit der Unterschrift „Ein sibirischer
Renthierschlitten.“
**) Da der Text zu diesem Bilde „Nordenskjöld’s Expedition von 1875“ behandelt,
so frag ich den berühmten Beisenden bei seinem Hiersein, ob man an der
Waigatz - Strasse wirklich in dieser Weise mit Benthieren fahre? und er antwortete
mir lächelnd : „Das Bild sei nicht nach der Natur, sondern in der Phantasie eines
Pariser Künstlers entstanden“ !
***) Eine, wenn auch schlecht gezeichnete, aber durchaus richtige Darstellung
giebt v. Hofmann p. 57; hier auch ausführliche Beschreibung des Anspannens;
ebenso bei Schrenk II. p. 394—397 u. Middendorff (p. 1265); dagegen bleibt das
was Heuglin (Beisen n. d. Nordpolarmeer II. p. 129) über die Anschirrung des
Ben sagt unverständlich. — Ganz verschieden ist bekanntlich der Eenthierein-
spann und der nachenartige Schlitten wie ich ihn in Lappland sah; hier wird
nur einspännig gefahren.
TS