
Ich hatte freilich aus Gründen, die ich im ersten Kapitel der allgemeinen Betrachtungen ausführlich
darlege, gerechtfertigte Zweifel, ob Funde, die im freien Ocean gemacht wurden, auch für das
Mittelmeer Geltung haben möchten.
Um so dänkenswerther muss ich es anerkennen, wenn die Verwaltung der Zoologischen Station;
trotzdem ein positives Resultat problematisch schien, mir den kleinen Dampfer „Johannes Müller“ mit
seinem trefflich geschulten Personal zu mehreren Ausfahrten zur Verfügung stellte. Herr Dr. E is ig
überliess mir ihn zu einer viertägigen Fahrt nach den Ponza-Inseln und Herr Professor D o hm ordnete
nach seiner Rückkehr aus Deutschland mit bekannter Zuvorkommenheit zwei längere Fahrten in den
Golf von Salerno und nach Ischia und Ventotene an. Meinen aufrichtigen Dank für die Liberalität des
Gründeis der Station!
Mit Rath und That stand mir vor Allem mein werther Freund v. P e te r s e n , Ingenieur der
Station, zur Seite. Er begleitete mich nicht nur auf allen, oft recht strapaziösen Fahrten und leitete die
schwierige Handhabung der schweren Netze, sondern erwies mir auch durch Construlction des sinnreichen
Schliessnetzes und des photographischen Apparates für Messung der Lichtintensität in grösseren Tiefen
einen unschätzbaren Dienst.
Den Herren B r a n d t, G ie s b r e c h t und S c h ie in e n z bin ich für die Berichte über Radiolarien,
Copepoden und Pteropoden, welche ich zum Abdruck br inge, zu Dank verpflichtet. Ausserdem
übersendeten mir Brandt und v. Petersen auf meine Bitte hin Material von pelagischen Tiefseeformen,
welches sie im Januar 1887 auf einer Fahrt vor Capri sammelten. Dasselbe setzte mich in Stand, manche
Anschauungen präciser fonnuliren zu können, als es nach meinen lediglich auf die Monate August,
September und Oktober beschränkten Befunden möglich war.
Da meine Untersuchungen einen geradezu staunenswerthen Reichthum von pelagischen Thieren
in grösseren Tiefen kennen lehren und hoffentlich endgültig- die Auffassung widerlegen, dass azoische
Wasserschichten zwischen Oberfläche und Meeresgrund existiren, so glaubte ich auf einigen Tafeln
charakteristische Vertreter der pelagischen Tiefenfauna im Bild vorführen zu sollen. Ausführliche Darstellungen
derselben werde ich in den „Mittheilungen der Zoologischen Station zu Neapel“ veröffentlichen.
I .
Methode des pelagischen Pischens in grösseren Meerestiefen.
Soll der Nachweis von der Existenz einer pelagischen Fauna in grösseren Tiefen mit Strenge
erbracht werden, so handelt es sich in erster Linie um Construktion von Apparaten, die in gewisser
Tiefe in Wirkung treten und bei dem Aufwinden sich selbstthätig schliessen. Offene Schwebnetze, wie
sie z.B. bei der Challenger-Expeditionx) als „tow nets“ verwerthet wurden, bieten durchaus keine Garantie
dafür, dass pelagische Thiere, welche sie an die Oberfläche bringen, auch thatsächlich in bestimmten
Tiefen leben, da ja in vertikaler Richtung die Wassermasse ebenfalls durchfischt wird. So hat denn
namentlich A. Agassiz2) gegen' die Funde in den „tow nets“ des Challenger den Einwand erhoben,
dass die betreffenden Formen gar nicht aus der Tiefe stammten, sondern erst in der Nähe der Oberfläche
erbeutet wurden. Allein Agassiz begnügt sich nicht mit diesem Einwand, sondern sucht selbst
den positiven Nachweis zu führen, dass zwischen der Oberflächenfaunä und der auf dem Grunde lebenden
Tiefseefauna azoische Wasserschichten, jeglichen organischen Lebens baar, sich vorfinden. Er benützte
einen sinnreichen, von Capitän S ig s b e e 8) construirten Cylinder, der in bestimmte Tiefen herabgelassen,
durch ein an dem Tau nachgesendetes Gewicht zum weiteren Herabgleiten bis zu einer Hemmvorrichtung
an dem Tauende gebracht wurde. Während dieses Herabgleitens um etwa 50 Faden öffnete sich ein
Ventil und das Wasser wurde durch ein Sieb geseiht, bis der Cylinder an der Hemmvorrichtung
angelangt sich schloss.
Vermittelst des Sigsbee’schen Apparates glaubte denn Agassiz den strikten Nachweis erbracht zu
haben, dass unterhalb 150 Faden keine Organismen mehr Vorkommen. Ohne seine Resultate irgendwie
anzweifeln zu wollen* so kann ich jedoch nur zugeben, dass Agassiz- lediglich die untere Grenze der
Oberflächenfauna bestimmte. In dem Glauben, dass m grösseren Tiefen pelagische Thiere'nicht existiren
könnten, wendete er den Apparat für Tiefen von 1000 Meter an überhaupt nicht an.
%) The Voyage o f H. M. S. Challenger. Narrative o f Wyville Thomson and John Murray. Vol. I. 1885 p. 79.
s) A. Agassiz. • On the dredging operations o f the U. S. S. „Blake“. 1880. Bull. Mus. Comp. Zool. Cambr. Vol. 6.
No. 8 p. 158.
8) C. D. Sigsbee, Description o f a gravitating trap for obtaining specimens o f animal life from intermedial Ocean-
Depths. ibid. Vol. 6 No. 9 1880 p. 155.