
Hierfür giebt es nur eine, zudem recht nahe Hegende Erklärung. Mit den Lichtstrahlen dringen
die Wärmestrahlen in die oberflächlichen Wasserschichten vor; letztere werden rascher absorbirt als
erstere. Es fällt zwar nicht leicht, die Wirkung beider aus einander zu halten, allein die Thatsachen
sprechen deutlich dafür, dass d e r We c h s e l d e r T emp e r a t u r d i e p e r i o d i s c h e n Wander ungen
p e l a g i s c h e r T h i e r e in v e r t i k a l e r S i c h t u n g b e d i n g t. Nur wenige pelagische Thiergruppen
vermögen die hohe Temperatur des Obcrlläehomvassors während des Sommers zu ertragen; die meisten
entziehen sich der Einwirkung derselben durch das Niedersinken und endlich cxistircn ganze Gruppen,
welche ihr Leben in den kühlen tiefen Regionen verbringen, ohne je an die Oberfläche aufzusteigen.
Ich habe mit Absicht im vorigen Kapitel die genauen Temperaturmessungen des Washington'-saus-
führlicher vorgeftthrt. Aus ihnen geht hervor, dass die Erniedrigung der Temperatur in den oberflächlichen
Schichten sehr rasch erfolgt, um bald der für das Mittelmeer typischen Oonstanten von 13° C.
sich zu nähern. Während der Sommermonate JuB bis September beträgt die mittlere Temperatur in
50 Meter Tiefe 18,4° C., in 100 M. 15,3° C. und in 150 M. 14,9° C. In 150 Meter übertrifft sie also
die Temperatur in 1000—3000 Meter um wenig mehr als einen halben Grad. Die g e r i n g e n Temp
e r a t u r d i f f e r e n z e n v o n e i n e m b i s zwei Gr a d e n zwi s c h e n 100 M. u n d 3000 M. Ti e f e
e r k l ä r e n d e n n a u c h a l le i n d i e a n s c h e i n e n d a u f f ä l l i g e T h a t s a e h e , d a s s im Mi t t e l me
e r e d e r we i t a u s g r ö s s t e T h e i l p e l a g i s c h e r T h i e r e w ä h r e n d d e s S omme r s v o n
100 Me t e r n an b i s h i n a b zum Me e r e s b o d e n v e rw e i l t .
Das rasche Absterben von nahezu sämmtlichen aus der Tiefe gefischten pelagischen Thielen ist
vorwiegend der Erhöhung der Temperatur zuzuschreiben. Mir fehlte es leider, an Vorrichtungen, um
einen exakten experimentellen Beweis auf dem Schiffe zu führen, dass nicht das Sonnenlicht (denn das
Absterben erfolgt eben so rasch bei Nacht), sondern lediglich die Temperaturerhöhung den Tod herbeiführe.
Ich habe mir einen einfachen Apparat construirt, mit demipish solche VersuchSzunächst an
Leptodora) anzustellen gedenke. Er beruht darauf, dass zwei Pokale mit denselben aus massiger Tiefe
gefischten Thierarten dem Sonnenlicht ausgesetzt werden. Bei dem einen haben die Lichtstrahlen einen
Glasbehälter mit Alaunlösung, also einem die Wärmestrahlen absorbirenden Medium, zu passiren, während
gleichzeitig für Erhaltung der gleichen Temperatur Sorge getragen wird. Der andere Pokal wird ohne
Einschaltung von Wärme absorbirenden Medien der Belichtung ausgesetzt und ein dritter wird in der
Dunkelheit mässig erwärmt.. Eine solche Vorrichtung würde combinil't mit Durchlüftungsapparaten ein?
scharfe Controle über alle in den obigen Erörterungen als massgebend erachtete Faktoren bieten.
In dem freien Ocean gestalten sich die Existenzbedingungen für die niedersteigenden pelagischen
Thiere anders als im Mittelmeere. Die Temperatur sinkt in der Tiefe bis zu 0° und — 2° C.; sie ist
verschieden in den einzelnen Oceanen bei gleicher Tiefe und im Allgemeinen bei gleicher Tiefe um so
niedriger, je ungehinderter die kalten polaren Strömungen in die Becken einzutreten vermögen. So
giebt z. B. C h i e r c h i a die Temperaturen für jene Stellen des pacifischen Oeeans, an denen er Tiefsee-
siphonophoren in dem P a l umb o ' sehen Netze fand, an auf: 12,8° C. bei 300 M.; 8,7° C. bei 450 M.;
6,1° C. bei 1000 M. und 4 “ C. bei 4000 M. Jedenfalls sind in dem freien Ocean die Bedingungen für
eine Gliederung der pelagischen Tiefenfauna nach einzelnen Etagen, welche durch Temperaturdifferenzen
hervorgerufen werden, mannigfaltiger als im Mittelmeere. Leider vermögen die wenigen vorliegenden
Beobachtungen keinen Anhaltepunkt zu geben, wie weit im Ocean die pelagischen Oberflächcnthiore in
der heissen Jahreszeit in die Tiefe wandern.
Zum Schlüsse möchte ich noch darauf hinweisen, dass mannigfache Mittel der pelagischen Thierwelt
zur Verfügung stehen, um die Schwimmbewegungen bei dem Aufsteigen und Niedersinken zu unterstützen
resp. diese Oscillationen zu ermöglichen, wenn gar keine Bewegungen ausgeführt werden. Da
das specifische Gewicht der meisten kleinen Thiere nahezu demjenigen des umgebenden Mediums gleichkommt,
so kann schon allein der Ausgleich zwischen der Temperatur verschieden warmer Wasserschichten
ein Auf- und Absteigen der schwebenden Thiere begünstigen. Wird das Oberflächenwasser stark abgekühlt,
so sinkt es, weil dichter und schwerer, in die Tiefe, während gleichzeitig die tieferen wärmeren
Schichten so lange aufsteigen, bis fein Ausgleich stattgefunden hat. Wirksamer noch kann die Schwimm-
.bewegung durch Einrichtungen zur Erleichterung resp. Vermehrung des specifischen Gewichtes unterstüzt
werden. So besitzen die Physophoriden und viele Fischlarven eine Luftflasche resp. Schwimmblase,
während andererseits die Ausscheidung von. ätherischen Oelen und Fetten den Radiolarien, Calycophoriden,
Alciopiden, den meisten Crustaceen und Pteropoden ein Aufsteigen erleichtert resp. allein ermöglicht.
3. Die pelagische Tiefenfauna und ihre Existenzbedingungen.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass in grösseren Tiefen pelagische Thiere leben, welche
entweder niemals oder doch nur in seltenen FäUen an die Oberfläche aufsteigen. Hierfür sprechen nicht
nur die Beobachtungen des Challenger, sondern auch meine Erfahrungen über die Mittelmeerfaunä.
Wenn wir bedenken, dass seit den Zeiten von C a v o l i n i , De l l e Ch i a j e und J o h a n n e s Mü l l e r
die Erforschung der pelagisclÄ- Thierwelt des Mittelmeeres ein Lieblingsstudinm für die Altmeister
biologischer Wissenschaft nicht nur, sondern auch für die jüngere Generation abgegeben hat, wenn wir
in Betracht ziehen, dass speciell der Golf von Neapel ztt den am intensivsten durchforschten Meeres-
al,schnitten gehört, so können wir unmöglich annehmen, dass über einen Zoll lange Appendicularien,
mit wunderbar gestalteten Tastorganen ausgestattete Crustaceen und durchsichtige kleine Cephalopoden,
wie ich sie auf den beifolgenden Tafeln darzustellen .versuchte, der Aufmerksamkeit zahlreicher Beobachter
entgangen wären. .
Ich will in Folgendem versuchen, lui.-z jene Thierformen namhaft zu machen, dm m der liefe
häutig verkommen, während sie an der Oberfläche selten und v e r e i n z e l t beobachtet wurden, oder welche
überhaupt floeb nicht an der Oberfläche gesehen wurden.
Von Radiolarien sind nach Brandts .obigen Mittheilungen (p. 10) die Phäodanen AulamnUm scoly-
mantha und CoOoimdnm « « « » in den grösseren Tiefen von 600 M. an häufig Da sie indessen
auch im Winter häufig an der Oberfläche erscheinen, so ist es fraglich, ob sie typische Tiefenbewohner
repräsentiren, d. li. ob sie auch im Winter in grösserer Zahl in der Tiefe, als an der Oberfläche leben.
Ob dagegen die beiden neuen Castanelliden und eine neue Aulacaatha lediglich m dev Tiefe Vorkommen
und nicht- an der Oberfläche erscheinen, müssen erst weitere Untersuchungen .lehren. •
Unter den Anneliden ist Tonwpteris mclmcta n, sp. typisch für die Tiefe. Gelegentlich dürfte