
In weitaus den meisten Fällen nun ist das Pigment, welches die oben beschriebene ringförmige
Zeichnung bedingt, lebhaft grün, nach hinten mehr in blasses Gelb abnehmend; in seltenen Fällen jedoch
auch braun. Es kommt sogar vor, dass man in ein und derselben Schnecke sowohl grüne als braune
Schläuche vorfindet; ich überzeugte mich aber dann, dass dieselben verschiedenen Sporocysten angehörten,
so dass es scheint, als könne eine Sporocyste entweder nur grüne oder nur braune Schläuche bilden.
Unter gewöhnlichen Umständen findet man in den frei lebenden Schnecken nur einen oder zwei
reife Schläuche entwickelt, die dann meist beide, seltener zusammen nur den einen der beiden Fühler erfüllen.
Wenn jedoch für Entfernung der reifen Schläuche sich keine Gelegenheit findet, dann wächst deren
Zahl bedeutend an; so habe ich mehreremale Schnecken gefunden, die bis zu 8 Schläuchen entwickelt
zeigten, von denen dann je einer in jedem Fühler völlig ausgestreckt pulsierte, während die anderen auf
jede mögliche Weise tastend und drückend so weit wie möglich nach vom zu gelangen suchten, (cf. Fig. 2.)
Wie schon erwähnt, dienen diese grossen Schläuche gleichsam als Reservoire, in denen die jungen
Distomen, deren Entstehung in den Fäden des Genistes ihren Anfang nahm, gesammelt und zu weiterer
geeigneter Verwendung auf bewahrt werden. Bereits ehe der erste Schlauch mit der grösstmöglichen Anzahl
junger Individuen gefüllt ist, hebt schon die Bildung und Füllung eines zweiten.an. Gar nicht selten gelingt
es übrigens, die jungen Larven auf ihrer Wanderung durch den Stiel zu ertappen; einmal fand ich deren
sogar drei hinter einander in ein und demselben Stiele, ein Umstand, der einen weiteren Beweis für die
rege Production in der Sporocyste abgibt.
Der junge grosse Schlauch beginnt dann zuerst an der Spitze, später immer weiter nach hinten zu
anzuschwellen; zugleich dehnt und streckt er sich nach vorn zu, in einer Richtung, welche durch die von
dem Ösophagus der Schnecke freigelassenen Teile der Leibeshöhle vorgezeichnet ist, und in der noch am
meisten Raum für den immer mächtiger schwellenden Teil des Parasiten bleibt. Die ihrer völligen Ausbildung
sich nähernden Schläuche dringen dann unter der Atemhöhle hin bis in die Fühler vor, und schieben
dabei Bindegewebe und Muskulatur auf die Seite. Durch diese im Verhältnis immerhin kolossale Auftreibung
wird die gesammte Fühlerwand natürlich ausserordentlich gedehnt und - dadurch oft so dünn,
namentlich wenn mehrere Schläuche in ein und denselben Fühler eingedrungen sind, dass diese von, selbst
reisst und die Insassen dann nach aussen hervortreten. Doch bleibt trotz dieser Dehnung und Schwächung
die Muskulatur der Fühler immer noch stark genug, um bei einem vorkommenden Sichzurückziehen der
Schnecke den Parasiten ohne weiteres mit dem Fühler zurückzuziehen.
Ich machte mir übrigens diese Beobachtung zu nutze, indem ich später, wenn ich frische Schläuche
zur Untersuchung resp. .Verfütterung brauchte, einfach die ausgestreckten und mit Insassen versehenen
Fühler der Schnecken vorsichtig anschnitt und mich so in den Besitz lebenden Materials setzte, ohne die
Schnecke resp. ihren Parasiten opfern zu müssen; denn erstere regenerierte binnen kurzem den ihr zugefügten
Schaden und der Parasit ersetzte den verloren gegangen Schlauch durch einen neuen.
Obgleich nun der auf diese Weise befreite Schlauch von dem Stiel, durch den er mit dem Geniste
in Verbindung steht und durch den die junge Brut in ihn einwandert, abreisst, und trotzdem er mit derselben
prall gefüllt ist, tritt sein Inhalt doch durch die Rissstelle des Stieles nicht nach aussen hervor, und
zwar wird dies durch einen ganz besonderen Mechanismus verhindert. Wie wir schon oben bemerkten,
setzt sich der grosse Schlauch an seinem Hinterende gegen. den Stiel sehr scharf ab. An dieser Ubergangsstelle
findet sich im Inneren ein Polster eigentümlich gebauter Zellen vor, dessen genauere Bekanntschaft
wir bei der Besprechung des histologischen Aufbaues des Leucochloridium machen werden; dasselbe scheint
vor allem die Function eines elastischen Sicherheitsventiles zu haben, indem es nach dem Durchpassieren
einer Larve sich sofort wieder schliesst und ein Zurücktreten des einmal in den grossen Schlauch gelangten
Tieres unmöglich macht. Naturgemäss hat auch diese Abschnürung ihre besondere Bedeutung. Wäre die
hintere Öffnung des Schlauches in beiden Richtungen in gleicher Weise durchlässig, so würde der ganze
Inhalt desselben im Momente des Abreissens austreten und der fressende Vogel höchstens einen kleinen
Teil der Brut in sich aufnehmen, die grösste Menge derselben somit für die Erhaltung der Art verloren
gehen. Die Zahl der in einem Schlauch enthaltenen jungen Distomen ist natürlich'nach dem Alter desselben
sehr verschieden, bei alten und ausgewachsenen Individuen zählte ich deren in einem einzigen über 160.
Von dem Zeitpunkt an, wo der Schlauch unter der Atemhöhle der Schnecke hinweg nach vorn
getreten ist, wo also der Schlussmechanismus gegen den Stiel hin sich völlig ausgebildet hat, beginnt auch
die Bewegung desselben. Ist der Schlauch jung, so zeigt er eine von der Spitze nach der Basis sich .fortpflanzende
peristaltische, ist er älter, eine rhythmische Bewegung. Diese besteht in einem in regelmässigen
Zeitabschnitten wiederkehrenden Zusammenziehen und Wiederausdehnen, so dass man das Ganze mit einem
Pulsieren vergleichen kann. Dasselbe findet eigentlich nur in der Gegend der beiden vorderen, dunkel
gefärbten Ringe statt; es verringert sich an dieser Stelle der Umfang ganz bedeutend, und die durch diese
Contraction verdrängten Inhaltsmassen treten nach dem hinteren, nicht activ beteiligten Teile des Schlauches
über, ohne aber in Folge des dort angebrachten Verschlussmechanismus in den Stiel und die Sporocyste
zurücktreten zu können, so dass dessen Querschnitt sich etwas vergrössert. Lässt in dem darauf folgenden
Momente die wirkende Kraft im Vorderteile nach, so tritt vermöge der Elastizitätsverhältnisse die verdrängte
Masse wieder nach vorn, und der Schlauch erhält seine ursprüngliche Form zurück. Es tritt also bei diesen
pulsierenden Bewegungen eine active Contraction der Längsrichtung fast gar nicht oder doch nur in untergeordnetem
Maasse auf, eine Beobachtung, die man sehr gut an Schläuchen machen kann, die man aus
der Schne9ke befreit und auf einer Glasplatte oder dergleichen sich bewegen lässt. Die Geschwindigkeit,
mit der diese Bewegungen erfolgen; ist eine wechselnde; im Sonnenlicht ist sie grösser als im Schatten.
Zeller1) gibt für die Dauer einer Minute 90 Contractionen an. Diese Bewegungen werden von dem Schlauche
selbst ausgelöst; daher mag es auch kommen, dass die Schläuche einer Sporocyste selten im Takte, ja,
nicht selten nicht einmal im gleichen Rhythmus pulsieren.
Auch bei der Betrachtung des
histologischen Aufbaues des Leucochloridium
findet man zwischen dem Fadenwerk der eigentlichen Keimstätte und den ausgebildeten reifen Schläuchen
derartige Verschiedenheiten Vor, dass man ohne Kenntnis der Übergangsformen leicht versucht sein könnte,
beide Teile für völlig vpn einander unabhängige und verschiedene Bildungen zu halten. Es wird sich deshalb
auch hier empfehlen, erst idfen Aufbau der Fäden genauer abzuhandeln, um dann durch Vergleichung
der Übergangsformen die abweichende Structur der grossen Schläuche verständlich zu machen.