
Bei allen Phylactolaemen mit Ausnahme von Cristatella (Lophopus ? Pectinatella ?) findet zu beiden
Seiten des medianen Tentakelpaars der Oralseite eine sehr auffällige Durchbrechung der Kelchmembran
statt (Fig. 64, IV, V), die an diesen zwei Stellen, dem Epistom gegenüber, völlig unterdrückt wird.
Die Lophophoräste des Nervensystems, vordere und hintere, entsenden in der Weise, wie die
beigefügte Zeichnung es darstellt, intertentakuläre Zweigfasern, welche beim lebenden Thier sehr gut
sichtbar sind. Sie verlaufen zwischen den beiden Blättern der Lophophorwand in unmittelbarer Nähe
des Ectoderms. An ihrer Ursprungsstelle liegt eine Ganglienzelle (Fig. 70, g), welche nach Saefftigen*)
zwei Fortsätze, die ich nicht erkennen konnte, in den Stamm hinab, einen dritten zur Peripherie hinaufschickt,
wo derselbe zwischen den Tentakeln abermals zu einem Ganglion (ig) anschwillt. Dieses
entsendet in der Richtung des Hauptnerven einen Fortsatz, der „an
der Basis der Tentakelmembran mit theils unmittelbar unter dem
Ectoderm, theils zwischen den Ectodermzellen selbst gelegenen Sinneszellen
in Verbindung tritt“, wofür ich die Bürgschaft Saefftigen überlassen
muss. Dagegen kann ich bestätigen, dass vom Ganglion seitwärts
zwei Fasern in die nächstgelegenen beiden Tentakeln abgehen,
und dass also zur Innervirung eines jeden derselben zwei Hauptnerven
beitragen. Die Fasern sollen sich dann „wiederholt dichotomisch“
theilen, und in der That findet man auf Querschnitten der Tentakeln
an .der Aussenseite der homogenen Membran sehr zahlreiche feine
Pünktchen (Taf. VIII, Fig. 103), welche als Nervenschnitte zu deuten
sind. Von anderen Fasern, welche in die Tentakeln eintreten und
unterhalb des Ganglions entspringen sollen, habe ich nichts gesehen.
Die hinteren Hörner (hin) verzweigen sich in den Lophophorarmen nach beiden Seiten, da sie
je zwei Tentakelreihen zu versorgen haben. Die ersten Zweige der Innenseite (en) entspringen über
dem Ganglienknoten und sind für die Tentakeln oberhalb des Epistoms bestimmt. Sie ziehen vereint
zwischen dem Ectoderm des Mundrandes und dem inneren Epithel der Epistomhöhle und des Gabelkanals
(Taf. Y, Fig. 63, I-^-IV; 64, III: en) nach oben, um sich dann allmählich zu trennen und einzeln ihren
besonderen Weg zu verfolgen (Fig: 62, IV, atn). Für diejenigen unter ihnen, welche zu den der
Mediane am nächsten gelegenen Tentakeln verlaufen, gilt nun, nach Umgehung der Epistomhöhle, ganz
dasselbe, wie für die Nerven, welche den Schlund umgreifen, und wir werden mit Saefftigen der Ver-
muthung Raum geben, dass hier ein zweiter, kleinerer Nervenring gebildet wird.
Ob etwa von diesen Bündeln auch Zweige nach dem Epistom selbst abgehen, weiss ich nicht
sicher z u . sagen. Bei Cristatella findet man im Deckel jederseits eine schmale Höhlung (Fig. 62, I I I ;
63, III: sh), welche sich auch äusserlich in Form einer Leiste abzeichnet und dadurch entstanden ist,
dass die beiden Keimblätter, welche sonst überall dicht aneinanderliegen, sich an dieser Stelle getrennt
haben. Der Zwischenraum wird von zahlreichen feinen Fasern durchzogen, welche das mesodermale;
Blatt mit dem ectodermalen verbinden. Etwa in ihrer Mitte befindet sich ein Kern, und hier pflegt
sich die Faser nach dem Ectoderm zu in zwei Aestchen zu theilen, welche divergirend an den nächsten
Zellen des Randes sich festheften. Auch am Ursprung der Faser, im Mesoderm, ist oft ein Kern zu
bemerken. Ich hielt diese Fäden anfangs für Muskeln, bin aber später zweifelhaft geworden, weil dies
das einzige Beispiel wäre, dass Fasern der Tur.iea mnscularis - • von dieser könnte, der Lage wegen,
hier nur die Bede sèin I in solcher Selbständigkeit auftreten. Indessen ist es mir nicht gelungen,
eine Verbindung mit den allerdings in nächster Bähe befindlichen Fasern des Nervensystems aufzudecken,
was der von anderer Seite geäussetten Vermuthung,**) dass Unsere Thiere ;^ r Geschmaekseindrüeke
empfänglich seien, eine Grundlage*igeben würde. Ich muss mich daher eines bestimmten Urtheils über
diese Bildung, die den anderen Bryozoen fehlt, enthalten. Die Gabelung der Fasern würde nicht gegen
ihre Muskelnatur sprechen können, da sie, obwohl selten, auch an den Duplicaturmuskeln beobachtet wird.
Die paarigen Stränge, welche nach Allmau, Kraepelin und Saefftigen vom unteren Theile des
Ganglienknotens mach dom Oesophagus verlaufen seller., habe ich ebensowenig wie Mische «rkenron
können. Dagegen glaube ich mit Saefftigen, dass am Grunde der beiden Lamellen, welche Epistom-
und Lophophorhöldc trennen (Fig. 62, I, e s), einige Fasern zum’ Enddarm hinabziehen.
Hit der Bildung des Epistoms hat der Darmtraotus im Wesentlichen seine Vollendung erreicht.
Das Wachstlium dauert freilich noch lange fort, erst lange, nachdem die Nahrungsaufnahme begonnen
hat, findet die Ausgestaltung der einzelnen Theile, .zuletzt die des Magens, insbesondere des Blindsacks,
ihren Abschluss. Die Regionen, welche schon durch ihren Ursprung gesondert waren, heben sich auch
in der definitiven Form von einander ab und sind in histologischer und physiologischer Hinsicht gekenn-
zeielmet. Der dem Analschlauch entstammende, am frühesten differenzirto Abschnitt, der den Magen
und Enddarm umfasst, hat die Resorption übernommen, sein inneres Blatt repräsentirt das eigentliche
Entoderm. Der Oralschlaucli mitsamt dem secundär in den Verlauf des Darms cinbezogenen Pharynx
stellt das Lcitungsrohr dar, welches die Nahrungskörper dem Magen zuführt. Dieselben .werden durch
das Wimperepithel der Tentakeln herb eigestrudelt, von den Flimmern der Mundhöhle ergriffen und unter
lebhaften Schluckbewcgungcu, wobei der Deckel den Mund zeitweilig zu sehliessen scheint, durch die
eonische Projection des Oesophagus in den Magen hinabgcschleudert. Hier werden sic durch poristaltische
Bewegungen, bei vor- und rücksclireitender Contraction der starken. Rragmaskulatur, einem Umtrieb
unterworfen, mit dem Magensaft durchknetet und so viel als möglich zerrieben. Dies ist namentlich am
Ende des blmdsaekfürmigcn Theils der Fall, wo die Contractionswclle den Darminhalt zusammendrängt
und, beim Fortschreiten gewaltsam durch die Einschnürung hindurch nach vom presst. Gleichzeitig mit
der Verdauung findet die Resorption statt, die indessen den Nährwerth der aufgenommenen Substanzen
nicht.' völlig erschöpft. Die bis. zu einem gewissen Grade, zerkleinerten und zersetzten Theile des
Speisebreies gelangen nach und nach in den voluminösen Enddarm, wo sie sich ansammeln und in Ruhe
vollends verdaut werden. S |»es geschehen, so wird der unbrauchbare Rest in Gestalt eines festen
Kothballcns ausgeworfen. Der elastische Anus öffnet sieh dabei nur so weit, als es für den Durchtritt
der Masse nothwendig ist. In dem Bestreben, sich wieder za sehliessen, schneidet er wahrscheinlich .die
noch nicht ganz verdauten, weicheren Bestandtheile vom eigentlichen K o tk jä , um sie,bis zur nächsten
Entleerung zurück zu behalten.
**) Kraepelin S. 66.
Bibliotheca zoologica. Heft VI.