
beizubehalten. Nach welcher Seite die Excursion erfolgt, dies wird allein durch die räumliche Oekonomie
bedingt: die Knospe rückt dahin, wo ihrer Entfaltung der freieste Spielraum geboten wird. Inwieweit
sich dennoch hiebei eine bestimmte Regel erkennen lässt, werden wir unten erfahren. Für jetzt beschränken
wir uns auf die Betrachtung der Primärknospe und der an ihr zur Erscheinung kommenden
Vorgänge. Unter diesen lassen wir jene, welche sich im untern Theile des zweischichtigen, bereits
mannigfach complicirten Sackes abwickeln und welche dem Polypid seine Entstehung geben, vorläufig
ausser Spiel. Ebenso übergehen wir die Anlage des Funiculus. Wir fassen dagegen wieder die Hals-
reginn ins Auge, die uns bisher bloss in Beziehung auf die Tochterknospe B interessirt hat, während sich
doch nach Seitwärtswendnng der letzteren in dem neu erschlossenen Gebiet median vor der Primärknospe
andere wichtige Vorgänge abzuspielen beginnen. In Fig. 78 ist ein der Fig. 76 entsprechendes Stadium
so durchschnitten, dass die ein wenig rechts von der Primärknospe gestellte Tochterknospe B hinter der
Schnittfläche zu liegen kommt. Wir sehen nun,' dass sich der Hals von A in eben dem Maasse nach
vorn übergelegt hat (bei B'), als die Basis der Doppelknospe an Breite gewachsen ist, und dass demnächst
(Fig. 79, entsprechend dem Stadium Fig. 77), beim Abrücken der Knospe B, auch diese Partie
sich mehr von der Mutterknospe entfernt und schärfer absetzt. In Folge ihres fortschreitenden Wachsthums
treiben die vordersten Zellen des inneren Knospenblattes das äussere, welches dem Leibeshöhlenepithel
(m) sich gleichstellt, in Form einer Beule (BO auf, und schon auf dieser Stufe zeigt es sich oft,
dass sie als selbständige Gruppe sich vom inneren Knospenblatt ablösen (Taf. VII, Fig. 89, BO- Durch
Umwandlung der verbindenden Zellbrücke (Taf. VT, Fig. 79, hO zu Zellen der Kolonialwand wird diese
Trennung vollkommen (Fig. 80), und jene immer stärker anschwellende Gruppe, in welcher gleichzeitig
ein Hohlraum auftritt, begründet nun die Bildung einer neuen, einer zweiten Tochterknospe (BO, die wir
in Fig. 81 schon unzweifelhaft als solche entwickelt sehen. Ihre Anlage erfolgt offenbar nach ganz
demselben Princip, wie die der ersten Knospe B, wie diese geht sie unmittelbar zurück auf das embryonale
Material, das ursprünglich im Hals der Primärknospe versammelt war und das nun unter gleichzeitiger
Neubildung des Integuments die Secundärknospen liefert. Der Zusammenhang der letzteren unter
sich ist ein so inniger, dass beispielsweise noch auf dem Stadium Fig. 79 das innere Blatt der jüngern (BO
sich ohne Unterbrechung bis in den Hals der ältem (B) verfolgen lässt, so dass hier alle drei Knospen
einer gemeinsamen Basalplatte aufsitzen, welche erst später durch Uebergang der zwischen den Einzelknospen
gelegenen Zellen in die Leibes wand zu drei selbständigen Gliedern zerklüftet wird. Einen
Unterschied zeigt die Entstehung der beiden Geschwister nur insofern, als bei äusserlicher Betrachtung
die Knospe B' mit A nicht mehr so typisch zur Doppelknospe verbunden erscheint, wie es bei B der
Fall war. B entstand auf einer sehr jugendlichen Stufe der Mutterknospe, die sich von vorn herein
eines Theils ihres überschüssigen Materials entledigte, einen ändern zunächst zur Ergänzung der Kolonialwand
aufbewahrte. Erst nachdem dieser seinen Beruf einigermassen erfüllt hatte, konnten die dann noch
übrigen embryonalen Zellen, welche sich nun bereits weiter von der Knospe entfernt hatten, durch fortgesetzte
Theilung einen neuen Spross, B', erzeugen, der aber jetzt, wie der ältere Bruder, schon ganz in die
Region der Kolonialwand gerückt ist und scheinbar von dieser seinen Ausgang nimmt.*)
■") Dass die Nitsche’sche Doppelknospe nicht die einzige Form der Vermehrung sein könne, hatte schon Hatschek
richtig erkannt. „Wenn wir an die Entstehung des Cristatellastockes denken, sagt er Pedicellina S. 539 ff., so kommen
wir zu dem nothwendigen Schlüsse, dass die Vermehrung der Knospen sich nicht auf die einmalige Bildung einer Tochter-
Wir haben auf diese Weise den Unterschied, der uns schon bei der ersten, flüchtigen
Musterung der Knospen auffiel, dass nämlich einige derselben in engster Verbindung mit älteren,
andere isolirt an der Leibeswand auftreten, als einen rein äusserlichen kennen gelernt Und wir
haben, indem wir die Primärknospe A bis zur Abtrennung ihrer beiden Tochtersprosse B und B' verfolgten,
uns gleichsam den Elementarvorgang vor Augen geführt, in dessen vielfältiger Wiederholung
das Wachsthum der ganzen Kolonie vom Anfang bis zum Gipfel ihrer Entwickelung begründet ist. Wir
finden unter allen Knospen des Stockes keine einzige, die nicht entweder nach Art des Lateralsprosses B
oder der Medianknospe B' auf eine ältere, A, zu beziehen wäre. Denn sowohl B als B' pflanzen sich
ihrerseits auf dem nämlichen Wege fort, wie die Primärknospe es gethan hat, und schon Fig. 81 lässt uns
dies für die ältere Tochter unzweifelhaft constatiren. B hat hier das Stadium der Fig. 76 erreicht, sie
hat den Lateralspross C differenzirt und zeigt in der Mediane die Bildung der Fig. 78. Während sie
selbst zur Rechten der Primärknospe A gestellt ist, sehen wir nun, dass die Enkelin C sich links von der
Mutter gewendet hat, also im Bilde schräg gegen die Fläche der Tafel gerichtet steht. In Fig. 82 hat C eine
vierte Generation in der Knospe D • erzeugt, und diese hat wiederum rechts von C ihren Platz gefunden.
Es zeigt sich also, dass jede Knospe ihren ersten Spross nach derjenigen Seite abgiebt, welche der, die
sie selbst ihrer Mutter gegenüber einnimmt, entgegengesetzt ist, nach rechts, wenn sie links, nach links,
wenn sie rechts steht. Demgemäss würden wir durch Verbindung sämtlicher Knospen ersten Grades,
welche in directer Folge einander entsprossen sind (A B C D E etc.), eine Zickzacklinie erhalten, und
dieser Wegweiser wird uns später, wenn es sich in speciellen Fällen um die Auflösung ganzer Kolonien
haridelt, von Werth sein. Vorläufig mag die Skizze Fig. 82ä, welche das Stadium der Fig. 82 in der
Ansicht von oben wiedergiebt, die horizontale Gruppirung der Knospen anschaulich machen. Dass dieselbe
allein durch räumliche Verhältnisse bedingt ist und dazu fuhren muss, unter möglichster Sparung
von Baustoffen den Polypiden einen möglichst grossen Spielraum zu gewähren, liegt auf der Hand. Es
kann deshalb auch nicht befremden, wenn mitunter, eben mit Rücksicht auf die Localität, Ausnahmen
von der Regel Statt finden, was namentlich bei jungen Kolonien, die in Bezug auf ihr Volumen
vergleichsweise, günstig gestellt sind, nicht selten der Fall ist. So hat z. B. die Knospe B in
Fig. 48, Taf. n i , ihre erste. Tochter (C) nach links statt nach rechts, also in gerader Flucht, abgegeben,
und diese die ihrige (D) auch wieder nach links, offenbar weil sich hier der Entfaltung das freieste Feld
bot, während rechts bereits andere Bildungen aufgetreten waren.
Die Knospe B in Fig. 82 hat nun ferner auch schon Anstalten zur Production ihres zweiten
Sprosses C' getroffen, etwa so wie Fig. 79 es darstellt. In unserm Fall wird er durch die Doppelknospe
C D verdeckt. Auch die Medianknospen entwickeln sich in derselben Weise wie die Primärknospe.
Bald nachdem das Stadium der Fig. 81 (B') erreicht ist, wird ein To.chterspross (Fig. 82, C') angelegt,
der sich seitwärts wendet, und dem dann ein zweiter in der Mediane folgt. In Fig. 92 u. 93 (Taf. V n
u. VIII) sieht man die Bildung des ersteren unter starker Vergrösserung wiedergegeben. Ein Unterknospe
von je einem Individuum beschränken kann. Wir finden am Cristatellastocke eine ganze Reihe von Knospungspunkten
an dem Längsrande der Kolonie, und an den beiden Enden derselben noch eine grössere Anhäufung von jungen
Knospen. Da die Larve nur eine geringe Anzahl von Knospungspunkten zeigt, so müssen wir auf eine Vermehrung derselben
durch Theilungsvorgänge, die noch anderer Art als die oben beschriebenen [der Nitsche’schen Doppelknospe]
sind, schliessen“.