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Allgemeiner Th e il.
Aus den bisher angeführten Thatsachen über die vertikale Verbreitung der pelagisch lebenden
Seethiere ergeben sich folgende allgemeine Resultate:
1. D ie u n te r s u c h t e n T h e ile d e s M itte lm e e r e s z e ig e n sow o h l a n d e r O b e r f lä c h e
w ie in a l l e n T i e f e n b is zu 1400 M e te r e in r e ic h e s p e la g is c h e s T h ie r le b e n .
2. P e la g is c h e T h i e r e , w e lc h e w ä h r e n d d e s W in te r s u n d F r ü h j a h r s an d e r
O b e r f lä c h e e r s c h e in e n , s u c h e n m it B e g in n d e s S om m e rs d ie T i e f e auf.
3. In g r ö s s e r e n T i e f e n k om m en p e la g is c h e T h i e r e v o r, d ie b i s h e r a n d e r
O b e r f lä c h e s e lte n o d e r n o c h g a r n i c h t b e o b a c h t e t w u rd e n .
4. E in e A n z a h l p e l a g i s c h e r T h i e r e v e r b l e ib t a u c h w ä h r e n d des S om m e rs an
d e r O b e r f lä c h e u n d s t e i g t n ie in d ie T ie f e .
Ich will versuchen, in Kürze nach den hier angeführten Gesichtspunkten die geographische
Verbreitung der pelagisch lebenden Seethiere in vertikaler Richtung zu erörtern.
1. Ueber die vertikale Verbreitung der pelagischen Fauna.
Unsere bisherigen Anschauungen über die Möglichkeit einer Existenz von pelagischen Thieren
zwischen der Oberfläche und dem Meeresgründe haben sich durchaus noch nicht geklärt. Während
man einerseits auf nachher zu erwähnende exakte Versuche hin die Auffassung vertritt, dass zwischen
der Oberflächenfauna und den am Grande lebenden Tiefseethieren azoische Wasserschichten vorhanden
seien — eine Ansicht, die mit Vorliebe in den mehr populär gehaltenen Schriften gelehrt w irdE - so
neigen sich eine Anzahl von Forschern der Anschauung zu, dass auch die tiefen Wasserschichten des
thierischen Lebens nicht entbehren. In der That lassen vereinzelte Funde mit ziemlicher Sicherheit
darauf schliessen, dass die grösseren Meerestiefen von pelagischen Thieren bevölkert werden.
Bei den Tiefenlothungen, welche während der Reise der Corvette „Gazelle“ um die Erde
1874—1876 angestellt wurden, fanden sich wiederholt an der Lothleine ganze Siphonophoren und Theile
derselben. Wie S t u d e r *) in seinen interessanten Mittheilungen über dieselben berichtet, so fallen die
häufigsten Funde auf Tiefen von 800—1500 Faden mit Temperaturen von 2—3 0 C.
Um den Nachweis von pelagischen Thieren in grossen Tiefen zu erbringen, wendete man auf
dem C h a l l e n g e r 2) die „tow-nets“ an, welche anfänglich bis zu 800 Faden herabgelassen und späterhin
direkt an dem Tau der Dretsche befestigt wurden. Sie wurden theils in horizontaler Richtung gezogen,
theils derart an dem Tau befestigt, dass sie erst bei dem Aufwinden in der Vertikalen die gesammte
Wassersäule durchfurchten.
Stets enthielten sie pelagische Thiere, welche an der Oberfläche nicht beobachtet wurden, und
der Verwendung dieser Taunetze ist vorwiegend die Entdeckung der merkwürdigen Challengeriden
unter den Radiolarien zu verdanken. Der Uebelstand freilich, dass diese Netze die gesammte Wassermasse
oft stundenlang in vertikaler Richtung durchziehen mussten, ehe sie an die Oberfläche gelangten,
mag es mit sich gebracht haben, dass die einzelnen Bearbeiter des Challenger-Materiales nur mit grosser
Reserve die Vermuthung aussprechen, es möchten gewisse in den Netzen enthaltene Thiere auch that-
sächlieh in bestimmten Tiefen gelebt haben. Als ein Beispiel für viele führe ich die Aeusserang von
Spence Bate (Narrat. Vol. II, p. 528) an: „Before we shall be able to determine with accuracy the
relative bathymetrical distribution of the Crustacea, it is desirable that we should be able to sweep the
ocean at various depths without fear of entangling specimens from other strata than those required.
Owing to the construction of the apparatus in use for dredging and drawling, it is difficult to determine
whether a specimen from a Station with a recorded depth may or may not have become entangled in
the nets during the downward or upward passage through the water.“ So mag es denn gekommen
sein, dass andere Beobachter, so z. B. S a r s in seiner Bearbeitung der Schizopoden des Challenger, auf
Tiefenangaben des in den Taunetzen gesammelten Materiales verzichten. Nur H a e c k e l , 5) dem
allerdings das weitaus reichhaltigste und interessanteste Material - aus den Taunetzen zur Verfügung
steht, bemüht sich die vertikale Verbreitung der Radiolarien nach Zonen zu gliedern. Er unterscheidet
1. pelagische, an der Oberfläche des Meeres schwebende, 2. zonare, in bestimmten Meerestiefen schwebende
und 3. profunde, auf dem Boden des Meeres lebende Formen. Was seine Nomenclatur anbetrifft, so
möchte ich mit Rücksicht auf die enormen Excursionen, welche nicht nur von Radiolarien (s. oben
Brandt p. 10), sondern auch von sonstigen pelagischen Thieren in vertikaler Richtung unternommen werden,
vorschlagen, den Ausdruck „pelagisch“ überhaupt auf alle flottirenden Thiere im Gegensatz zu festsitzenden
und beweglichen „profunden“ anzuwenden. Für jene pelagische Formen, welche constant nur .an der Oberfläche
Vorkommen, wende ich die Bezeichnung „superficiale“ an, während für die auf bestimmte Tiefenzonen
angewiesene pelagische Thiere die Benennung „zonare“ gelten bleibt4). H a e c k e l ’s und M u r r a y ’s
Darlegungen ist es wohl vorwiegend zuzuschreiben, wenn man neuerdings der Ansicht zuneigt, dass die
grossen Tiefen, wenn auch relativ arm an Thieren, so doch wenigstens von Radiolarien bevölkert werden.
.*) T h . S t a d e r . Ueber Siphonophoren des tiefen Wassers. Zeitschr. f. wiss. Zoöl. Bd. 31, 1878 p. 1 3.
2) The Voyage o f Challenger. Narrative by W. T h o m s o n and T. M u r r a y Vol. I, 1886, p. 79.
8) E. H a e c k e l . Entwurf e ines Eadiölarien-Systems auf Grund der Challenger - Radiolarien. Jen. Zeitschr. f.
Naturw. Bd. 16, p. 4 ’22.
4) Jen e Thiere, welche nicht an bestimmte Zonen gebunden sind, sondern von der Oberfläche an bis zu grossen
Tiefen herabsteigen, könnten als „interzonare“ pelagische Thiere bezeichnet werden.