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Zusammenfassung.
Durch vorstehende etwas ermüdende Untersuchungen, welche ich auf das grösstmögliche Material
ausdehnte, glaube ich den Beweis für die Papilioniden erbracht zu h ab en , dass eine Untersuchung über
Verwandtschaften, welche allein, wie die E im e r ’s es unternahm, die Zeichnung berücksichtigt, unmöglich
zu irgendwie verwendbaren Resultaten führen kann. Als geradezu überzeugenden Beweis dafür führe ich
nur die Gattungen Doritis und Parnassius a n , welche in der Th a t sehr nahe miteinander verwandt sind
und doch eine durchaus verschiedene Zeichnung besitzen.
Weiter haben wir aber zu zeigen Gelegenheit gehabt, dass in der That eine gewisse Regel-
mässigkeit vorhanden is t, mit welcher die Umbildung der Zeichnungen erfolgt, dass aber diese nicht
einmal im Rahmen einer Gattung in j e d e r B e z i e h u n g s t r e n g durchgeführt ist.
So sind wir in Beziehung au f die Arten von Papilio zu dem Resultat gekommen, eine gelblich
gefärbte Urform anzunehmen, welche ungefähr zehn quer über beide Flügel verlaufende, ursprünglich
wohl einfarbig dunkle Bänder besass. Dagegen hatten wir in den kleinen, dem Geäder nach von Papilio
abzuleitenden Gattungen in Sericinus und Armandia Zeichnungsverhältnisse angetroffen, wie sie ungefähr
der ersten Umbildung der primären Zeichnung zuzuschreiben wären , Vereinigungen zweier benachbarter
Binden oder Bänder, welche das dazwischen liegende Element, das Band oder die Binde, verkürzten, indem
sie selbst an dem Orte höherer Concentration, meist dem Hinterrande, zusammentraten.
Vielleicht liegt uns in der Q u e r s t r i c h e l u n g der Flügeloberseite von Doritis noch eine
weitere Vorstufe der Zeichnung vor , die unentschiedene unregelmässige Querstrichelung, aus der erst
wie bei Doritis selbst die Flecke und dann die Bänder hervorgingen. Wenigstens ist diese Strichelung
weit verbreitet und offenbar in vielen Fällen die ursprünglichste Zeichnungsform.
Unter den Papilio-Arten dürfte sie uns in der eigenthümlichen queren Strichelung der Vorderflügeloberseite
innerhalb der Mittelbinde bei den Rinnenfaltern P . Erithonius und Demoleus und in
Spuren in der Vorderflügelzelle von P . Xuthus entgegentreten, obwohl ihr besonders in der Erithonius-
Gruppe die Zeichnung der Unterseite nicht entspricht. Weiter tritt sie uns unter den Tagfaltern am
Vorderrande der Vorderflügeloberseite bei vielen Arten von Elyvnnias, au f den in der Ruhestellung nicht
gedeckten Theilen der Flügelunterseite aber bei zahlreichen Satyriden, Nymphaliden etc., besonders schön
bei den dämmerungsliebenden Caligiden, entgegen.
Unter den Uraniiden treffen wir diese unregelmässige Strichelung besonders bei den nächtlichen
grossen braunen Arten der Gattung Nyctalemon a n , bei welcher sie sich ebenfalls am ganzen
Vorderrande, im Basalwinkel und am Innenrande der Oberseite der Vorderflügel erhält, während sie auf
der Unterseite, besonders an der Basis, eng gedrängt ist, über beide Flügel hinwegzieht und aussen zu
grösseren zerstreuten Streifen wird, die aber meist innerhalb der Felder abgekürzt sin d , also in Bezug
auf Ausdehnung ungefähr der Anlage der Bänder in der Papilio-Puppe, entsprechen.
Aus dieser regelmässigen Strichelung scheint eine Zeichnung mit zahlreichen randläufigen einfachen
Zackenstreifen hervorzugehen, welche etwas weiter als die bei Doritis erwähnte, vorgeschritten
[wäre. Bei Tagfaltern ist mir solche „W e l l e n z e i c h n u n g “ nicht bekannt, dagegen ist sie bei
Heteroceren häufiger anzutreffen (Brahmaea) und auch bei Uraniiden ausgebildet (Sematura).
Hieraus entwickeln sich endlich die Streifen und Binden, indem entweder die Grundfarbenreste
¡ oder die Zeichnungen sich zu Complexen vereinigen, die oft zusammengesetzter Natur sind und dann
primäre oder secundäre Bänder votstellen (Gorönis). Bei den abgeleitetesten Formen der tagfliegenden
¡Uraniiden (Alcidis) lässt sich noch am Costalrand der Vorder-.und am,Innenwinkel der Hinterflügel diese
¡dichte Querbänderung erkennen,' welche durch die Ausbildung des'secundären Kleides grossentheils auch
[auf der Unterseite unterdrückt wird.
Fassen wir nun kurz die Resultate der Entwickelung der Zeichnung, wie wir sie an den Arten
¡ der Papilioniden verfolgen konnten, zusammen, so stellte sich im Allgemeinen im Laufe der genealogisch
¡fortschreitenden Entwickelung eine scheinbare Vereinfachung, in Wirklichkeit aber , eher eine schwer
j entwirrbare Complication der Zeichnung heraus. Bewirkt wurde dieselbe:
1 . durch Verschmelzen der ursprünglich getrennt von einander, verlaufenden Bänder oder Binden;
2. durch secundäre Zunahme der Zeichnung, welche in der Längsrichtung meist den Rippenzügen
folgte und die Binden in Tüpfel zerschnitt;
3 . durch eine zunehmende, oft von klimatischen Einflüssen gedingte Verdunkelung der Grundfarbe,
welche die Bänder verschmolz und die Binden unterdrückte;
4. durch längs der Rippen zwischen oder in den Bändern verlaufende Aufhellung, welche die
ursprüngliche Zeichnung verdrängte und auf den Vorderflügeln ' meist von hinten nach vorn,
au f den Hinterflügeln umgekehrt verlief.
Umbildungen schritten im Allgemeinen von hinten nach vorn v o r; Neubildungen traten nur in
vereinzelten Fällen und wohl meist in Rückschlag auf frühere Zeichnungen auf.
Endlich gingen der mimetischen Umbildung in den meisten Fällen Rückschlagserscheinungen
¡von Seiten der Weibchen voraus, die zuerst auf die Zeichnungsverhältnisse der zunächst stehenden, im
weiteren Verlauf aber auf die früherer Vorläufer zurückgriffen und so das Material zur mimetischen Anpassung
lieferten.
Bibliotheca zoologica. Heft VIII.