
Nachahmer, deren Aehnlichkeit mit ihrem Modelle allerdings meist keine ausserordentlich ausgebildete*)
ist, welche heute viel häufiger sind als ihre Modelle. Letzteres gilt z. B. für eine mimetische Pieride
(Archonias Tereas Godt) im Verhältniss zu ihrem Modell, P. (Pharm). Erithalion Godt-,f^ wie schon
Fr. Mü l l e r hervorhob, und für einige ebenfalls in beiden Geschlechtern in geringer Weise angepasste
Rinnenfalter (P. Pompqjus F. etc.)
Aehnlich kommen gewisse mimetische Arten der neotropischen Eryciniden-Ga.ttung Stalachthis2) Hb.,
welche entweder die bunte Melinaeen-Tracht oder das Kleid der OroZma-Gruppe von Ithomia tragen,
manchmal an bestimmten Orten in so grossen Mengen vor, dass H. W. B a t e s selbst die S ta l Duvdlii
am oberen Amazonas als Modell für Anpassung gewisser seltener schmackhafter Pieridm und die bunte
Stal. Galliope sogar als solches für eine allerdings seltene aber sicher immune Heliconier-Form, Eueides
Lampeto Bates, ansehen konnte.
Weiter kennen wir sogar unzweifelhaft secundär angepasste Formen von Rinnenfalter-Weibchen,
so Pap. Thersites F . 9 Acamas und Lycophron 9 Pyrithous (Antillen, Cuba),., deren Modelle; wenn sie in
heutigen Arten überhaupt noch erhalten sind, doch diesen Weibchen nicht mehr gleichen. Dasselbe gilt
für Arten der indischen Polymnestor-Gr. Endlich gibt es in beiden Geschlechtern unzweifelhaft mimetische
Arten, wie Pap. (Druryia) Antimachus Dru, (Theil I , Seite 72), deren Modell, eine Riesenform®) von
Acraea, wir uns nach den heutigen Arten kaum vorstellen können.4)
So darf man denn annehmen, dass zu einer bestimmten Zeit der neuesten geologischen Perioden,
wahrscheinlich, als die je tzt so reich entwickelte Vogelwelt sich erst differencirte, in Folge heftigeren
Kampfes um die Existenz mimetische Anpassungen an widrige Modelle ausgebildeter und verbreiteter
waren, denn sicherlich zählen die Schmetterlinge heutzutage nicht mehr zur Hauptnahrung der Insecten-
fresser, vor Allem nicht der Vögel.
Leichter hinweggehen dürfen wir über die früheren Angriffe W. L. D i s t a n t ’s 5) auf unsere von
ihm als „the romance of Natural History“ °) bezeichnete Theorie. Vor . Allem h at gegenüber der von.
D is t a n t als „unlucky“ für den Darwinismus bezeichneten Thatsache, -dass „it is ju st those species, which
superficially bear the closest resemblance to each other, that differ most in their fundamental structure“ ,
schon A. R. Wa l l a c e (vergl. Seite 3) es geradezu als ein characteristisches Merkmal der mimetischen An')
Dagegen besitzen die seltensten mimetischen schmackhaften Arten, wie Pap. (Cosm.) Ideoides He w ., von dem
schon das Männchen nach S t a n d in g e r ’s Yerkaofsliste den mehr als vierzigfachen Preis des. Modens,(£fes</a Leuconoe) hat,
und das dem Modelle noch ähnlichere Weibchen nur in wenigen Stücken bekannt ist, meist eine fast unübertreffbare Ausbildung
dieser Aehnlichkeit.
2) Es wäre sehr erwünscht, dass die Entwickelung der Stalacht/ns-Axten soweit aufgeklärt würde, dass man über die
Frage ihrer relativen Widrigkeit oder Schmackhaftigkeit sicher entscheiden kann. Für erstere spricht das schwerfällige Benehmen
von St. Susanna F., wie A. S e i t z es gekennzeichnet hat, und die Häufigkeit dieser eine durchaus eigene und auffallende
Tracht führenden Art.
®) Wahrscheinlich waren z. B. die Em-ycus-Formen, an welche sich z. B. P. Erechtheus Don f aus der GambrisitiS*
Gruppe der Binnenfalter anpasste, grössere Thiere als die heutige Eu. Cressida, welcher nur die jüngste Terminalform der Gruppe,
der P. Anactus Macleay, in beiden Geschlechtern auch in der Grösse gleicht (vgl. Theil I, Seite 44).
4) Das ganz vor Kurzem zuerst beschriebene Weibchen von P. Antimachus unterscheidet sich von dem Männchen durch
die (wohl mehr zugerundete?) Flügelform.
6) Bei H ew itso n , Exotic Butterflies Bd. IV, Text zu Diadema III.
6) E. G e r h a r d , über die Aehnlichkeit einzelner Arten von Schmetterlingen etc. Bull. Soc. Ent. Ital. XV 1883 begnügt
sich damit, C. c. 160 die Mimicry als ein „Spiel oder Neckerei der Natur“ zu bezeichnen.
passung im Gegensätze zur natürlichen Verwandtschaft hervorgehoben, „dass die Nachahmung nur eine
äusserliche und von aussen sichtbare ist und sich nie auf innere Charactere erstreckt.“
Der „offensive smell“ , den Wa l l a c e den Danaern zuschreibt, ist nach D i s t a n t aber kein Abschreckungsmittel
für die Schmetterlingsfeinde, sondern „ a sweet smelling unction. May not all the imi-
tators of these scented aristocrats be simply favorits of fashion, apeing the dress of their superiors and, since
the females take the lead, naturally selecting those of the gayest colours.“
Den Impuls, welchen wir in der Einwirkung natürlicher Auslese während des härtesten Kampfes
um die Existenz suchen, findet D i s t a n t also in einer Modenarrheit! —
Vom naturwissenschaftlichen Standpuncte ebenso zu verwerfen ist die dem Standpunct J . F r o s c h -
am me rV ) sich anschliessende Ansicht 0 . T h i em e ’s 2), dass eine im Thier lebendige gestaltende Umbildungskraft
die mimetischen Anpassungen selbstthätig hervorrufen soll.
Schliesslich hätten wir noch auf die mir nur aus dem Citat bei Sicard 1. c. bekannt gewordene
Deutung der Mimicry-Erscheinungen einzugehen, wie sie M. Wa g n e r ausgesprochen hatte. „Wa g n e r
erklärt die Mimicry durch Localisation, indem das Thier nicht auffallen will.“ Es würden nach ihm also alle
mimetischen Anpassungen nur unter den Begriff der „protective ressemblance“ fallen, welche dem Einzelwesen
gestattet, sich einem i n t e g r i r e n d e n Theil der Umgebung unauffällig einzuverleiben, wie die ruhende
Kallima dem trockene Blätter tragenden Baum. In der That scheint diese Ansicht, dass n u r d a s
s e l t e n e r e T h i e r s i c h dem h ä u f i g e r e n a n p a s s t , we l c h e s n i c h t b e s o n d e r s b e s c h ü t z t zu
s e i n b r a u c h t , besonders neuerdings auch unter den beobachtenden Lepidopterologen Vertreter gefunden
zu haben.
So erwähnt A. S e i t z 3), dass ein Angehöriger der zahlreiche mimetische Formen stellenden Nym-
phalinen-Gattung Phyciodes mehreren Nymphidium-Arten (Eryciniden) ähnelt und sich von einigen Dynamine
(ebenfalls Nymphalinen) nur durch den Flug unterscheidet. Weiter weist er 1. c. p. 923 darauf hin,
dass gerade die Eryciniden-Gattung Nymphidium „häufig vorkommende Tagfalter-Arten wie Adelpha, Pyro-
gyra, Dynamineu copirt und z. B .. Thisbe irenaea Cr. „das Dynamine mylitta-Weibchen nicht nur auf der
Oberseite, sondern auch auf der durchaus davon verschiedenen Unterseite nachahmt.“ A. S e i t z bemerkt
übrigens selbst in Bezug auf diese Fälle, „dass es ihm dunkel sei, welchen Zweck diese Mimicry habe,
d .'|h | gegen wen sie schützen solle.“
Auch uns haben seinerzeit die vielen Färbungsanalogien, welche wir zwischen neotropischen
Nymphalinen und Vertretern der stets viel kleineren Eryciniden meist in beiden Geschlechtern antrafen
und die sich bei manchen Arten bis zu wirklich auffallender Aehnlichkeit ausgebildet haben, längere Zeit
beschäftigt. Vielleicht sind einige dieser Nymphalinen durch bestimmte Raupennahrung in gewissem geringen
Grade immun geworden. So nährt sich nach W. Mü l l e r die Raupe von Pyrrhogyra sp. von einer kletternden
PauTlinia (Sapindaceae)^ die von Gatagranvma von Allophylus (Sapind.); die von Didonis Biblis
Dru., zu der es ebenfalls eine analoge Eryciniden-Form gibt, lebt an Tragia, die von Eunica margarita
an Sebasüana, die von Dynamine an Dalecha/mpia, lauter Euphorbiaceen. So wäre es denn möglich, aber
erst durch weitere Untersuchungen im brasilianischen Urwalde eiitscheidbar, dass hier ebenfalls Fälle von
Mimicry, d. h. Anpassung an in gewissem Grade besser geschützte Modelle vorliegen.
’) J. F ro s c h am m e r , die Phantasie als das Grundprincip des Weltprocesses (München, 1877).
2) 0. T h i eine, Analogien im Habitus etc. (Berliner entomol. Zeitschr. XXVIII, Heft 1), p. 191—202. •
8) A. S e it z , Lepidopterol. Studien im Auslande. C. c. p. 906.
Bibliotheca Zoologica. Heft VIII.** 1 8