
b) Wie aus Taf. V, Fig. 32 u. 33 ersichtlich ist, sind die Seitenäste des Supraneuralgefässes nicht
vollkommen symmetrisch angeordnet, sondern es entspringt der linke etwas vor dem
rechten.
c) Wie bereits in dem Abschnitt über die Pleuraldrüsen e rw äh n t. wurde, zweigt sich von jeder
Arterie des letzten Beinpaares ein Gefäss ab, welches in eine ganze Anzahl dünnerer Aeste
zerfällt, die, durch Bindegewebe zu einem einzigen Bündel vereinigt, zu den Pleuraldrüsen
der betreffenden Seite verlaufen und dieselben mit Blut versorgen (Taf. III, Fig 20 blgb).
d) Betrachtet man ein in toto heraus präparirtes Supraneuralgefäss, so sieht man zwischen
je zwei Paaren von Seitenarterien Muskelbündel an dasselbe herantreten. Man könnte deshalb
glauben, dass auch das Bauchgefäss Flügelmuskeln besitzt. Bei genauer Untersuchung
zeigt es sich jedoch, dass die betreffenden Muskeln Transversalmuskeln sind, d. h. von
einer Seite des Körpers auf die ändere verlaufen und, da sie direct über dem Supraneuralgefäss
dahinstreichen, sehr häufig mehr oder weniger fest mit der Dorsalwand desselben
verlöthet sind (Taf. V , Fig. 32 trm). Ich glaube nicht, dass diese Muskeln irgendwie
eine Erweiterung des Supraneuralgefässes herbeiführen können.
2. Der feinere Bau des Gefässsystems.
Ueber den feineren Bau des Gefässsystems will ich mich kurz fassen, zumal die grösste Anzahl
der Thatsachen nur zeigt, dass sich in dieser Hinsicht bei den Chilopoden dieselben Verhältnisse vorfinden
wie bei den übrigen Tracheaten.
Was zunächst die Structur des Rückengefässes betrifft, so unterscheidet man an der Wandung
desselben drei Schichten. Die äussere, die wir mit dem herkömmlichen Namen Adventitia belegen
können, is t bindegewebiger Natur und weist Längs- und Querfasern auf. Die zweite Schicht ist die
starke Ringmuskelschicht. Dieselbe bildet keinen einheitlichen Muskelschlauch, sondern ist — wie dies
ja auch bei den anderen Tracheaten der Fall is t||[ - aus einzelnen Muskelringen (Taf IV , Fig. 24 u: 27
und Taf. V, Fig. 29) zusammengesetzt, welche au f Präparaten häufig weit von einander entfernt sind.
Wenn ich nun auch geneigt b in , eine allzugrosse Trennung der einzelnen Ringe auf den Einfluss des
Fixirungsmittels zu schieben, so ist es doch immerhin möglich, dass eine geringe Entfernung der Ringe
von einander auch im normalen Zustand bei der Diastole des Herzens eintritt. Dass trotzdem kein Blut
aus dem Gefäss wieder in die Pericardialhöhle zurückströmen k an n , wird durch eine Einrichtung unmöglich
gemacht, die weiter unten zur Sprache kommen soll.
Was die Ringmuskeln selbst betrifft, so sind dieselben deutlich,.quergestreift, wenngleich die
Querstreifung auch nicht so ausgeprägt ist wie bei den Rumpfmuskeln.
Auf Querschnitten von Scolopendra sah ich häufig, wie in Folge des Fixirungsmittels die rechte
und linke Wandung des Rückengefässes in der ventralen Mittellinie aus einander gewichen waren. Es
war mir dies ein Hinweis, dass jeder Muskelring nicht aus einem Stück, sondern aus zweien besteht,
welche in der dorsalen und ventralen Mittellinie mit einander verlöthet sind. Und in der That zeigte es
sich bei genauer Betrachtung von Querschnitten, auf denen bei schwacher Vergrösserung die Muskelringe
keine Theilung aufwiesen, dass dieselben aus zwei lateralen Bestand theilen bestehen, die in der dorsalen
und ventralen Mittellinie mit einander verkittet sind. Dieser anatomische Befund scheint mir anzudeuten,
dass sich bei den Chilopoden das Rückengefäss in derselben Weise entwickelt wie bei den Insecten.
Wir kommen nun zur d ritten , innersten Schicht der Rückengefässwandung. Dieselbe ist sehr
dünn und erscheint, besonders bei Scolopendra, als homogene Membran, in der ich deutliche Zellkerne
nachweisen konnte. Ich war deshalb frü h e r13) geneigt, die innere Auskleidung des Chilopodenherzens
für ein Epithel zu halten, doch hat mich davon folgender Befund abgebracht, den ich zuerst bei
Scolopendra constatirte, dann' aber auch bei Scutigera auffand. Ich sah nämlich auf Längsschnitten durch
das H e rz , wie von der inneren Membran zwischen je zwei Muskelringen hindurch Scheidewände von
gleicher Beschaffenheit verliefen und sich an eine dünne Membran ansetzten, die unter der eigentlichen
faserigen Adventitia die Muskelringe von aussen her einhüllte und ebenfalls homogen wie die innere
Schicht erschien. Es ist also jeder Muskelring in eine Kapsel eingeschlossen, die sowohl in der dem
Gefässlumen zugekehrten Wandung als auch in der äusseren deutliche Zellkerne aufweist und als das
Perimysium der einzelnen Muskelringe betrachtet werden kann (Taf. V , Fig. 35). Ein wirkliches Endothel
existirt demnach im Rückengefäss der Chilopoden nicht*).
Der im Vorigen beschriebene Bau der Herzwand zeigt, dass, wenn auch bei der Diastole des
Herzens die einzelnen Muskelringe etwas aus einander weichen mögen, doch das Blut nicht aus dem
Rückengefäss wieder zurück in die Pericardialhöhle strömen kann.
Bevor wir den feineren Bau des Rückengefässes verlassen, mag noch der sog. Pericardialzellen
Erwähnung gethan werden, welche constant dem Rückengefäss der Chilopoden angelagert sind und sich
bekanntlich auch bei den Insecten und bei Peripatus vorfinden. Diese Zellen bilden entweder an den
Seiten wandun gen des Rückengefässes continuirliche Schichten (wie dies z. B. besonders ausgeprägt bei
Scolopendra der Fall ist [Taf. V, Fig. 28 u. 29 pcz]), oder sie treten nur an bestimmten Stellen der Seitenwandungen
auf (Scutigera). Sie liegen stets in den Maschen eines bindegewebigen Netzwerkes, welches
von der Adventitia des Herzens seinen Ursprung nimmt. Bei jungen Thieren sind die Zellen noch hell
und ganz den Jugendstadien der Fettzellen ähnlich, bei alten jedoch zeigen sie in ihrem Innern Anhäufungen
von dunkel gefärbten, körnigen Excretstoffen. Ich muss in Folge dessen S e d g w i c k 28) vollkommen
Recht geben, der vermuthete, dass die Pericardialzellen der Tracheaten in dieselbe Kategorie
gehören wie die Chloracogenzellen der Anneliden. Der Schluss von G r ä b e r® ) , dass sie specifische
Respirationsoxgane vorstellenr weil sich Tracheenverzweigungen in ihnen finden, ist nicht zwingend. Auch
bei den Chilopoden, besonders bei Scolopendra, bemerkt man häufig in der Pericardialzellenschicht
Tracheen, welche mit der Pericardialmembran , an welcher sich zahlreiche Verzweigungen ausbreiten, an
die Herzwand herantreten.
Was die Aorta cephalica anbelangt, so zeigt dieselbe bei Scutigera — wenigstens bis zum Abgang
des musculösen, blind endenden Schlauches — ebenfalls eine deutliche Ringmusculatur, die freilich
*) H a ts c h e c k ") führt an, dass in der Herzröhre der Arthropoden eine innere Epithelschicht nachzuweisen ist.
Wie aus Obigem ersichtlich, ist dieses wenigstens bei den Chilopoden nicht der Fall. Die Angaben über die betreffende
Frage bei den Insecten lauten sehr verschieden. Nach J aw o r o w s k i“ ) ist das Endocardium eine homogene Membran;
dasselbe giebt L e y d ig 18) für das Rückengefäss der Raupe von Bombyx rubi an, während derselbe Forscher bei den
Larven von Corethra plumicornis eine homogene Haut mit eingestreuten Kernen gefunden hat. Letztere Angabe stimmt
mit meinen Befunden bei den Chilopoden überein. — Bei Peripatus capensis wird nach B a lfo u r ') das Rückengefäss
von einem Endothel ausgekleidet; G a f f r o n 5) erwähnt davon jedoch nichts.