
Die Beschreibungen sind für alle Arten, die mir zugänglich waren, neu und selbständig nach
den Objekten verfaßt, nur in den wenigen anderen Fällen von anderen Autoren entlehnt, und ich
hoffe, sie werden zusammen mit den Tafeln jeden in die Möglichkeit versetzen, seine Ausbeute und
Erwerbungen selbst zu bestimmen und dadurch dieser Gruppe kleiner Schmetterlinge zahlreiche
neue Freunde gewinnen, durch deren vereinte Arbeit weiterhin auch dieses Gebiet mehr und mehr
aufgeklärt werden wird; denn noch ist vieles zu tun.
Zum Schluß spreche ich auch meinem verehrten Kollegen, Herrn Professor C h u n , meinen
verbindlichen Dank aus für die Liebenswürdigkeit, mit welcher er die von ihm herausgegebene Zeitschrift
„Zoologica“ für die Publikation zur Verfügung gestellt hat, wodurch das Erscheinen meines
Werkes wesentlich erleichtert worden ist.
D o r p a t , im Juni 1908.
Prof. Dr. J. Kennel.
I.
Allgemeiner Teil.
Abgrenzung des Gebietes.
Das geographische Gebiet, dessen Tortricidenfauna in vorliegender Arbeit behandelt werden
soll, umfaßt g a n z E u r o p a , S i b i r i e n , d i e Ma n d s c h u r e i , Mo n g o l e i , den
N o r d w e s t r a n d d e r Wü s t e G o b i und d i e d o r t l i e g e n d e n g e w a l t i g e n G e b
i r g e T h i a n - S c h a n , A l a - T a u und A 1 a i - T a g; das P a m i r p l a t e a u , R u s s i s c h
T u r k e s t a n , N o r d p e r s i e n , K u r d i s t a n , K l e i n a s i e n , S y r i e n , den N o r d -
r a n d v o n A f r i k a , die C a n a r i s c h e n l n s e l n und Ma d e i r a .
Es ist selbstverständlich, daß es sich bei dieser Umrahmung hinsichtlich einer Tiergruppe,
welche infolge ihrer leichten Verbreitungsmöglichkeit sowohl aktiv durch die Flugfähigkeit als passiv
durch starke Winde und im Larven-, Puppen- und Eizustande durch Verschleppung mittelst natürlicher
und künstlicher Hilfsmittel wenig eingeschränkt ist, um kein ganz natürlich abgegrenztes Gebiet
handelnkann. Es steht zweifellos über die B e h r in gs St raße mit Nordamer ika, über Sachal in
und K o r e a mit J a p a n, durch die M a n d s c h u r e i mit O s t c h i n a , über P e r s i e n und
A f g h a n i s t a n mit I n d i e n in Verbindung; auch an der Westseite A f r i k a s südwärts wird
eine Abgrenzung nicht möglich sein, und Beziehungen finden sich ferner über I s l a n d , G r ö n l
a n d , L a b r a d o r nach N o r d am e r i k a . Nicht nur in früheren Zeiten, als die Landverteilung
und die VegetationsVerhältnisse jetzt steriler Gegenden andere waren, konnte eine Ausbreitung und
Vermischung der Formen stattfinden, sie ist auch heute noch über Schranken hin möglich, die für
gewöhnlich als vollkommen trennende angesehen werden können. Jede geographische Einteilung der
Tiere ist und bleibt eine künstliche und willkürliche, und Abgrenzungen, die für gewisse Tiergruppen
gültig sein mögen, sind es nicht für andere.
Immerhin ist das oben umschriebene Gebiet heutigen Tages westlich und östlich gegen Nordamerika
abgegrenzt weniger durch die trennenden Meeresarme, als vielmehr durch die hohe nördliche
Breite der sich nahe kommenden Landgebiete, die nur wenigen Falterarten genügend günstige Existenzbedingungen
bieten, so daß eine normale Verbreitung daselbst äußerst spärlich sein wird und höchstens
gelegentliche Verschleppungen Vorkommen werden. Nach Süden hin schaffen die S a h a r a , das
s t e r i l e l n n e r e A r a b i e n s , die oben genannten hohen west-östlich ziehenden Gebirgskämme
Zentralasiens und die Wü s t e Go b i weitausgedehnte Schranken, denen gegenüber die gangbaren