
Die Larven leben in Kolonien beieinander, was durch ihre Entwicklungsweise ohne weiteres
erklärlich ist. Ich fand einigemal sehr schwache Kolonien mit kaum 10—20 Exemplaren, meist
aber solche, in denen ich die Zahl der Individuen nach vielen Hunderten, oft • sogar nach vielen
Tausenden schätzen mußte. Das letztere trifft aber nur für die undurchsichtigen Larven zu, die
Kolonien der durchsichtigen Form waren immer relativ schwach besetzt. Schon an dem herdenweisen
Zusammenleben der Larven kann man sie sogleich als die pädogenetischen Cecidomyiden
erkennen. Ein besonderes Kennzeichen besteht aber noch darin, daß in derselben Kolonie Larven
der allerverschiedensten Größen vereinigt sind; denn man findet da neben den alten Mutterlarven;
von 3—4 mm Länge, die noch nicht halb so großen jüngsten Tochterlarven und zwischen beiden
sämtliche Abstufungen. Die jüngeren Larven sieht man fast ständig in kriechender und bohrender
Bewegung, während die mit Embryonen prall erfüllten Mutterlarven regungslos daliegen. Die Larven
einer Kolonie haben die Gewohnheit, sich nicht gleichmäßig auf ihre Wohnstätte zu zerstreuen,
sondern sich in einzelnen Nestern zusammenzuscharen, wo sie oft zu Hunderten in dichten Knäueln
beieinander hegen. Sie bevorzugen dabei immer die besonders feuchten Stellen der Borke und ziehen
sich deshalb bei längerer Trockenheit mehr nach den in der Erde steckenden Teilen des Stumpfes
zurück. Offenbar gehört ein ziemliches Maß von Nässe zu ihren Lebensbedingungen. Das Licht
fliehen sie; denn bringt man mit Larven besetzte Rindenstücke in ein Glas, das man dem Lichte
aussetzt, so sind sie sehr bald von der Oberfläche der Rinde verschwunden und in deren Inneres
eingedrungen. Setzt man dagegen das Glas ins Dunkle, so kann man bald eine große Zahl von Larven
auch an den Gefäßwänden kriechen sehen. An einem Baumstumpf fand ich die Larven auch an der
Außenseite der Borke, doch war eben dieser Stumpf von hohem Gras und krautigen Pflanzen dicht
eingehüllt. .
Die kleinen unscheinbaren Tiere erweisen sich in jeder Beziehung als äußerst resistent. Sie
können mehrere Tage ohne Nahrung leben, man kann sie tagelang im Wasser liegen lassen, ohne daß
sie sterben, andernfalls aber können sie auch eine längere Zeit direkt in der Sonne hegen und ziemlich
stark austrocknen, was ich auch im Freien zu Zeiten großer Hitze beobachtet habe, wo sie. in völlig
ausgedorrter Borke dennoch lebendig angetroffen wurden. Im Winter habe ich sie unter Eis und
Schnee hervorgeholt und konnte beobachten, daß sie schon kurze Zeit nach ihrer Überführung in
die Wärme sich zu bewegen begannen. Auch beim Einbringen in Fixierlösungen zeigt sich ihre zähe
Widerstandskraft; denn selbst starker Sublimat-, Formol- und Pikrinsäurelösung widerstehen sie
bis zu einer halben Stunde, ehe der Tod eintritt.
Ihre Feinde in der Natur sind größere und stärkere Fliegen- und Mückenlarven, die man immer
in ihren Kolonien mit antrifft. Auch Elateriden- und Wanzenlarven und noch andere Räuber
scheinen ihnen nachzustellen. In den von mir aufgestellten Zuchten fielen die Larven oft einem
Pilz aus dem Geschlecht der Mucorineen zum Opfer.
Von den beiden mir zur Verfügung stehenden Larvenformen habe ich die Imago nur von der
undurchsichtigen Form erhalten. In einer Zucht dieser Larven waren am 1. Juni die Imagines in
großer Zahl erschienen, und an den nächsten Tagen folgten die übrigen nach. Es traten Männchen
und Weibchen auf, die ersteren waren jedoch bedeutend in der Minderzahl. Die kleinen, äußerst
zierlichen Insekten zeigten sich in dem Glasgefäß, das sie umschloß, sehr wenig lebhaft, ins Freie
gelassen, schwebten sie in ruhigem Fluge aufwärts und strebten sichtlich dem Lichte zu. Eine Kopula
habe ich nicht beobachtet.
Da Männchp*: und Weibchen vorhanden sind, so muß man annehmen, daß Begattung sta ttfindet,
daß dann die Weibchen die befruchteten Eier wieder unter die Borke ablegen, und daß aus
diese» Eiern eine=neue Larvengeneration hervorgeht. Bei dieser setzt nun die pädogenetische
Propagation ein, durch welche eine ¡Reihe von Larvengenerationen auseinander entwickelt werden.
Ioh.habe fast jede Woche die Tiere in der Natur aufgesucht und fand sie bis zum Eintritt der Kälte
ständig in lebhafter pädogenetischer Vermehran|?%riffen. Im Winter wird die Fortpflanzung
eingestellt. Man findet dann in den Kolonien sehr große Individuen, die bei gleicher Größe in der
warmen Jahreszeit mit Brut erfüllt wären; es zeigt sich jedoahbeim öffnen der Wiuterlarven, daß
in ihnen keine Embryonen vorhanden sind, daß vielmehr die Ovarien noch ganz intakt sind und nur
ungereifte Eier enthalten. Daneben findet man allerdings auch noch allgj abgestorbene Mutterlarven,
die mit ausgewachsenen Tochterlaiven erfüllt sind Doch werden diese der letzten Larvengeneration
des Herbstes angehören, da zu ihnen die Zwischenstadien in .der Kolonie fehlen. Sobald nun die
ersten warmen Tage des neuen Jahnei-beginnen,'beginnt auch in unseren Çecidomyidenlarven von
neuem die pädogenetische Vermehrung. Schon am 20. Marz .19«§ifand ich in einem Eichenstumpf
eine starke Kolonie von Larven, von denen einzelne bereits abghlöste Eier und junge Embryonen
m ihrem Inneren enthielten. Bis wieder||m Juni des Jahres nimmt die pädogenetische Fortpflanzung
ihren weiteren Verlauf. Die letzte, pädogenetisch entstandene Generation bildet jBoch keine neue
Brut, sondern çjie Larven gewinnen jetzt Imaginalscheiben, ||g e h e n dann in Puppen und schließlich
in die ^mago über) womit der Zyklus geschlossen ist. In der Zucht, aus^der ich die Imago erhielt,
habe ich sowohl Puppen, als auch Larven mit Imaginalscheiben zahlreich gesehen. Die letzteren
sind an den stark verdickten vorderen Segmenten leicht zu erkennen. Wie ich später zeigen werde
ist die pädogenetische Entwicklung unserer Larven eine echte Parthenogenese, die nur hier auf ein
frühes Jugendstadium verlegt ist. Der ganze Entwicklungszyklmist als® als ein Fall der Meterogonie
zu betrachten.
Nach meinen Beobachtungen halte ich es für wahrscheinlich, daß in den einzelnen Kolonien
mcht.jedes Jahr die Imago gebildet wird, sondern .es können vielleicht zwei und noch mehr Jahre
vergehen, ehe die Metamorphose eintritt. Denn von den acht verschiedenen Zuchten, die ich im
Mai, Juni und Juli 190/5 und 1906 zur Beobachtung im Zoologischen Institut unter verschiedenen
Bedingungen aufgestellt hatte, fand nur in einer die Metamorphose statt., in den anderen traten
während der drei Monate immer nur proliierieremde Larven auf. Auch während, der übrigen warmen
Jahreszeit standen mir stets frisch eingetragene Kolonien zur Verfügung, ohnedaß ich darin jemals
eine Imago beobachtet habe. Ich habe aber auch in der Natur geradd während der Monate Mai, Juni
und Juli besonders auf die Larven geachtet und fand gerade im ganzen Juni starke Kolonien mit
ausschließlich proliferierenden Larven, die unmöglich schon wieder aus den befrachteten Eiern der
Imaginés, hervorgegangen sein konnten. Um eine mehrjährige Proliferation der Larven nachzuweisen,
müßten freilich noch weitere einwandfreie Untersuchungen angestellt werden. Die durch-,
sichtige Form gedenke ich später noch weiter zu züchten, um auch aus ihr die Imago zu erhalten.
Von besonderem Interesse ist noch ein Verhalten der Winteïkoloniî®. Ich versuchte nämjich,
die Larven auch im Winter zur Proliferation zu veranlassen, indem Ä sie in die Wärme brachte!
Am 17. Januar wurde eine frische Kolonie eingetragen und im Laboratorium des Instituts aufgestellt.
Schon eine Woche später fand ich in dieser Kolonie Larven, welche losge lös t Eier und junge
Embryonalstadien enthielten. Indem ich nun von Tag zu Tag weiter beobachtete, traten die Larven
mit jungen Embryonalstadien und später auch mit älteren Embryonen immer zahlreicher auf. In