
beißenden Mundteile in stechende bei verschiedenen Insektenordnungen und Familien. Allein hier
handelt es sich immer um Organe, die zur Erhaltung des Lebens unbedingt nötig sind und um ihre
Entwicklung in direkter Abhängigkeit von der Lebensweise. Wenn weniger notwendige Organe,
und dazu gehören offenbar die hier in Frage kommenden, da die meisten anderen Schmetterlinge bei
gleicher Lebensweise ohne sie auskommen, in mehreren an und für sich enger zusammengehörigen
Gruppen vorhanden sind, liegt es stets näher, daran zu denken, daß es Erbstücke von gemeinsamen
Vorfahren her sein könnten, die sich in einigen Gattungen erhalten haben, vielleicht auch da und dort
weitere Ausbildung erfuhren, in anderen dagegen verschwunden sind.’ Will man das mehrfache isolierte
Auftreten der fraglichen Gebilde nicht behaupten und kann man es nicht beweisen, so muß man die
damit behafteten Gattungen in nächste verwandtschafliche Abhängigkeit von einander stellen,
so daß es immer eine von der anderen ererben konnte. Der Platz, wo man diese Gattungen so in nächste
Nähe bringen kann, kann nur die Wurzel des ganzen Wicklerstammes sein, von wo aus die drei Subfamilien
sich abgezweigt haben, denn der Costalumschlag der Vorderflügel findet sich in allen dreien.
Dann sind die Gattungen, welche das Gebilde nicht besitzen, die davon abzuleitenden, das Organ ist
weiterhin degeneriert und verschwunden. Etwas derartigen Überlegungen entsprechendes kommt
i nM e y r i c k s Stammtafeln in keiner Weise zum Ausdruck.
Ähnlich liegt die Sache bei dem Dorsalumschlag der Hinterflügel bei den f f einiger Gattungen
der Epiblemidae: Notocelia, Ancylis mit Haarpinsel einerseits, Cymolomia (und Exartema) und
Argyroploce {Olethreutes) ohne Haarpinsel und ventraler Umrollung andrerseits; auch diese müssen in
ganz anderer, viel engerer Beziehung stehen, als M e y r i c k annimmt.
Einige dieser Gattungen führen außerdem noch, nebst einigen anderen im männlichen Geschlecht
den ausbreitbaren Haarpinsel an den Tibien der Hinterbeine, was wieder auf engste Verwandtschaft
hinweist. Unter den Gattungen mit Dorsalumschlag der Hinterflügel u n d Haarpinsel besitzt
Notocelia auch den Costalumschlag der Vorderflügel, steht demnach den Stammformen näher; der
Mangel des Costalumschlags bei Ancylis muß durch Degeneration erklärt werden; da nun hier auch
die Auszeichnung der Hinterflügel schwächer entwickelt ist, kann man schließen, daß auch dieses
Gebilde nicht in fortschreitender, sondern rückschreitender Umbildung begriffen ist. Überträgt man
dieses Resultat auf die etwas anders gestaltete Umrollung des Dorsalrandes der Hinterflügel anderer
Gattungen, so gelangt man zu der Reihe Exartema-Cymolomia-Argyroploce-Phia/ris {Olethreutes).
In den ersten drei dieser Gattungen findet sich auch der Haarpinsel der Hinterschienen beim f , und
es ist interessant, zu sehen, daß dieser bei Argyroploce um so schwächer ist, je unbedeutender der
Dorsalumschlag des Hinterflügels wird und sogar ganz fehlen kann; das spricht einmal für einen gewissen
Zusammenhang der beiden Apparate, dann aber auch wieder für die fortschreitende Degeneration.
Aber noch in anderer Weise läßt sich wahrscheinlich machen, daß die genannten Einrichtungen
von früheren Vorfahren ererbt sein dürften und dem Verschwinden unterliegen, bei den meisten
Gattungen bereits verschwunden sind, daß es sich nicht umgekehrt um neu auf getretene und in Entwicklung
befindliche Organe handelt. Zunächst kann darauf hingewiesen werden, daß Costalumschläge
der Vorderflügel, Dorsalumrollungen der Hinterflügel und besondere Schuppenbildungen an diesen
Stellen, sowie Haarpinsel an den Hinterschienen auch noch bei verschiedenen anderen Schmetterlingsgruppen
Vorkommen, mitunter sogar Kombinationen zweier dieser Gebilde; wenn wir allein die palae-
arktischen Lepidopteren berücksichtigen, so braucht man nur die Hesperiden, Geometriden wie Lithostege,
Anaitis, Lobophora, Sparta, Eucosmia, Boarmiinae, die Papilionidae zu nennen; ganz besonders interessant
ist in dieser Hinsicht, daß bei den sehr primitiven Hepialiden ein mächtiger ausbreitbarer
Haarbüschel an den Hinterschienen des f sich findet. Daß diese unter den Lepidopteren so weit verbreiteten,
in recht fern stehenden Gruppen vorhandenen Organe, die in ähnlicher Art in keiner anderen
Insektenordnung sich finden, so und so oft sich entwickelt haben sollten, ist viel unwahrscheinlicher
als die Annahme, daß dieselben schon sehr frühzeitig bei den noch gleichförmigeren Urschmetterlingen
in einigen Gattungen für besondere Leistungen entstanden sind, von wo aus sie den verschiedenen
Ästen des Lepidopterenstsimm.es mitgegeben wurden; in den meisten Zweigen des jetzt sehr weit
verästelten Baumes sind sie später als nutzlos verschwunden, in manchen überhaupt nie vorhanden
gewesen, in einigen haben sie sich jedoch hartnäckiger erhalten, wie wir ja sehen, daß auch die primitiven
Ocellen in vielen Zweigen verschwunden sind, in anderen beibehalten wurden. Man wird ja nicht
annehmen, daß es nur eine einzige Form von Ur-Lepidopteren war, von der alle jetzt existierenden abstammen,
sondern eine ganze Anzahl verschiedener Stammformen werden sich ziemlich gleichzeitig
aus, wie man denkt, Trichopterenartigen Insekten herausgebildet haben, von denen manche nichts
besonderes, die eine Gruppe aber diese, die andere jene Anlage zur Entwicklung brachte; diese wurden
im Laufe der phylogenetischen Reihen modifiziert, weiter ausgebildet oder auch rückgebildet, aus
Ursachen, die wir nicht kennen, die wir um so weniger erraten können, als wir die Funktion der Organe
nicht mit Sicherheit festzustellen und die früheren Lebensbedingungen und Lebensweisen nicht
anzugeben vermögen. Es kann sich hier ja um Organe handeln, die in früheren Zeiten von viel größerer
Wichtigkeit für ihre Träger waren, die vielleicht auch beiden Geschlechtern zukamen; mit allmählicher
Änderung der Verhältnisse von geringerer Bedeutung geworden, mochten sie zuerst bei den ? $
degenerieren, später auch meist bei den f f bis auf Ausnahmen. Bei der Gattung Episimus Wlshm.
ans Westindien und Südamerika fand Wa l s i n g h a m b e i b e i d e n G e s c h l ec h t e r n einen
ausbreitbaren Haarpinsel unter der Basis der Vorderflügel, und vielleicht findet sich derartiges noch
öfter, wenn man erst genauer darauf achtet.
Es liegt mir fern, alle Gebilde, die in einzelnen Gattungen die f f gegenüber den auszeichnen,
oder die in manchen Gruppen bei beiden Geschlechtern als charakteristische Merkmale
Vorkommen, von dem gleichen Gesichtspunkt aus zu beurteilen. Zweifellos werden auch später
in den phylogenetischen Reihen noch da und dort wieder Besonderheiten und Organe von bestimmter
Funktion aufgetreten sein; aber diese müssen dann immer auf ganz nahe verwandte
Arten beschränkt sein, sich nur in einer oder einigen unmittelbar zusammenhängenden Gattungen
in gleicher oder ähnlicher Ausbildung finden, nicht aber bei einer ganzen Menge im übrigen ferner
stehender Gruppen.
Einen weiteren Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Richtigkeit der hier vertretenen Auffassung
sehe ich in der Struktur der fraglichen Organe, wobei für die Betrachtung der Costalumschlag am
Vorderflügel des f in der Gattung Cacoecia dienen mag. Eine andere an Arten reiche Gruppe, z. B.
Epiblema könnte ebenso gut benützt werden. Es ist schon früher erwähnt worden, daß man bei diesem
Costalumschlag alle möglichen Übergänge finden kann, von einfacher Aufstülpung der Costa an
bis zu einer breiten Tasche, ohne oder mit ungewöhnlichem Schuppeninhalt oder Haarpinsel. Man
vergleiche den mächtigen Umschlag bei Cacoecia capsigerana Kenn. (Taf. VI, Fig. 41, und geöffnet
Fig. 40) oder bei Cac. lecheana L. (Taf. VIII, Fig. 11) mit dem ganz schmalen Streifchen bei Oac.
fluxana Kenn. (Taf. VII, Fig. 36, 37) oder Cac. eatoniana Rag., siciliana Rag. (Taf. VII, Fig. 36—39),
oder mit; der von der Flügelbasis entfernten läppchenförmigen Umrollung bei Cac. sorbiana Hb.
(Taf. VII, Fig. 20), Cac. musculana Hb. (Taf. VII, Fig. 28), endlich mit der Andeutung vor der Mitte
der Costa bei Cac. evanidana Kenn. (Taf. VII, Fig. 14), so hat man einige Extreme vor sich.