
« ffilll 46 —
Es fragt sich nun, haben wir in diesen Verschiedenheiten eine Stufenleiter nach aufwärts,
von kleinem Anfang bis zu hoher Vollendung, oder abwärts, von guter Ausbildung bis zu fast völliger
Degeneration zu sehen? Wenn es sich hier um wirkliche Organe handelt, so werden doch wohl die
ausbreitbaren Haarpinsel in ihren eigenartig geformten Schuppenbälgen oder die ganz abweichend
gestalteten schlauch- öder wurstförmigen Schuppengebilde der wesentliche Bestandteil sein, der
Umschlag der Flügelverbreiterung ist nur eine Schutzhülle für diese leicht verletzbaren und abzulösenden
Gebilde. Das beweist der Haarpinsel an den Hinterschienen oder bei anderen Schmetterlingen
an anderer Stelle, der nur in einer Rinne liegt, die von gewöhnlichen Schuppen gebildet wird,
oder auch die frei auf der Flügelfläche sich findenden Büschel, Bürsten und Flecke umgeformter
Schuppen, wo solche Ueberdeckungen fehlen. Ist diese Anschauung richtig, so können nur die Costal-
umschläge eine Bedeutung haben, die einen funktionierenden Inhalt bergen, die ohne Inhalt sind
nur Schntzdeckel, die nichts zu schützen haben. Nun wird wohl nirgends in der Natur ein nebensächlicher
Hilfs- und Schutzapparat früher entstehen, als das wichtigere Gebilde, das die Funktion
ausübt, sondern gleichzeitig oder später. Niemand wird behaupten wollen, daß die Ohrmuschel vor dem
inneren Gehörapparat, der Deckel und die Resonanzmembran des Stimmorgans der Cicaden vor der
Schrillmembran und ihrem Muskel entstanden sei. Wäre der ungemein schmale aber feste Umschlag
an der Costa der Vorderflügel bei Cacoecia fluxana, ebenso wie das unbedeutende Läppchen bei Cac.
evanidana der Anfang, die Vor s tuf e der besser ausgebildeten, mit Inhalt versehenen Apparate, so
müßte man annehmen, daß das gleiche Organ innerhalb einer Tortricidengattung auf zwei verschiedenen
Wegen zur Entfaltung gekommen sei. Anders ist es, wenn man in der gut ausgestatteten Einrichtung
ein von Vorfahren ererbtes Organ mit Schutzvorrichtung erblickt, das bei anderen Arten mehr oder
weniger degeneriert ist. Dann kann das eigentlich Funktionierende völlig verschwunden sein, der Schutzdeckel
aber hat sich in mehr oder weniger guter Form erhalten oder ist gleichfalls bis auf Reste rückgebildet.
Degenerierende Organe aber können verschiedener Umformung fähig sein, da es nicht darauf
ankommt, welche Gestaltungen beim allmählichen Verschwinden durchlaufen werden, ob der Umschlag
in ganzer Länge gleichmäßig schmäler wird und endlich als einfache wulstige Verdickung erscheint,
oder ob er von der Flügelbasis an verschwindet und sein Rest eine hohle Umrollung eines verschieden
langen Läppchens darstellt. Daß die Erhaltung eines Hilfsgebildes auch nach der Degeneration des
Organs, dem es dient, noch in verschiedener Form fortbestehen kann, zeigen die Augenstiele blinder
Krebse, Schulter- und Beckengürtel extremitätenloser Wirbeltiere, die Schalenreste mancher Nacktschnecken,
wie Limax, die keinen Eingeweidesack mehr zu decken haben, und anderes mehr.
Was für den Costalumschlag der Vorderflügel hier durchgeführt wurde, läßt sich in gleicher
Weise für die Dorsalumrollungen der Hinterflügel mit und ohne Haarpinsel oder sonstigen Inhalt,
und auch für die Haarpinsel an den Hinterschienen wahrscheinlich machen, denn auch hier finden
sich alle Übergänge von guter Ausbildung bis zu völligem Fehlen bei sonst generisch nicht zu trennenden
Arten. Daß gelegentlich auch einmal der nutzlose Hilfsapparat sta tt gleich zu degenerieren,
eine abnorme Ausbildung erfahren kann und dann als auffallendes Anhängsel erscheint, widerspricht
nicht den auch anderswo gemachten Erfahrungen.
Von solchen und ähnlichen Gesichtspunkten, auch von gegenteiligen Anschauungen, merkt
man bei den von M e y r i c k aufgestellten Stammtafeln nichts. Bald stellt er eine Gattung mit
Costalumschlag der Vorderflügel an die Basis, bald an die Spitze, oder er bringt sie an mehreren
Stellen in der Mitte unter, woraus leicht ersichtlich ist, daß es sich bei ihm um ganz willkürliche Kombinationen
handelt, die keinen Anspruch auf wissenschaftlichen Wert machen können.
Die Gattungen der palaearktischen Wickler und ihre Beziehungen zu einander.
Wenn wir uns von Überlegungen leiten lassen, wie sie in Vorstehendem kurz dargelegt sind,
so werden wir zu der Anschauung kommen, daß die jetzt lebenden Wickler einen polyphyletischen
Ursprung- haben, d. h. es gab gleichzeitig eine ganze Anzahl von Stammformen, die alle die typischen
Wicklermerkmale besaßen, aber verschiedene Abweichungen aufwiesen hinsichtlich besonderer Auszeichnungen
der 0*0* an Elügeln und Hinterschienen. Es mögen Formen existiert haben, bei denen
sich o*o* und $ ? nicht von einander unterschieden; ferner solche, deren o*o* einen von einem
Costalumschlag der Vorderflügel bedeckten Haarpinsel besaßen; andere, die außer diesem Organ
auch noch einen Costalumschlag der Hinterflügel mit Haarpinsel hatten; wieder andere ohne einen
Costalumschlag der Vorderflügel aber mit einem Dorsalumschlag der Hinterflügel, welcher einen
Haarpinsel deckte; weiter solche, mit einer nach oben geschobenen Ventralumrollung am Dorsalrand
der Hinterflügel und einem Haarpinsel an den Hinterschienen; abermals andere, die nur einen Haarpinsel
der Hinterschienen aufwiesen zugleich mit einer dichten Beschuppung der Costa der Vorderflügel.
Was die jetzt lebenden Gattungen betrifft, deren f f keine besondere Auszeichnung haben,
so können diese direkt abstammen von der ersten Gruppe von Vorfahren; sie können aber auch von
irgend einer anderen Gruppe abgeleitet werden, indem die vorhandenen Merkmale der f f degeneriert
und verschwunden sind; das wird sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen lassen und es ist daher
nicht zu vermeiden, daß man in solche Gattungen nun Spezies von verschiedener Herkunft vereinigen
muß, wenn sie sich nicht durch andere Kennzeichen unterscheiden lassen. Darum habe ich die beigefügte
Übersichtstafel der Einfachheit halber so konstruiert, als seien alle Gattungen ohne besondere
Männchencharaktere von solchen abzuleiten, deren f f eine Auszeichnung gehabt haben, was durchaus
nicht dem wahren Entwicklungsgang zu entsprechen braucht. Unter den Urwicklern waren aber
schon drei Hauptgruppen vertreten: 1. Formen, bei denen in beiden Geschlechtern die Hauptader IV
(hintere Mittelrippe) der Hinterflügel auf der Oberseite mit steifen Härchen bürstenartig besetzt
ist: Subfamilie E p i b l e m i n a e {Epiblemidae Meyr.); bei ihr kommen die meisten und verschiedensten
Kombinationen der Männchenauszeichnungen vor. 2. Formen ohne diese Behaarung. Diese
Gruppe umfaßt wieder zwei Abteilungen: a) Arten, die sich in der Äderung eng an die Epiblemidae
anschließen, wie diese auf den Vorderflügeln einen deutlich ausgebildeten Rest, der Ader V gegen den
Saum hin besitzen, wobei die Ader IV2 sich aus dem Hauptstamm IV in der Regel vor 2/ 3 der Länge
der Mittelzelle abzweigt: Subfamilie T or t r i c i n a e {Tortriddae Meyr.), und b) solche Spezies,
.bei denen Ader V der Vorderflügel ganz fehlt, Ader IV2 erst nach Vs der Länge der Mittelzelle ent-
springt, saumwärts mit Ader a convergiert und die Stelle von Ader V einnimmt: Subfamilie Pha-
l o n i i n a e {Phaloniadae Meyr., Conchylinae Rbl.). In diesen beiden Unterfamilien kommt als besondere
Männchenauszeichnung nur ein Costalumschlag der Vorderflügel, bei den Phaloniinae auch
ein solcher der Hinterflügel vor, aber keine Dorsalumrollung der Hinterflügel oder ein Haarbüschel
der Hinterschienen. Bei den f f vieler Tortricinae ist der Uncus der Begattungsorgane ganz besonders
stark entwickelt, bei den ändern ist er viel schwächer und kürzer; - der Hakenfortsatz kann auch ganz
fehlen. Um das Bild der Stammtafel zu vereinfachen, wurden nicht die einzelnen oben angenommenen
Grundformen getrennt eingezeichnet, sondern alle Besonderheiten zu einem Gesamtbilde
eines Wicklers vereinigt, der im männlichen Geschlecht folgende Eigenschaften besitzt: Auf den
Vorderflügeln entspringen alle Adern getrennt von einander, V ist vorhanden, I I4 und I I5 umfassen
die Flügelspitze, die Mittelzelle ist durch die Ader I II und eine zweite ihr parallele Ader in drei Zellen