
niemals ausser Augen gelassen und brauche wohl kaum zu betonen, dass die von mir beschriebenen
Nerven auch wirklichen Nerven entsprechen. Die meisten meiner Beschreibungen und Abbildungen
sind Darstellungen dessen, was ich an einem und demselben Thiere gesehen habe; verhältniss-
mässig selten n u r sind Rücken- und Bauchnervensystem von verschiedenen Individuen genommen
und in der Abbildung combinirt (B . tereticolle, isopomm). Es Hess sich das unschwer und mit
einer gewissen Sicherheit th un, da der Seitennerv und seine Verbindungen sowohl von oben, wie
von unten h e r zu erkennen, und durch ihn dann der rich tig e Zusammenschluss des ganzen
Systèmes sicher zu bewirken war. E a s t keines von den gegebenen Bildern is t uncontrollirt
geblieben, die meisten sind mehrfach an verschiedenen u n d ‘auch verschieden a lten Individuen
zu r Beobachtung gekommen. Es s tellten sich dabei manchmal auch bei V e rtre te rn derselben A r t
kleine Verschiedenheiten, namentlich in Bezug au f die Zahl der Ringcommissuren heraus, was
ich schon oben an den betreffenden Stellen e rwähnt habe. Selbst wenn hierbei n ic h t Beobachtungsfehler
im Spiele sein sollten, was in Anb e tra ch t der Schwierigkeit des Objectes aber durchaus
nich t ausgeschlossen ist, glaube ich diesen kleinen Differenzen doch bis a u f weiteres um so
weniger W e r th beilegen zu sollen, als durch sie d e r C harakter, der Ty p u s des ganzen Bauplanes
fü r unser Organsystem nicht im geringsten g e stö rt wird. Zum Studium eignen sich am besten
jüngere Thiere, die noch g a r keine oder n u r e rs t wenige E ie r gebildet haben; indessen kann
man u n te r günstigen Umständen auch bei völlig reifen, und reichlich mit Eiern gefüllten In d ividuen
grössere oder kleinere Strecken des Nervenverlaufes oft sehr schön 'beobachten. Ganz
allgemein muss man bei der Untersuchung n u r d a ra u f achten, dass der angewandte Druck auf
den Thierkörper n ich t zu gross wird, da sonst die ausserordentlich z arte n Nervenstränge bis zur
Unsichtbarkeit zusammengepresst werden. J e nach der G-rösse der Thiere sind sie in den ersten
2—6 Stunden nach Anfertigung des P r äp a ra te s am deutlichsten. Z u r Erkennung der feineren
Einzelheiten is t eine gute homogene Immersion u n b e d i n g t e s Erforde rniss; die s ta rk en Längsnerven
sind u n te r Umständen schon mit viel schwächerer Vergrösserung zu erkennen.
Eine re c h t ausführliche und vollständige D a rstellung dessen, was w ir bis je tz t von dem
Nervensysteme un serer Distomen wissen, findet sich in Braun’s Bearbeitung von Bronn’s Classen
und Ordnungen etc. p. 680 ff. ; indem ich au f dieselbe verweise, k ann ich mich h ie r betreffs der
L i tte r a tu r um so k ü rz e r fassen. Bei allen unseren Würmern h a t man bis je tz t den als Gehirn
bezeichneten Abschnitt, die beiden zu Seiten des P h a ry n x gelegenen und durch eine dorsale
Commissur verbundenen Ganglien gekannt. Bei der grössten Mehrzahl gesellte sich hierzu eine
Verschiedene Anzahl austreten d e r Nervenäste, die theils nach vorn, theils nach hin ten ziehend,
meist schon sehr-bald nach ihrem A u s tritte der Beobachtung sich entzogen. Am s tä rk sten entwickelt,
deshalb am deutlichsten zu verfolgen, w a r s te ts der sogenannte Bauchnerv, den man in
manchen Fällen (Bist, hepaticum, cylindracewn u. a.) bis in’s h in te re Leibesende sich erstrecken
sah. Man konnte weiterhin auch g a r n ic h t selten von diesem Hauptnerven sich abzweigende
Seitennerven erkennen, deren einige besonders nach dem Bauchsaugnapfe sich begaben, indess
die anderen ebenfalls bald unsichtbar wurden. Von einer gegenseitigen Verbindung der Längsnerven
schien, abgesehen von der Gehirncommissur, nichts vorhanden zu sein.
Ein wesentlich reicher entwickeltes Nervensystem beschrieb P oirier1) bei dem grossen
i ) P o i r i e r , -Centrib. à l ’hist. des Trématodes, Pa ris 1885. S.-A, aus Archives d. Zool. expér. et générale.
I le Sér. VoL 3. 1885.
Bistomum clavatum und seinen Verwandten; reicher entwickelt insofern, als hier ein dorsales
Nervenpaar ziemlich weit nach hinten und die Bauchnerven durch die ganze Länge des Körpers
sich verfolgen Hessen. Die le tz teren vereinigten sieb sogar im Hinterende, ebenso wie zwei von
den Gehirnganglien aus nach vorn gehende Nerven durch ih re Vereinigung v o r dem Saugnapfe
eine geschlossene Schlinge um dessen vordere Circumferenz bildeten. Endlich zogen von den
Längsnerven aus eine ganze Anzahl von Commissuren quer um den Leib herum. Diese höhere
Ausbildung des Nervensystemes bei dem Bislomum clavatum schien in directem Zusammenhänge
zu stehen mit der excessiven Grösse des Wurmes, der die grösste Mehrzahl seiner Gattungsverwandten
an Leibesmasse um das hundert-, ja tausendfache ü b e rtrifft; es lag kein Grund vor,
in den Abweichungen, die das Bistomum clavatum bot, etwas Prinoipielles zu sehen.
Dem gegenüber stand nun der Bau des Nervenapparates, den Gaffron bei der U n te rsuchung
Lö b e n d e r Exemplare des Bistomum isostomum erk an n t h a tte , zunächst völlig isoHrt
d a ; es w a r schHesslich kein Wunder, dass e r im Vergleich zu dem bei der Mehrzahl der Tre-
matoden bisher bekannten als eine zwar bemerkenswerthe Ausnahme, aber doch als eine Ausnahme
b e tra c h te t wurde, aus der sich kaum ein bindender Schluss auf die Verhältnisse bei den
Verwandten ableiten liess. So äussert sich der erfahrenste Kenner unserer Thiere, Leuckart
d a rü b e r: „Gaffron scheint der Ansicht zu sein, dass die bei Bistomum isostomum von ihm beobachtete
und in ähnlicher Weise bei Tristomum vorkommende Anordnung des Nervenapparates fü r
die Trematoden schlechtweg als ty p is ch zu betrachten sei . . . Trotzdem aber bezweifle ich,
dass ein so eomplicirtes Verhalten bei den Trematoden die Regel i s t“ l).- Offenbar von demselben
Gedanken ausgehend, fü h r t auch Braun 2) den Bau des Nervenapparates von Bistomum isostomum
au f den einfachen der übrigen Distomen zurück: „ I c h . nehme daher an, dass der Bauch- und
Rückennerv von Bistomum isostomum dem Bauch- resp. Rückennerven anderer Trematoden entsprechen,
der Seitennerv aber n u r ein s ta rk entwickelter seitlicher Nerv ist, der bei den meisten
Digenea sehr kurz is t und sich nicht nach hinten e rs tre ck t“ 8).
Ich hoffe, durch die gegenwärtigen Darstellungen beide genannte Forscher zu einer
anderen Ueberzeugung zu fü h ren ; es scheint au f Grund der neuerkannten Thatsachen zweifellos,
dass der von Gaffron gefundene Bau thatsächlich als der typische zu betrachten ist, aus welchem
etwaige einfachere Zustände, deren Existenz aber e rs t genau festgestellt werden müsste, äbzu-
leiten sind. Sie würden dann selbstredend e rk lä rt werden als Reductionen, Vereinfachungen eines
urspriingHch reicher verzweigten Nervennetzes, und es würde eine solche Auffassung, da es sich
r .- j*) L e u c k a r t , Paras. d. M. 1. c. p'. 23.
2) B r a u n , B r o n n ’s CI. u. 0. p. 684.
3) Durch die jüngsten Untersuchungen von M o n t i c e l l i (loc. pag. 128 eit.) wird dem bisher Bekannten nichts
wesentlich Neues - hinzugefügt. M o n t i c e l l i erkennt bei den von ihm untersuchten Formen von dem Gehirn nach vorn
ziehend nur einen (Dist. calyptrocotyle) oder zwei ( Dist. Richiardii) Nerven, nach hinten ebenfalls nur zwei, von denen
aber der eine (augenscheinlich uuserem Rückennerven entsprechend) sich sehr bald verliert (D. calyptrocotyle); bei Dist.
Richiardii, D. nigroflavum und D. Megninii reicht er weiter nach hinten, während der andere (unser Bauchnerv) bis' in’s
Hinterende und hier sogar bis zu einer Vereinigung mit dem der Gegenseite sich verfolgen lässt. Dazu kommt noch ein
kleiner Nerv, der sich von den Gehirnganglien nach den Seiten des Körpers hinbegiebt (wohl der Seitennerv), so wie bei
Dist. Richiardii zwei kleine Nerven, welche dorsal und ventral von den Gehirnganglien ausgehen, sich aber bald verlieren.
Von Commissuren beobachtet M o n t i c e l l i (D. calyptrocotyle) ausser der Gehirncommissur und der oben erwähnten hinteren
Verbindung der Bauchnerven nur eine dorsale (?) Verbindung dieser in der Höhe des Bauchsaugnapfes, bei Dist. Richiardii
mehrfache Verbindungen der hier längeren Rückennerven mit den Bauchnerven und dieser untereinander. (Zusatz bei
der Correctur.)
Bibliotheca zoologica. Heft 16. 19