
spricht. Aber ganz abgesehen davon, dass jede gut inspirirte und geschickt vorgetragene Hypothese
dadurch nützt, dass sie das Interesse der Forscher für das behandelte Thema erweckt und zu
eingehenden Untersuchungen ansporntE- und dieses Verdienst kann die moderne Verschmelzungshypothese
in vollem Maasse für sich in Anspruch nehmen —, scheint es mir, wie schon erwähnt,
wahrscheinlich, dass in der That Verschmelzung und Theilung der Zähne bei der geschichtlichen
Entwicklung des Gebisses eine Rolle gespielt haben, wenn auch diese Vorgänge nicht entfernt jene
fundamentalen Resultate erzielt haben, welche die Anhänger der besagten Hypothese denselben
zuschreiben. Falls K ükenthal in dem Ausspruche, womit er seine grosse Arbeit über die Wal-
thiere (II) abschliesst : „eines der wesentlichsten Momente zur Bildung der Säugethierbackzähne
beruht in der Verschmelzung ursprünglich selbständig für sich existirender conischer Einzelzähne“,
das Wörtchen „wesentlichst“ streichen wollte, glaube ich, dass man ihm auf dem heutigen
Standpunkte unserer Kenntnisse zustimmen könnte.
Werfen wir schliesslich einen Blick zurück auf die Leistungen der Ontogenie im Dienste
der Morphologie des Zahnsystems, so können wir uns allerdings nicht verhehlen, dass die hochgespannten
Hoffnungen, welche man vielfach an den erstgenannten Forschungszweig geknüpft
hat, sich bisher nur in bescheidenem Maasse erfüllt haben. So sind die Erwartungen, welche
mancherseits gehegt wurden, durch die Ontogenie Aufschluss über die Entstehung des Säugethierzahnes
aus dem der niederen Wirbelthiere zu erhalten, wenigstens bisher völlig getäuscht
worden. Auch können, wie in der vorhergehenden Darstellung nachgewiesen worden, die onto-
genetischen Thatsachen, wenn diese allein als Prämisse morphologischer Schlüsse verwandt werden,
zu argen Irrungen führen. Wollte man aber die Schuld dafür der Ontogenie zuschreiben,
so würde dies eine ebenso grosse Verkennung der Forscbungsmethode und des Forschungsstoffes
kundgeben, wie wenn jemand aus einer Sammlung von Biographieen die Geschichte der
Völker construiren wollte. Erst wenn wir die von der Ontogenie aufgedeckten Thatsachen in
Beziehung mit dem vergleichend-anatomischen und palaeontologischen Materiale zu bringen suchen,
erst wenn die Aussagen dieser beiden Instanzen kritisch gegen einander abgewogen werden,
gelangen wir zu Erkenntnissen, welche sich genealogisch verwerthen lassen, indem sie uns eine
Vorstellung von wirklich geschichtlichen Vorgängen geben. Den Werth der Ontogenie des Zahn-
systemes aber in ibrem Zusammenwirken mit der Phylogenie dürften auch die vorhergehenden
Untersuchungen erkennen lassen. Ich greife aus denselben nur ein Beispiel heraus: die auf verschiedenen
Entwicklungsstufen stehenden, nie zur vollen Ausbildung kommenden Zahnanlagen in
der Ante-Molarenreihe beim Erinaceus-Embryo (pag. 41 — 42), beim jungen Scalops (pag. 53) sowie
bei verschiedenen Beutelthier-Jungen (pag. 106—107) haben wir als ebenso viele in der Ontogenie
wiederkehrende Zeugen von Zahngehilden kennen gelernt, welche im Laufe der historischen Entwicklung
unterdrückt worden sind. Das’einstmalige Vorhandensein dieser Zähne kann durch die
phylogenetischeForschung nur hypothetisch vorausgesetzt werden, durch die ontogenetische Untersuchung
aber wird es zur wissenschaftlichen Thatsache erhoben. Von vielleicht noch grössere]’
principieller Bedeutung sind jene Fälle, wo die Ontogenie des Zahnsystems uns in gewissen historischen
Vorgängen eine progressive Entwicklung erkennen lässt.
Durch Berücksichtigung der von der Embryologie gegebenen Gesichtspunkte und Aufschlüsse
hoffe ich auch meinen phylogenetischen Untersuchungen, welche ich im zweiten Theile
dieser Arbeit den Fachgenossen vorzulegen gedenke, eine gesicherte Basis gehen zu können.
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