
Da ich weniger auf Erbeuten eines reichen Materiales, denn auf tadellose Erhaltung der
in den Tiefennetzen sich verfangenden Crustaceen bedacht war, so ist es mir auch gelungen, eine
Anzahl von Schizopoden zu conserviren, welche ihre Antennen und Extremitäten in voller Pracht
entfaltet hatten. Ich bringe sie auf den das fünfte Kapitel begleitenden Tafeln zur Darstellung,
weil die Schilderungen in den Reisewerken der Challenger- und Plankton-Expedition auf Exemplaren
basiren, deren Anhänge abgebrochen waren. Zudem vermag ich unsere bisherigen Kennt-
nisse der Tiefsee-Schizopoden durch die Charakteristik zweier Arten zu bereichern, welche zu
den stattlichsten Repräsentanten dieser formenreichen Gruppe gehören. Da ich unter ihnen auch
die bisher unbekannt gebliebenen Männchen der Nematosceliden auffand, so flechte ich Bemerkungen
über die sekundären Geschlechtscharaktere der grossen Nemcitoscelis mctntis ein.
Die Wahrnehmung, dass Schizopodengattungen gelegentlich an der Oberfläche erscheinen,
welche durch die monströse Entwickelung ihrer mit Sinneshaaren übersäten Antennen, durch/ die
Umbildung der Vorderextremitäten zu Raubfiissen, durch übermächtig entwickelte und mit Leuchtorganen
ausgestattete Augen Charaktere von Tiefseeformen aufweisen, überraschte mich anfänglich
nicht wenig. Ich vermochte allerdings den Nachweis zu führen, dass dieses Auftreten an
der Oberfläche in monatlich sich wiederholenden Perioden regelmässig dann eintritt, wenn die
Strömungen rascher zu fliessen und die tieferen Wasserschichten aufzuwühlen beginnen. Immerhin
könnte man aus dem oberflächlichen Erscheinen von Formen, welche in grossen Schwärmen
die dunklen Regionen bevölkern, den Schluss ziehen, dass es sich nicht um Organismen handelt,
welche mit demselben Rechte, wie die Grundbewohner, als Tiefseeorganismen in Anspruch zu
nehmen sind.
Da mein sehnlich gehegter Wunsch, den biologischen Verhältnissen der pelagischen Lebewelt
mit neuen Fangapparaten nachzuspüren, sich bis jetzt nicht erfüllen liess, so versuchte ich
auf einem anderen Wege zum Ziel zu gelangen. Die Anpassung an die äusseren Existenzbedingungen
muss es mit sich bringen, dass Organismen, welche auf den Aufenthalt in unbelichteten
Regionen angewiesen sind und nur durch besondere Umstände an die Oberfläche befördert werden,
in dem feineren Bau ihres Orientirungsapparates Eigenthümlichkeiten erkennen lassen, die nur
durch ihre Lebensweise verständlich werden. Bau und Lebensweise verhalten sich wie die beiden
Glieder einer Gleichung, welche beide nur äquivalente Aenderungen zulassen. Es lag auf der
Hand, dass die Anpassung an das Leben im Dunkel in erster Linie den Bau des Auges beeinflussen
würde. Ich entschloss mich um so lieber, die feinere Struktur der Facettenaugen der
pelagischen Tiefenbewohner zu studiren, als die ausgezeichneten Beobachtungen S ig ism u n d
E x n e r ’s — welche, wie die neueren Untersuchungen über das Facettenauge lehren, immer noch
nicht ausreichend von den Zoologen gewürdigt werden — manche Gesichtspunkte an die Hand
geben, welche es ermöglichen, ein scharfes Urtheil über den Charakter des Auges als eines Dunkelauges
zu fällen. Ich war freilich nicht darauf vorbereitet, dass in ähnlich sinnfälliger Weise,
wie es die im letzten Kapitel niedergelegten Beobachtungen über Leuchtorgane und Facettenaugen
darlegen werden, die Anpassungen an den Aufenthalt in unbelichteten Regionen sich
geltend machen. Da ich bereits einen kurzen Bericht über meine Studien im Biologischen Centralblatte
(1893) veröffentlicht habe, so gestatte ich mir, darauf hinzuweisen, dass die hier veröffentlichten
Studien sich nicht nur auf den Bau der Augen von Euphausien beschränken, sondern
auch die Mysideen, Sergestiden und die Tiefenformen der pelagischen Süsswasserfauna in Betracht
ziehen. Ich hoffe an der Hand dieser Untersuchungen für die Beurtheilung der biologischen
Eigenart von Organismen Kriterien aufstellen zu können, welche unzweideutig einen Rückschluss
auf die Tiefseenatur gestatten. Dies gilt namentlich für jene selteneren Formen von Crustaceen,
welche nur durch einen besonders glücklichen Zufall in die Schliessnetze gerathen dürften.
Um indessen meinen Anschauungen eine möglichst gesicherte Grundlage zu geben, so habe
ich auch die auf dem Boden des Meeres lebenden Tiefsee-Crustaceen in den Kreis der Betrachtung
gezogen. Ich bin dem Fürsten A lb e r t von Monaco und Prof. A le x a n d e r A g a s s iz
zu aufrichtigem Danke verpflichtet, dass sie mir ein reichhaltiges Material von Crustaceen aus
den Tiefen des Mittelmeeres, des Atlantischen und Pacifischen Oceanes zur Verfügung stellten,
welche sie auf ihren Expeditionen erbeutet hatten. Wenn ich auch die an diesem kostbaren
Materiale gewonnenen Ergebnisse in den Reisewerken der genannten Expeditionen veröffentlichen
werde, so glaube ich doch immerhin auf die allgemeinen Ergebnisse insoweit hinweisen zu dürfen,
als sie zur Stütze meiner Anschauungen über die Anpassungen des Auges pelagischer Tiefenbewohner
an das Leben im Dunkel Verwertkung finden können.
Wenn in diesen Studien die biologische Betrachtungweise mehr in den Vordergrund gestellt
wird, als die heutzutage herrschende, rein morphologische, so glaube ich gerade durch
das letzte Kapitel die Berechtigung jener nahe gelegt zu haben. Vom rein morphologischen
Standpunkte aus wären uns eine Fülle von Einrichtungen unverständlich, welche einerseits das
Schwebvermögen, andererseits die Anpassung an den Aufenthalt in der Tiefe bedingt haben.
Nur durch den ständigen Hinweis auf die biologische Eigenart vermögen wir Schritt für Schritt
die Anpassungen zu. erfassen, wie sie sich bei der allmählich erfolgten Angewöhnung an den
Aufenthalt in der Tiefe am sinnfälligsten im feineren Bau der Augen wiederspiegeln.
C. Chun.
B r e s la u im November 1894.