
Aus dsu obigen Darlegungen ist es ebenfalls klar, dass „Ersatzgebiss“ nicht identisch
mit „persistirendem Gebiss“ ist, da in dem letzteren stets Elemente der ersten Dentition, -die Mo-
laren, eingehen.
, Wir kommen schliesslich zu der Frage: Wenn die Molaren Müchmhne ohne verkalkte Nachfolger
sind, haben sie jemals solche gehabt? Die Beantwortung dieser Frage muss natürlich in
erster Linie von der Stellung beeinflusst werden, welche wir zu der Alternative einnehmen, ¡ob
die zweite Dentition ererbt oder erst von Säugethieren erworben ist. Acceptiren wir die letztere
Auffassung, kann die Antwort nicht anders lauten als:
^ 1) Bei Marsupialia und Placentalia mit gut ausgebildeten Molaren liegt und hat wahrscheinlich
nie ein Bedürfniss nach einem Ersätze derselben Vorgelegen,, wesshalb auch bei derartigen
Thieren Ersatzzähne für .die Molaren niemals vorhanden gewesen sind.
2) Falls jnachgewiesen werden kann, dass nur die vorderen Zähne bei Edentaten den
Prämolaren der übrigen Säugethiere homolog sind, so werden also bei jenen (Tatusia, OrycteropuslI
die vorderen Molaren durch Ersatzzähne verdrängt, wie auch solche gelegentlich neben, den Molaren
bei einigen anderen Säugethieren (wie Phocidae und vielleicht Cetacea), auftreten
wo die letztgenannten Zähne besonders schwach, respective ebenso schwach wie die Pnämolaren sind.
Nimmt man dagegen die zweite Dentition als vererbt an, dann muss. man jedenfalls
-Os b q e s zustimmen, nach welchem der Zahnwechsel in der Molarregion bei den Edentaten ein
primitiver Zustand ist, während er bei den übrigen Placentaliern und den Beutelthieren unterdrückt
worden ist.
Mit der Anlage der zweiten Dentition ist die Entwicklungsmöglichkeit 'nicht erloschen:
es können Repräsentanten einer dritten Dentition auftreten. Wir haben bereits oben (pag. 1,36) gesehen^
wie bei der Abschnürung des Schmelzkeimes typischer Ersatzzähne (also Zähne der zweiten
Dentition) an der Leiste eine Knospe ganz wie bei den Milchzahnanlagen entsteht (Fig. 55, 57,
84, 95, 97 p,:,a.). Aus diesen Darlegungen ergab sich ferner, dass es eine Vorbedingung für die
Entstehung jedes „Ersatzzahnes“ ist, dass noch genügend Schmelzleistenmaterial zu dessen Bildung
übrig ist. Dass nun in der That auch aus den Knospen lingualwärts von „Ersatzzähnen“ aus-
gebildete, nach innen von den letzteren Platz nehmende Zähne einer jüngeren, also einer dritten
Dentition, hervorgehen können, habe ich bei Erinaceus (Textfig. 8) und Phoca direkt nachweisssn
können. Bei auf diesen Punkt gerichteten Nachforschungen werden sich wahrscheinlich solche
Falle a h s |fe |t besonders selten heraussteilen. Auch beim Menschen ist das Vorkommen von
Zahnen der dritten Dentition angehörig mehrfach beobachtet, wenn auch hier eine Verwechslung
mit retinirten Zähnen im einzelnen Falle nicht ausgeschlossen idt. Diese Befunde sind
desshalb auch vom allgemein biologischen Gesichtspunkte besonders bedeutungsvoll, weil wir hier
meiner Auffassung nach einen völlig normalen, p rog r e s s i ven Entwicklungsprocess d. h. e i nen
F a l l von Erwe r b u n g ne ue r Or gant hei l ,e vor uns haben — ein Fall, welcher bekanntlich
nur selten-deutlich demonstrirbar ist. Ohne Analogie im .Zahnsystem scheint mir ausserdem
dieser Vorgang nicht zu sein: wie idh schon früher (III, pag. 582 und oben pag. 105) nachzuweisen
versucht habe, ist die sogenannte zweite Dentition oder das Ersatzgebiss erst innerhalb
der Säugethierklasse entstanden; -die Wiederholung eines solchen Processes d. h. die Entstehung
einer neuen Dentition, kann somit; auch zukünftig nicht ausgeschlossen sein. Den vorgeführten
Thatsachen gegenüber scheint mir also die Annahme vollkommen berechtigt, dass in der That ein
Process schon im Gange ist-, durch welchen, ftft* Bedarf vorliegt - wenn z B die zweite
D ^ n ^ c W e i B . durch die -hei-einer grossen Anzahl von Säugethieren bereits einge-
leitete Unterdrückung des Milchgebisses) zu zeitig in Anspruch genommen wird I bei Ten
Säugethieren -eine dritte Dentition, also' ein neues Ersatzgebiss ins Beheb treten kann.
■ Aber selbst mit der dritten Dentition » die Anzahl der Zahngenerationen, welche bei den
Baugethiercn vohkommen können, noch nicht erschöpft. Es tr itt nämlich am entgegengesetzten
■ ¡ ¡ H l ■ T0T als erste (Mach-)Dentition;%ezeichaieten Generation noch
«me älteste: die Vor-Milchzähne auf. Indem ich auf « e obigen ausführlichen Darlegungen (pag.
B r i " EHE U | mag hier nur daran erinnert werden, dass bei Marsupium-Jnngen
von yrmeeobms, Maoropodidae und Phascolaretus unmittelbar unter dem Mundhöhlenepithel im
vorderen Kiefertheile und labialwärts von den Zähnen der ersten Dentition kleine, mehr oder
-weniger Äek,gebildete, zeitig fertige und vollkommen verkalkte Zäftne verkommen. Wie ich oben
(pag. 106). nachgewiesen habe, sind diese Zahnrudimente äils Beste eines'von niederen Wirbel
thieren ererbten Gebisses aufzufassen, welches älter als die bei den Beutelthieren persistirende
■der .ersten Dentition der Plaoentalier homologe Zahaserie » . Ich betonte aueh.- dass diese Deu-
| H e™er ■ H D Thatsaehe gestützt wird, dass die besonders bei Myrmecobius erhaltenen
Bilder (Eig. 130) in Bezug auf die Beziehungen der Schmelzleiste'des rudimentären Zahnes zur
Leiste des persistirenden; ebenso sehr von den bei den übrigen Sängethieren vorkommenden Befunden
abweiohen, wie sie an Zustände bei manehen Beptilien -erinnern (Kg. 431) Bei den Placen
taliem sind bisher nicht mit Sicherheit v e r k a lk t e Zahngebilde, welche diesen Vor-Milchzähnen
entsprechen,^ nachgewiesen worden. Was die rudimentären Zähne mancher Nager sowie die mehrfach
beschriebenen schmelzlosen Zahnrudimente -des Mensctenibetriflft.jSegt allerdings die Versuchung
sehr nahe dieselben mit jenen Vör-Milchzähnen zu homolögisiren; dtoA mussich mich so lange
eines Urtheils über sie enthalten, ij|s genauere Untersuchungen über ihr® Entwicklung vorliegen.
Dagegen habe ich bei Didelphys und mehreren Placentaliern leistem oder knospenförmige Hervor-
ragungen angetroffen, welche in wechselnder Ausbildung ihren Ursprung von dem oberflächlichen
Theile der labialen Fläohe.der Schmelzleiste nehmen. Dieselben sind nur auf den früheren Embryonalstadienbeobachtet
worden; vergleiche besonders Kg. 3 und 5 (Erinaceus) und Fig 105 ¡Didelphys)
Die Berechtigung solche Gebilde als letzte Beste der Vor-Milchzähne zu deuten, geht aus den
Befunden hei Myrmecobius hervor, hei welchen die Schmelzleistenpartie der verkalkten Vor-Milch-
zahne (Fig. 125, 129) genau dieselben Beziehungen zu derjenigen des (persistirenden) Milchzahns
hat wie -die besagten Epithelialsprossen zur Schmelzleiste bei Didelphys und den Placentaliern.
Besonders Fig. 130 (Myrmecobius) spricht stark zu Gunsten meiner Deutung,' indem sie zeigt,
dass bei Myrmecobius das Verhaltefl der Schmelzleiste auch ohne verkalkte Vor-Milchzähne
völlig mit jenen Gebilden bei den Placentaliern übereinstimmtJ). Küeenthal (II, III) hat hei
Phoca und -den Bartenwalen Epithelialsprossen gefunden, welche er als Beste von Vor-Milchzähnen
deutet (vergleiche oben pag. 123). In welcher Beziehung die von B öse bei ganz jungen
menschlichen Embryonen beschriebenen Papillen zu den Vor-Milchzähnen stehen, muss künftigen
Untersuchungen Vorbehalten bleiben.
S chwalbe (II, pag. 33) führt einen von Professor D öderlein gemachten Einwand gegen
*) Ueber die J in g u a 1 w ä r t s y.on der Schmelzleiste ausgehenden Sprossen siehe pag. 43.