
bereits oben (pag. 103) auf G-rund eigener Untersuchungen widerlegt. Ich kann desshalb auch
in diesem Befunde keine Stütze für S chwalbe’s Auffassung sehen ’).
Bereits früher (III, IV) habe ich die Auffassung ausgesprochen, dass, wenn wir auch in
manchen Fällen im Zweifel sein können, welcher Dentition ein Zahn zuznrechnen sei, und hierfür
kein e i n z e l nes unfehlbares Criterium haben, dies doch offenbar nicht als ein Ein wand
gegen die Annahme von verschiedenen Dentitionen angeführt werden kann. Es lassen sich in
der That gute Gründe dafür aniühren, dass sich diese Annahme auf einen historischen Vorgang,
somit auf eine Realität stützt und keine blosse Schablone ist. Allerdings dürfen wir die
Dentition nicht etwa als ein „reihenweises Auftreten“, wie B aüme meint, definiren, welche Definition
vornehmlich dem Verhalten bei den höheren Säugethieren entnommen ist, Die De n t
i t i o n i s t als Za h n g e n e r a t i o n au fzuf ass en . Wir erkennen darin ein Früher und ein
Später, nicht wie B aume will, den Ausdruck gleichzeitiger aber „verschieden hoch entwickelter
Producte.“ So s i n d z u r e r s t e n De n t i t i o n d i e j e n i g e n Zähne, wel che e i n e r h i s t o r
i s c h f r ü h e r e n , zu r zwe i t en d i ej e n i g e n , wel che e in e r sp ä t e r en E n twi c k l u n g s s
t u f e angeh ö r e n , zu r echnen . Di e Be r e c h t ig u n g d i es e r Be t r a c h tu n g swe i s e
müssen wir also den hi s to r i s c h e n Th a t s a c h e n en tnehmen. Die Zähne, wel che
der e r s t e n De n t i t io n der P l a c e n t a l i e r e n t s pr e ch e n, b i l d e n auf dem ä l t e r en
St a d i u m : Ma r s up i a l i a (mit Ausnahme des P 3) d ie einzi ge, die p e r s i s t i r e n d e Dent
i t io n ; die zwei t e wu r de wah r s c he i n l i ch e r s t von den P l a c e n t a l i e r n vo l l s t änd i g
erworben. Es l ä s s t sich f e r n e r nachwe isen, das s bei e i n e r Rei h e von Säu ge rn
Zähne d e r e r s t e n De n t i t io n Merkmale von (fossilen) Vo r f a h r en b ewa h r t haben,
wäh r en d die en t s p r ec he nd en Zähn e der zwe i t en De n t i t i o n a b g e ä n d e r t sind.
Als Belege für diese Behauptung erwähne ich hier nur, wie das Milchgebiss der geologisch
jüngeren Merychippus und Protohippus dem definitiven (zweiten) Gebiss des älteren und
nahe verwandten Anchitherium näher steht als das definitive (S chlosser II; C ope II). Ferner:
beim oberen Reisszahn der zweiten Dentition der modernen Carnivora ist der Innenhöcker meistens
bis an den Vorderrand des Zahnes gerückt, während er beim oberen Milch-Reisszahn stets der
Mitte des Zahnes näher liegt, in welcher Beziehung der Milch-Reisszahn mit dem permanenten
Reisszahne bei der Mehrzahl der schon zu Anfang des Miocäns ausgestorbenen Creodonta, aus
denen die Camivoren hervorgegangen sind, übereinstimmt. In Bezug auf die Erinaceidae habe ich
schon früher erwähnt (III), dass das Milchgebiss der modernen Erinaceus-Arten, in manchen derjenigen
Punkte, in welchen es von der zweiten Dentition abweicht, sich dem persistirenden G-ebiss
fossiler Erinaceidae nähert. Endlich mache ich auf die bedeutsame Thatsache aufmerksam, dass
bei denjenigen Carnivora, bei denen die Backenzähne der zweiten Dentition in der einen oder
anderen Richtung stark modifizirt sind und vom ursprünglichen Gepräge ab weichen, wie dies
*) Kükenthal’s Stellung zu der vorliegenden Frage erscheint mir etwas unklar. Während er in seiner grösseren
Arbeit (II, pag. 447, Note 1) ausdrücklich den Diphyodontismus als etwas für die Säugethiere ursprüngliches auffasst, thut
er in einem in demselben Jahre gehaltenen Vortrag (V, pag. 405), indem er die Verwachsungshypothese zu stützen sucht,
folgenden Ausspruch: „Die Verschmelzung von Zähnen auf einander folgender Dentitionen ist an sich nichts wunderbares.
Die zeitliche Differenz des Auftretens ist ja eine durchaus secnndäre Erscheinung, und auch bei den höchsten Säugethieren
tritt eine Verschmelzung der Anlagen beider Dentitionen bei der Bildung der echten Molaren ein.“
Auch RöSE’s Auffassung des Dentitionsbegriffes ist so stark von der Verschmelzungs-Hypothese beeinflusst, dass
eine Besprechung der ersteren, ohne gleichzeitige Berücksichtigung der letzteren weder befriedigend noch gerecht ausfallen
würde, wesshalb ich auf Röse’s Schrift X III (pag. 191) sowie auf meine Darlegungen im folgenden verweisen muss.
der Fall bei Felis, Hyaena, Arctietis u. a. ist, die Backenzähne der ersten Dentition die primitivere
Form vollständiger bewahrt haben.
Für die Anschauung, dass die Milchzähne als die Repräsentanten einer älteren Entwicklungsphase
mit ursprünglicherem Gepräge zu betrachten sind, sprechen auch jene Fälle, wo
eine stärkere Differenzirnng des persistirenden Gebisses eine Reduction*der ursprünglichen Anzahl
verursacht hat.- Als ein besonders auffallendes Beispiel erinnere ich an Chiromys, dessen
nagerartig specialisirtem, persistirendem Gebiss ein Milchgebiss vorhergeht, welches, wenigstens
was die Anzahl der Zähne betrifft, fast ganz mit dem der übrigen Halbaffen übereinstimmt. Auch
die grössere Zahnanzahl im Milchgebiss bei den Dasypodidae (siehe oben pag. 117), Adapis u. a.
verglichen mit dem persistirenden Gebiss, ist als ein Beleg für die oben ausgesprochene Auffassung
anzusehen.
Diese Beispiele, aus einem reichen Thatsachenbestande herausgegriffen, dürften genügen, um
zu zeigen, dass die erste Dentition eine historisch ältere Generation als die zweite repräsentirt').
Die vollständige Verwerthung dieser Befunde würde uns zu weit in das phylogenetische Gebiet
hineinführen und wird desshalb erst in dem zweiten Theil dieser Arbeit erfolgen.
Ferner wird uns durch die Annahme verschiedener Dentitionen bei den Säugethieren der
unmittelbare Anschluss an die polyphyodonten niederen Wvrbelihiere verständlich. Zwar versichert B aume,
dass bei Amphibien „von einem reihen weisen Ersatz, von irgend etwas, was als Dentition bezeichnet
werden kann, einfach nichts vorhanden ist. “ Wie sich die Amphibien in Bezug auf ein
„reihenweises Auftreten“ der Zähne verhalten, lasse ich einstweilen dahingestellt — meiner Meinung
nach kann man auch hier in gewissem Sinne von Zahngenerationen sprechen, wenn auch nicht
von einem reihenweisen Auftreten —, da dieser Umstand, wie wir gleich sehen werden, keinen
Einfluss auf die Frage hat, ob die Annahme von besonderen Dentitionen bei den Säugern reell
begründet ist oder nicht. Was die Reptilien betrifft, so zeigen sowohl R öse’s Untersuchungen (III)
als meine (VI) über Iguana, dass der Zahnwechsel eine ziemlich regelmässige Reihenfolge auf
einander folgender Dentitionen erkennen lässt. Dass dieses bei makroskopischer Betrachtung
nur schwierig zu constatiren ist, beruht in erster Linie offenbar darauf, dass die Componenten
der verschiedenen Dentitionen bei den Reptilien — und dasselbe gilt in noch höherem Maasse
von den Amphibien — gar nicht oder wenig durch verschiedene Gestalt von einander abweichen.
Immerhin dürften auf diesen Punkt gerichtete, genaue Untersuchungen bei manchen Eidechsen
Verschiedenheiten zwischen den älteren und jüngeren Dentitionen aufdecken, denen analog,
welche K oken bei Teju teguixin nachgewiesen, bei welcher Eidechse die jüngeren Dentitionen einfacher,
weniger differenzirt sind als die älteren. Es ist richtig, dass wir ebensowenig bei den
Reptilien wie bei manchen niederen Säugethieren das „reihenweise Auftreten“ an' den Begriff der
Dentition knüpfen dürfen. Di eses r e i h enwe i s e Au f t r e t e n d. h. die s c h ä r f e r e , z e i t l
i che und r äuml i c he Absond e rung der Den t i t io n en h a t si ch e r s t allmähl i ch
a u s ge bi lde t und zwa r als u nmi t t e l b a r e Fol g e der hö h e r e n Di f f e r e n z i r n n g ,
der s c h ä r f e r e n Sonderun g der ei nzel n en Componen ten des Gebisses. Halten
wir an dieset Anschauung fest, so gestaltet sich der Zusammenhang der Dentitionsformen niederer
und höherer Wirbelthiere in ungezwungenster Weise. Die schon bei manchen Reptilien
auftretende, durch Arbeitstheilung hervorgerufene Differenzirung steigert sich bei den meisten
*) Schon Vogt hat diese Ansicht ausgesprochen; im entschiedenen Unrechte ist er dagegen, wenn er diesem Factum
die Behauptung folgen lässt, dass das Zahnsystem der conservative Theil des. „Skelettes“ ist! (vergl. oben pag.. 1). ..