
Säugern zu einer immer höheren Individualisirung der einzelnen Zähne.- Hiermit hört die Massenproduktion
auf; die Schmelzleiste vermag nicht dieselbe. Anzahl einzelner Zähne hervorzubringen
wie früher, da sie höherwerthige Producte zu erzeugen hat; diese mehr ausgebildeten Zähne
werden nicht so rasch verbraucht, treten desshalb in längeren Zeitintervallen auf und passen
sich den Anforderungen der verschiedenen Altersstufen vollständiger an als es bei den kurzlebigen,
einfacheren Zähnen der niederen Formen möglich war: sie. werden, sowohl der Form
als der Zeit nach immer mehr und mehr different, oder, mit anderen Worten: es hat sich ein
Zahnwechsel von wenigen, aber in strenger Reihenfolge auf einander folgenden Zahngenerationen
ausgebildet. Wir verstehen somit auch, dass gerade bei den Säugethieren mit höchster Differen-
zirung des Zahnsystems (Carnivora, Primates etc.) die schärfste zeitliche Sonderung d. h. das am
deutlichsten ausgeprägte „reihenweise Auftreten“ der Dentitionen zu finden sein muss. Dass aber
auch bei den Säugethieren Zähne, welche unbestritten der zweiten Dentition angehören, durch
ein beschleunigtes Entwicklungstempo ihre Dentitionsgenossen überholen, etwa gleichzeitig mit den
Zähnen der ersten Dentition fertig werden und zusammen mit diesen fungiren können, haben wir
bereits kennen gelernt (pag. 39, 138). Es kann, wie bereits erwähnt, während der Entwicklung
ein sekundäres In-einander-Wachsen ursprünglich getrennter Dentitionen, ein:Webertritt eines
Zahnes von der einen Dentition in die andere stattfinden. Die De n t i t io n e n haben somit
kei ne u n ü b e r s c h r e i t b a r e n Grenzen , ohne dass dieser Umstand den Begriff der
Dentition in der von mir präcisirten Auffassung aufhebt. Ich sehe einstweilen hier ganz davon
ab, ob die zweite Dentition der Säuger ererbt ist oder nicht; diese Frage wird uns später beschäftigen
und ist auf die hier dargelegte Auffassung des Entwicklungsganges, welcher in jedem
Falle sich gleich bleiben muss, ohne Einfluss.
Wir wenden uns nun zu der wichtigen Frage: in welcher Weise macht sich die Reduktion
des Gebisses in den beiden Dentitionen geltend? Ich erinnere dann zunächst an die beiden schon
früher von mir (IH, pag. 539) aufgestellten Hauptarten, welche die Reduction des Säugethiergebisses
erkennen lässt:
A) Durch die höhere und intensivere Arbeitsleistung, welche einzelnen Theilen des Gebisses
auferlegt ist, werden diese differenzirt, höher specialisirt und in Folge dessen andere .
gänzlich entlastet und desshalb so reduzirt, dass sie allmählich gar nicht mehr zur
Ausbildung kommen.
B) Durch Veränderung der Lebens- speciell der Nahrungsweise kann das Zahnsystem
als Ganzes oder auch eine seiner physiologischen Abtheilungen überflüssig werden
und desshalb der Rückbildung anheimfallen. Dieser Reduktionsmodus wird also dadurch
charakterisirt, dass Zahntheile oder Zähne schwinden, ohne dass hierfür ein
Ersatz durch die' höhere Ausbildung anderer erlangt wird!).
Die letztgenannte Reduktionsart culminirt im zahnlosen Stadium, welches wenigstens bei
allen gnathostomen Wirbelthieren ein secundärer Zustand ist. Die. oben dargelegten Erwägungen
*) Wie selbstverständlich die obige Unterscheidung von verschiedenen Arten der Rückbildung auch erscheinen
mag, so ist die Confundirung derselben nichtsdestoweniger sehr häufig und hat zu argen Paradoxen geführt. So konnte
z. B. Baume durch die vollständige Verkennung der Natur der Reduktionsvorgänge im Zahnsystem zu dem Resultate
gelangen, dass das Gebiss der Wirbelthiere sich in steter Reduktion bis auf Null befindet. Aehnlichen Auffassungen begegnet
man auch in manchen Lehr- und Handbüchern.
führen aber auch zu dem Schlusssätze, dass bei den Säugethieren der Monophyodontismus, welchen
wir hier als das Auftreten nur einer. Reihe v e r k a l k t e r Zähne präcisiren, sowie jede Vorbereitung
zu diesem durch Ausfall eines Zahnelementes bei übrigens diphyodonten Säugern als
eine secundäre Erscheinung zu betrachten ist*).
Wir fragen nun: in welches Licht stellen clie ontogenetischen Thatsachm diese auf vergleichend-
anatomischem Wege erlangte Auffassung ?
Zunächst müssen wir daran festhalten, dass das fast monophyodonte Gebiss der Marsupialia
— Monophyodontismus ist natürlich in der eben angegebenen Form zu fassen — selbstredend
nicht in diesem Sinne zu deuten ist, da, wie ich oben (pag. 104—105) nachzuweisen versucht
habe, hier gar keine Reduktion vorliegt: ein vollständig ausgebildetes Ersatzgebiss hat nie existirt
und ausserdem sind „Vor-Milchzähne“ vorhanden. Wo a b e r sons t i n n e r h a l b de r Kl as s e
der Säu g e t h i e r e Monophyodontismus a u f t r i t t , s p r i c h t der zu r Zeit v o r l i e gen
d e Th a t s a c h e n b e s t a n d zu Gunst e n der Annahme, das s die ‘e r s t e Den t i t io n
ve r s chwunde n i s t und die zwei t e p e r s i s t i r t ; so höchst wahrscheinlich'bei Soricidae
und Bradypus. Zweifelhaft sind dagegen die Walthiere: sollte sich K ükenthal’s Auffassung
bewahrheiten, dass das persistirende Gebiss dieser Thiere der ersten Dentition entspricht, und
ist ferner, wie er wenigstens betreffs der Zahnwale annimmt, eine zweite Dentition ursprünglich
vorhanden gewesen, so wäre.hier also die zweite, nicht die erste Dentition der Rückbildung
anheimgefallen; doch dürften die oben (pag. 22—23) von mir erhobenen Bedenken immerhin der
Art sein, dass sie eine rückhaltlose Annahme der K ükenthal’sehen Deutung verbieten. Wenn
meine Auffassung der Entwicklungsvorgänge im Zahnsystem von Erinaceus richtig ist (vergl.
oben pag. 39—41), so bildet Erinaceus eine Uebergangsform vom diphyodonten zum monöphyo-
donten Stadium, indem ein Theil der Milchzähne schon völlig unterdrückt, bei anderen (obere
J d 3 und C d) die Rückbildung noch im Gange ist. Auch bei den übrigen Erinaceidae haben,
wie ich im zweiten Theile meiner Arbeit zeigen werde, einige minderwerthige Zähne der zweiten
Dentition keine Vorgänger mehr2).
Bekanntlich herrschte bisher grosse Unsicherheit darüber, ob der erste Backenzahn,
welcher bei einer grossen Anzahl Säuger nicht gewechselt wird, der ersten pfler zweiten Dentition
zuzurechnen wäre. Die obigen ontogenetischen Untersuchungen haben, was Canis (pag. 60)
und Phoca (pag. 72) betrifft — und diese Thiere sind bisher die einzigen der fraglichen Kategorie,
über welche spruchberechtigte embryologische Untersuchungen vorliegen — mit vollkommener
Sicherheit dargethan, dass der fragliche Zahn zur zweit en Dentition gehört, womit
') Li Bezug auf das gleichzeitige Auftreten von Monophyodontismus und Homodontismus verweise ich auf meine
früheren Erörterungen (III, pag. 540—541).
2) Hoffmann ist in einer erst nach Abschluss dieser Arbeit erschienenen Schrift zu dem entgegengesetzten
Resultate gekommen, nämlich dass die zweite und nicht die erste Dentition zuerst von der Rückbildung angegriffen wird.
Er führt die Edentaten, Zahnwale, Beuteltliiere und — verleitet durch meine frühere Deutung (III) — auch Erinaceus an,
somit alles Formen, welche, wie oben nachgewiesen entweder keine zuverlässigen Zeugen für seine Ansicht abgeben können
oder geradezu derselben widersprechen. Auch der von ihm als fernere Stütze seiner Auffassung angeführte Satz „wenn
die endgültige Rückbildung eines Zahnes im Gange oder schon vollendet ist, erhalten sich etwaige Rudimente stets nur
in der ersten Zahnserie, während sie in der zweiten gänzlich verschwunden sind“, entbehrt, wie meine, in den vorhergehenden
Kapiteln mitgetheilten Beobachtungen beweisen, der thatsächlichen Begründung.