
von dem bei Peneus entwickelten Iristapetnm absehen, so haben wir thatsächlich bereits ein Auge
vor uns,” das den Anforderungen des Aufenthalts in unbelichteten Regionen angepasst erscheint.
Doch genug mit diesen Erörterungen, die sich vielleicht schon allzu umfänglich gestaltet
haben! Nur ein Punkt sei noch herausgegriffen und in seiner allgemeinen Bedeutung erörtert.
K e in a u f dem Boden des Océans le b e n d e r T ie fs e e k r e b s b e s i tz t F ro n ta u g e n od e r
d o r s a l v e r l ä n g e r te F a c e t t e n g l i e d e r — f a s t a lle p e la g is c h e n T ie fe n fo rm e n sin d
m it d ie s e n c h a r a k t e r i s t i s c h e n A u s z e ic h n u n g e n v e rs e h e n . Deutet dieses Verhalten
auf abweichende Existenzbedingungen und sind wir im Stande, es aus der biologischen Eigenart
der Grundbewohner heraus zu erklären?
• Was wir über die Lebensweise und über die Ernährung der letzteren wissen, beruht auf
gar kärglichen Angaben, während es an Vermuthungen und Hypothesen wahr lieh nicht fehlt.
W. F a x o n (1895 p. 253) weist in der soeben erschienenen Bearbeitung der vom „Albatross“
getretschten Tiefseecrustaceen darauf hin, dass die kräftigen Schwimmer, nämlich die Hoplo-
phoriden, einige Penaeiden, Pasiphaeiden, die Sergestiden und Gnathophausien, durchweg mit wohl
entwickelten Augen ausgestattet sind, während die Grundbewohner (namentlich die in den Schlamm
sich ein wühlenden) vielfach rückgebildete Augen aufweisen oder völlig blind sind. Diesem Verhalten
läuft die Thatsache parallel, dass die sich ein wühlen den Formen meist bleiche Farben aufweisen,
während die frei kriechenden oder schwimmenden Arten durch die überraschenden rothen
Tinten charakterisirt sind. Es ist nun gewiss a priori wahrscheinlich, dass es sich thatsächlich
so verhält, allein im Einzelfall lassen wir uns durch Analogieschlüsse und durch den Gesammt-
habitus der Formen bestimmen, ein Urtheil über die Lebensweise zu fällen. Wie vorsichtig wir
indessen bei derartigen Annahmen sein müssen, lehren die Gärneelen der oberflächlichen Schichten,
welche alle als typische Schwimmer gestaltet sind und doch nur zum Theil über dem Meeresgründe
schweben, zum Theil aber sich einwühlen.
Da wir nun auch über die Ernährung nicht sicher orientirt sind (der Darminhalt ist
nicht untersucht), so sind wir eigentlich nur auf die Aufschlüsse angewiesen, welche die vom
Fürsten von Monaco in die grossen Tiefen versenkten Reusen lieferten. Sie ergeben, dass wir
jedenfalls die frei beweglichen resp. aller Wahrscheinlichkeit nach schwimmenden Formen mit
Aas zu ködern im Stande sind.
Ich stelle die einzelnen Daten nach den Angaben des Fürsten von Monaco (1895 p. 2 — 5)
zusammen : Bis zu einer Tiefe von 2230 m wurden zwischen Monaco und Corsika zahlreiche Fische
und Crustaceen in den Reusen erbeutet ; eine einzige Reuse lieferte nicht weniger als 89 Schwarz-
haie (Centrophorus squamosus), eine andere 33 Exemplare der Acanthephyra pulchra. In geringeren
Tiefen des Atlantischen Océans von 175 m lieferte ein Reusenfang 4 Gonger vulgaris, 160 Garneelen
der Gattung Pandalus und einige Hundert Comatulen. Im Golf von Gascogne verfingen
sich andererseits in 2620 m 11 Tiefseeaale (Simenchelys), 9 grosse Amphipoden (Hoplonyx dcada)
und ein Centrophorus, dessen Weichtheile indessen völlig von kleinen Crustaceen aufgefressen waren.
„Un certain nombre de ces crustacés, remarquables par leur puissance destructive, car ils ont
dévoré en quelques heures environ 4 kg de matière organique, sont remontés dans les petites
nasses que je mets toujours à l’intérieur des grandes.“
Das ist der ganze Aufschluss, den das Experiment über die Ernährung der Tiefseekruster
lieferte. Er genügt aber, um zweierlei zu demonstriren: einerseits die erstaunliche Gefrässigkeit
derselben, andererseits die Thatsache, dass wir mit abgestorbenen Organismen (als Köder wurden
todte Fische verwendet) in den grossen Tiefen die Krebse zu erbeuten vermögen. Im Grunde
genommen lehren also diese Versuche, dass die Ernährung der Tiefseecrustaceen wesentlich dieselbe
ist, wie diejenige der. auf dem Grunde sich auf haltenden Oberflächenarten.
Ich kehre nun zum Ausgangspunkt dieser Betrachtungen zurück und versuche eine einfache
Folgerung zu ziehen: wenn die Ernährung der auf dem Grunde lebenden Tiefseecrustaceen
nicht wesentlich von derjenigen der Oberflächenarten abweicht, wenn andererseits die Struktur
der Augen bei beiden Gruppen im Wesentlichen übereinstimmt (denn der Mangel des Retinapigmentes
und die mächtige Entwicklung des Tapetums bei den Tiefenformen bedingen keine
durchgreifenden Unterschiede und zeugen nur in sinnfälliger Weise für die Anpassung an das
Leben in dunklen Regionen), so müssen gleichartige biologische Momente die Uebereinstimmung
im Bau der Augen bedingen. Wesentlich abweichende Bedingungen müssen dagegen bei den
pelagischen Tiefenformen obwalten und die Theilung ihrer Augen in Front- und Seitenaugen zur
Folge haben.
Liegt es nun nicht nahe, die Differenzen im Bau der Augen mit der verschiedenen
Ernährungsweise in Einklang zu bringen? Die pelagischen Crustaceen mit ihren auffällig grossen
und abnorm gestalteten Augen sind räuberische Formen, welche meist von durchsichtigen, schwer
wahrnehmbaren, aber beweglichen kleineren Crustaceen (Copepoden, Ostrakoden, Daphniden) sich
nähren und in ihren Frontaugen ein unübertreffliches Organ zur Wahrnehmung von Bewegungen
aufweisen — die Grundbewohner hingegen vertilgen Aas oder überfallen grosse, leicht wahrnehmbare
Objekte, die auch ohne einen für das Sehen von Bewegungen besonders empfindlich gemachten
Apparat bemerkt werden.
Wie nun freilich der Kampf um die Nahrung auf dem Tiefseeboden sich im Einzelfalle
gestaltet, wissen wir nicht. In dem Magen der oft monströs gestalteten Grundfische treffen wir
Fische, die ihrerseits wieder von kleineren Organismen leben müssen. Nachdem die Schliessnetz-
funde das Ergebniss lieferten, dass die pelagische Fauna in grosse Tiefen hinabreicht, ist es in
hohem Grade wahrscheinlich geworden, dass dicht über dem Meeresgründe pelagische Organismen
sich anhäufen. Die Existenz einer aus blinden Copepoden bestehenden pelagischen Grundfauna
ist durch die Untersuchungen H o f e r ’s für den Bodensee und andere Alpenseen nachgewiesen
worden und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, dass derselbe Nachweis auch für den freien
Ocean geliefert wird. Sicherlich sind es diese unermüdlichen Schwimmer und Zerschroter des
von oben herabrieselnden organischen Detritus, welche vielen sessilen Grundformen und Tiefseefischen
das Dasein ermöglichen.
Existirt eine pelagische Fauna, die in der Nähe des Meeresgrundes sich anstaut, so kann
auch die Thatsache nicht überraschen, dass ein so auffällig grösser Theil der Tiefseborganismen
leuchtet und die Existenz von wohl entwickelten Sehorganen erklärlich erscheinen lässt. "Wenn
wir mit unserer oben (p. 211) entwickelten Ansicht das Richtige trafen, dass nämlich die biologische
Bedeutung der Leuchtorgane vorwiegend auf einem Anlocken der Beutethiere beruht,
so ist es erklärlich, dass Pennatuliden, Gorgoniden, Isideen, Anneliden und Seesterne ein phos-
phorescirendes Licht ausstrahlen, welches von den Theilnehmern an den Tiefseeexpeditionen mit
wahrhaft enthusiastischen Worten geschildert wird. Vor Allem werden es die Anthozoen der
Tiefsee sein, welche in erster Linie die pelagische Tiefenfauna sich zu Nutzen machen und durch
ihr Erglühen in phosphorischem Scheine den mit Sehorganen ausgestatteten Fischen und Krustern
ein Erkennen der Beute ermöglichen. Denn die vielfach noch verbreitete Ansicht, dass unsere