
Ergebnis.
In der Tribus der Chrysomelini geht im weitesten Umfang eine Rückbildung der Alae vor sich,
deren Verlauf besonders in den drei nahe verwandten Gattungen ChrysocUoa,'Chrysomela und 2V-
■marcha gut zu verfolgen ist. In der Gattung Chrysochloa findet sich vereinzelt noch Flugfähigkeit, bei
Chrysomela fliegt keine einzige Art mehr; die einzelnen Arten bilden eine geschlossene Kette aller
Schwundstufen der Flügel, die erst in der Gattung Timarcha restlos fortfallen.
Die stark voneinander abweichenden, teils langen, teils verschieden kurzen Alae, wie wir sie bei
etwa einem halben Dutzend italienischer Stücke von Rossia Illig. fanden, könnten den Anschein
sprunghafter Rückbildung erwecken, aber an großem Material, das mir von dieser Art leider nicht zur
Verfügung stand, wird sich nachweisen lassen, daß dem nicht so ist. Von fastuhsa Scop.' lagen mir
ca. 250, von varians Schall, über 400 Stücke vor, aber niemals fand sich ein nicht durch Zwischenstufen
vermitteltes Rudiment. Der sonstige Individuenmangel bei der Untersuchung wurde durch Artenfülle
ersetzt und so ist es denn ein leichtep, aus den 182Präparaten vonChrysomela-Ylügehi eine i d e a l e
R e i h e a l l m ä h l i c h f o r t s c h r e i t e n d e r R ü c k b i l d u n g zusammenzustellen (Taf. VIII).
Die typische Ausgangsform finden wir noch in den Gruppen IV und III. Es sind Flügel mit
breitausladendem Analteil, dessen Hinterrand mit gleichmäßiger Schwingung in die stumpfe Spitze
übergeht. Auf kräftige folgt schwache Volladerung. Nach und nach verblassen die Strahladem und
die Enden der Hauptadern verkürzen sich. Es. beginnt ein Schrumpfen der hinteren A n a l f l ä c h e , 'so
daß sta tt der geschwungenen eine fast gerade Linie, also ein verschmälerter Flügel, entsteht. Das länge
Beharren des Pigmentsflecks, der m. W. anatomisch-physiologisch noch nicht untersucht wurde und
vermutlich eine Häufung von Sinneszellen ist, hat zur Folge, daß bei weiterem Schwund des Flügel-
hinterrandes vor und hinter dem Fleck'eine Bucht entsteht. Fallen die Adern des Spitzenteiles ganz
weg, so ist der weiche häutige Analteil analog dem häutigen Hinterrand in Rückbildung begriffener
Elytren. Mit den bisherigen Vorgängen parallel scheint hei gleichbleibender Größe der Tiere eine Verkleinerung
der Gesamtala vorzukommen. Achten wir bei weiterer Verschmälerung der Flügel auf das
Verhalten der Hauptadem; sie gleichen den Speichen eines sich langsam, aber nicht völlig schließenden
Fächers. Die Vorderrandadern, ferner Media undAnalis, beharren am längsten. Kommen mich sie
nicht mehr weit über die Basis hinaus, dann verwachsen in dem langgestreckten häutigen Teil die obere
und untere Lamelle nicht mehr und beim Aufkochen der Tiere oder bei Alkoholmaterial bilden sig mit
Flüssigkeit prallgefüllte Säckchen. Wie früher der aderlose Spitzenteil, so kommt dieses häutige Säckchen
in Wegfall; es bleibt nur noch ein Stumpf, der mehr, dann weniger chitinisiert ist. Immer noch
wird nach der letzten Larvenhäutung die Ala als eingesunkenes Hypodermissäckchen angelegt und bei
der Verpuppung ausgestülpt, aber nach dem Schlüpfen streckt sie sich nicht mehr. So schrumpft sie
zu einem seitlich am Notum sitzenden Schüppchen zusammen, bis endlich auch dieses nicht mehr gebildet
und damit völliger Apterismus erreicht wird, ein Stadium, das ich in der Gattung Chrysomela
nicht auffinden konnte, aber in der nahe verwandten Gattung Timarcha erreicht ist.
Übergroße Skeptiker fragen vielleicht, ob eine solche Reihe irgend einen Wert besitzt. Man hat
gegen die Pferdefußreihe eingewandt, es lasse sich nicht beweisen, daß alle bei ihr aufgeführten Tierarten
tatsächlich in den Stammbaum des Pferdes gehörten. Zugegeben, das sei der Fall, so beweist
die Reihe doch, was sie beweisen soll, wie die allmähliche Rückbildung vom Fünfzeher zum Einhufer
verlaufen ist und so zeigt auch unsere Reihe die allmähliche und nicht sprunghafte Rückbildung der
Alae. Wir sind obendrein sicher, daß die heute in der Gattung Chrysomela aufgeführten Arten eine
phylogenetische Einheit bilden; das wird von niemand bezweifelt, der überhaupt systematische Merkmale
zu würdigen versteht. Einzig die kleine Chr. anaUs wurde in ihrer Gattungszugehörigkeit an-
gezweifelt und zwar von keinem geringeren, als W e i s e selbst, der ein vorzüglicher Kenner der Chryso-
meliden war. Der Meister hatte eine schwache Stunde gehabt, als er diese Art zuHydrothassaaucta]?.
stellte (Dtsch. Ent. Ztschr. 1915, S. 434). Denn die Bewimperung der Epipleuren, der typische Pigmentfleck
der Chrysomela-Flügel und andere Merkmale finden sich bei anaMs, aber nicht bei Hydro-
thmsa. Die stammesgeschichtliehe Einheit unserer Gattung ist für jeden Coleopterologen evident,
andere mögen i S mit Hilfe der Handbücher und Sammlungen davon überzeugen. W e n n w i r
n u n i n n e r h a l b e i n e r p h y l o g e n e t t i c h e i n h e i t l i c h e n G a t t u n g A l a e i n
j e d e m G r a d de® R u d i m e n t a t i o n a n t r e f f e n , so d ü r f e n w i r d i e s e s N e b e n e
i n a n d e r a u c h a l s w i e i t l i c h e s N i c h c i n a n il e r b o. t r a c. h t e i l , d. h. d i e a m
s t ä r k s t e n r ü c k g e b i 1 d e t e n F l ü g e l h a b e n i m L a u f e d e r R ü c k b i l d u n g
n a c h e i n a n d e r a l l e E n # d ü r c h a l l m ä h l i c h e Ü b e r g ä n g e v e r b u n d e n e n
F o r m e n d u r c h l a u f e n , di e wi r in de r i d e a l e n R e i h e n e b e n e i n a n d e r s e h e n .
Diese Tatsachen, vermehrt um das, was wir aus anderen Insektengruppen wissen, z. B. daß bei
Dermapteren selbst einzelne Arten alle Stufen des Makropterismus, Brachypterismus und Mikro-
pterismus zeigen, lassen es praktisch zur Gewißheit werden, daß sich die Rückbildung der Alae stets
allmählich und nicht sprungweise vollzieht. Eppm u ß d em n a c h ä u ß e r s t z w e i f e l h a f t
e r s c h e i n e n , we n n he i K ä f e r n v e r e in z ie 11 e in D i m o r p h i s m u s a p t e r e . r u n d
i ü a k r o p t e r e r . f l u g u n f ä h i g e r u n d „ f l u g f ä h i g e r “ F o r m e n b e i e i n e r u n d
d e r s e l b e n A r t u n d e i n u n d d e m s e l b e n G e s e h l g c h t o h n e j e d e I n t e r -
m od i ä r f or in e n t d e c k t s e i n s o l l , wie dies zuerst 1889 von Fl a ch für Ptimdlaund,
unter Berufung auf diesen Fall, 1903 von H o 1 d h a u s für eine Atomaria und 1904 von J. D a n i e 1
für eine Reihe von CVepidodem-Männchen behauptet wird.
„ D i e P t i n # l e n , schreibt F l a c h (1889, S. 11), s t e h e n d u r c h i h r e n D i m o r p h i s -
mu s j S i s j e t z t u n t e r d e n K ä f e r n e i n * i g g | a r “ (sic!). Von G illm e i s t e r und Er i ch-
s o n wurden die geflügelten und „ungeflügelten“ als verschiedene Spezies betrachtet; M a t t h e w s
sprach die: geflügelten als Weibchen, R f f p i t e r als Männchen an; F l a c h konnte bei der Transparenz
des Körpers nachweisen, daß beide Geschlechter geflügelt und „ungeflügelt“ auftreten, wie
dies schon von P e r r i s für Astatopteryx festgestellt war. Pt. aptera kommt in Finnland und England,
durch ganz Europa bis Spanien, Corsica, Griechenland und im Caucasus vor. F l a c h supponiert,
daß die geflügelten Stücke auch flugfähig sind, und da die außerordentliche Empfindlichkeit und
Lebensschwäche, sowie die langsame Ortsbewegung der flügel-. und augenlosen Formen ihre große
Verbreitung nicht erkläre, hält er eS:für das Wahrscheinlichste,, daß flugfähige und flugunfähige m
zyklischen Intervallen auftreten.
Diese Annahme ist offenbar hinfällig, wenn die Voraussetzung nicht zutrifft, daß die „geflügelten
flugfähige Wanderformen sind. Die tatsächlichen fliegenden Trichopterychiden haben aber dreimal
gefaltete Alae von etwa dreimaliger Körperläpge, von den vermeintlichen Wanderformen dagegen
sagt F 1 a c h (S. 34): „Die Unterflügel der geflügelten Tiere überragen meist die Spitze der Decken“ ,
sind also bisweilen noch kürzer, in allen Fällen stummelförmig und gebrauchsunfähig. E i n e n
D i m o r p h i s m u s m a k r o p t e r e r u n d a p t e r e r , f l u g f ä h i g e r u n d f l u g u n f ä h i g e r
F o r m e n g i b t es a l s o b e i Ptinella n i c h t , sondern nur brachyptere, mikroptere und vielleicht
aptere Individuen.