
An demselben Mangel leiden auch noch die Beschreibungen, welche wir von den Zeitgenossen
L i n n e s und seinen Nachfolgern aus dem Ausgange des 18. Jahrhunderts besitzen, doch
muß rühmend hervorgehoben werden, daß wir einigen dieser Forscher, so z. B. D e G e e r, S c h r a n k,
K i r b y , vorzügliche Beobachtungen über die Lebensweise einzelner Cecidomyiden verdanken.
G e o f f r o y vereinigt die Gallmücken mit seiner Gattung Scatopse (Hist. Ins. v. 2, 1762),
dagegen stellt F a b r i c i u s sie anfangs, dem Vorgänge L i n n e s folgend, noch zu Tipula (Spec.
Ins. v. 2,1781), während er sie später (Syst. Anti. 1805) mit der M e i g e n sehen Gattung Chironomus
vereinigt.
Me i g e n errichtete aber gleichzeitig mit seinem Genus Chironomus auch für die Gallmücken
eine besondere Gattung unter dem Namen C e c i d o m y i a mit der Spezies pini Heg.
als Typus ( I l l i g e r s Magaz. v. 2 , 1803). In einem erst vor wenigen Jahren aufgefundenen Druck
vom Jahre 1800, dessen Charakter als Veröffentlichung zwar von der Internationalen Nomenklaturkommission
festgestellt ist, aber trotzdem zweifelhaft zu sein scheint, errichtete M e i g e n für die
Gallmücken die Gattung Itonida. Wie aber K i e f f e r (Genera Insectorum fase. 152, Cecidomyidae)1)
mit Recht hervorhebt, ist diese Gattung so ungenügend charakterisiert, daß es, zumal M e i g e n
keinen Typus angegeben hat, ganz unmöglich ist, zu erkennen, welche Arten zu Itonida gehören,
so daß nichts anderes übrig bleibt, als diesen Namen fallen zu lassen.
Im ersten Teüe seiner „Systemat. Beschreibungen“ (1818) teilt M e i g e n die Gallmücken
in drei Gattungen, nämlich C e c i d o m y i a , L a s i o p t e r a und C a m p y l o m y z a , während er
im 6 . Teile dieses Werkes die 1826 von M a c q u a r t (Dipt. N. France) aufgestellte Gattung L e -
s t r e m i a mit den von ihm selbst errichteten Gattungen Zygoneura und Sciara zu einer besonderen
Familie vereinigt. Später bringt M a c q u a r t Lestremia und Zygoneura, letztere zu Unrecht, wieder
zu den Gallmücken, zu denen er auch noch Psychoda L a t r. rechnet, während er Campylomyza
und Sciara mit den Pilzmücken vereinigt. Der von L a t r e i l l e (Hist. Crust. Ins. v. 14) 1805 aufgestellte
Gattungsname ö l i g o t r o p h u s für Tipula juniperina L. wird von M e i g e n , M a c q
u a r t und ihren Nachfolgern ignoriert, offenbar weil man juniperina für eine Lasioptera und später
für eine Hormomyia hielt. K a r s c h macht 1878 zwar denVersuch (Revision der Gallmücken), diese
Gattung wiederherzustellen, doch wurde sie erst 1892 (cfr. R ü b s a a m e n , Nr. 15)*) allgemein
als berechtigt anerkannt. Da S t e p h e n s 1829 (Syst. Cat. Brit. Ins.) die Gattung L a s i o p t e r y x
und H a 1 i d a y 1833 (Ent. Mag. v. 1) die Gattung C a t o c h a errichtete, so bestehen zu dieser
Zeit nach unserer heutigen Auffassung sieben berechtigte Gallmückengattungen, nämlich Cecidomyia,
Lasioptera, Oligotrophus, Lasiopteryx, Campylomyza, Lestremia und Catocha, von denen aber
nur die drei ersten Pflanzenauswüchse erzeugen3). Die Artbeschreibungen, welche Me i g e n und
M a c q u a r t geben, sind so ungenau, daß die meisten der von ihnen aufgestellten Arten mit Sicherheit
nicht wieder zu erkennen sind.
Auch aus der Me i g e n sehen Epoche besitzen wir eine Anzahl Beschreibungen neuer Gallmücken
und z. T. vorzügliche Beobachtungen ihrer Lebensweise. So beschreibt B o s e d ’A n t i c
1817 Cecidomyia poae aus wurzelartigen Halmgallen auf Poa, A s a F i t c h die sogenannte Hessenfliege
(Cecidomyia destructor, einer der gefährlichsten Getreideschädlinge, auf den bereits 1771 D u -
0 Diese in den folgenden Abschnitten häufig zitierte Veröffentlichung wird in Zukunft „G. J . C.“ abgekürzt.
2) Die hinter einem Autornamen befindlichen Nummern verweisen auf das Literaturverzeichnis von F. Th oma s in
der ersten Lieferung des 1. Bandes dieses Werkes.
8) Die Gattung Diomym, die zuerst bei M e i g e n in litt, erwähnt wird (Syst. Beschr. 1818, p. 88), ist mit Lasioptera identisch,
während Diomyza in S c h i n e r s (Nr. 3) Auffassung mit Lasiopteryx zusammenfällt.
h a m e i hinweist). Auch die erste der vorzüglichen Arbeiten von V a 11 o t erscheint bereits 1819»
an welche sich diejenigen von B o u c h é , G é n é , S c h w ä g r i c l i e n , D u f o u r , Bo i e »
H a r t i g , K o l l a r usw. anschließen. Jener Zeit verdanken wir auch zuverlässige Angaben über
Gallmückenlarven, die nicht in Pflanzenauswüchsen leben. So erwähnen B o u c h e und D u f o u r
Gallmückenlarven, die in verwesenden Stoffen, meist faulem Holze, leben, und nach V a 11 o t soll
die Larve einer von ihm Cecidomyia acarisuga genannten Mücke Milben verzehren, eine Angabe, die
ohne Zweifel durchaus zutreffend ist, deren Richtigkeit aber lange Zeit bezweifelt wurde.
Eine weitere Einteilung der Gallmücken haben alle diese Forscher nicht gegeben. Den ersten
derartigen Versuch unternahm 1840 R o n d a n i , der die Gallmücken in zwei Gruppen, C e c i -
d o m y i n a e und L e s t r e m i n àe , einteiltë und eine Anzahl neuer Gattungen errichtete, die
jedoch von seinem Nachfolger H. L o e w 1850 verworfen und durch andere ersetzt werden.
In die Zeit zwischen dieser ersten systematischen Gallmückenarbeit R o n d a n i s 1) und seiner
zweiten, die 1860 erschien (Nr. 2), fällt die Veröffentlichung einer Reihe hochbedeutender Arbeiten
über Gallmücken, die wir z. T. den bereits vorher erwähnten Cecidologen V a l l o t , B o u c h é ,
D u f o u r und K o 11 a r , z. T. aber auch jüngeren Forschern verdanken, deren Namen wir in der
Gallmückenliteratur jetzt zum erstenmal begegnen. 1841 gibt uns Ra t z e b u r g (Arch. Naturg. v. 7 .1,
p. 233—247, tab. 10) eine ausgezeichnete Beschreibung der Larven von Cecidomyia pini und hrachyn-
tera, wobei er auch auf jene merkwürdigen Hautverdickungen auf der Ventralseite des 1. Thorakal-
segmentes hinweist, die vor ihm bereits R é a u m u r gesehen hatte und die 1845 auch D u f o u r
erwähnt. C o n t a r i n i beschreibt 1840 seine Cecidomyia woeldicki, H a r d y 1850 seine Cecidomyia
rosdrum und H e e g e r Lasioptera rubi. In jene Zeit fallen auch die vorzüglichen Arbeiten von
P e r r i s , und wir begegnen zum erstenmal den Namen B r e m i , W a l k e r , W e s t w o o d ,
L a b o u l b è n e , H. L o e w , W i n n e r t z und Z e t t e r s t e d t .
Die systematischen Arbeiten des letzteren über Gallmücken beginnen ebenfalls 1840 (Nr. 1)
und enden 1860 mit dem 14. Bande seiner Diptera Scandinaviae (Nr. 2). Eigentümlich ist bei ihm
das Bestreben, ältere Namen durch neue zu ersetzen ; so nennt er die Gattung Campylomyza M e i g.
Campylomyia, auf p. 822 des erstgenannten Werkes überträgt er auf die Gattung Cecidomyia M e i g.
den Namen Cecidomyza und errichtet für die Gallmücken eine besondere Familie Cecidomyzides
(Gallicolae M g.). Die von L i n n é als Tipula juniperina beschriebene Art nennt er Cecidomyza
flavimaculata und Tipula pini D e G e e r heißt bei ihm Cecidomyza laterella, wobei er die früheren
Autoren ganz richtig zitiert.
Den ersten Versuch zu einer monographischen Bearbeitung der Gallmücken macht 1847
B r e m i (Nr. 3), doch erstrecken sich seine Bemühungen nur auf die Gattung Cecidomyia M e i g.
Er beschreibt eine Anzahl neuer Gallmücken und Gallen und benennt viele Arten, ohne die Imagines
gesehen zu haben, nur nach den Gallen, ein Verfahren, das auch schon vor B r e m i im Brauche
war, leider aber auch von Nachfolgern B r e m i s bis in die neueste Zeit geübt worden ist.
Die erste Arbeit über Gallmücken, welche H e f m a n n L o e w , der bedeutendste Dipterologe
seiner Zeit, veröffentlichte, datiert vom Jahre 1844 (Stett. Ent. Z. p. 321—326). Seine grundlegende
Arbeit über Gallmücken, durch welche die Familie genau begrenzt wird und in der alle vorhergehenden
Arbeiten kritisch beleuchtet werden, publizierte dieser Autor 1850 (Nr. 5). Er zerlegt die
Gattung Cecidomyia M e i g. unter völliger Beiseiteschiebung der R o n d a n i sehen Gattungsnamen
*) Sopra alcuni nuovi generi d’Insetti Ditteri. (Nuov. Ann. Sei. nat. v. 4, Bologna 1840. Auszug in Isis 1844, p. 449
bis 452.)