
Meine Beobachtungen über die Kopula weichen ziemlich bedeutend von den Mitteilungen
B r ü c k e r s (1899 und 1901) ab. Die Kopula erfolgt, wie B r ü c k e r angibt, in weniger als
24 Stunden nach der Geburt, während ich sie in der Kegel direkt nach der Geburt beobachten konnte.
Die Dauer der Kopula schwankt nach B r ü c k e r . Von 4 $, die hintereinander zur Begattung
kamen, wurde das 1. $ 10 Minuten, das 2. $ 5 Minuten, das 3. und 4. $ mehr als eine Stunde begattet.
Eine so lange Kopulationsdauer, w i e B r u c k e r s Fall 3 und 4, habe ich nie feststellen können.
B r ü c k e r gibt nun, an, daß die Kopulation nicht auf der Kugel stattfand, sondern auf dem Boden
des Objektträgers. Bei meinen Feststellungen wurde das Ç stets auf der Kugel begattet. Durch diese
Unterschiede der Beobachtungsbedingungen mögen die Verschiedenheiten unserer Angaben hervorgerufen
sein.
Möglicherweise wird aber auch die lange Kopulationsdauer in Fall 3 und 4 bei B r ü c k e r
dadurch erklärt, daß das <$, das kurz vorher schon 2 Ç befruchtet hatte, erschöpft war, und daß es
sich weiterhin jedesmal eine Zeitlang erholen mußte, bevor es die Besamung erfolgreich ausführen
konnte. In meinen Versuchen habe ich mehrfach beobachtet, daß zwischen der Geburt der Jungmilben
mindestens ein Zeitraum von 20—30 Minuten liegt (um die Mitte der Geburtsperiode), so
daß das auf der Kugel die $ frühestens in diesem Zwischenraum befruchten kann, vorausgesetzt,
daß nur ein einziges £ auf der Kugel weilt. Da aber meist um die Mitte der Geburtsperiode mehrere $
auf der Kugel sind, so werden sie sich in der Aufgabe, mit den $ zu kopulieren, teilen, und die Zeiten
zwischen zwei Kopulationen eines jeden $ werden dadurch bedeutend länger. Ich konnte mich allerdings
häufiger davon überzeugen, daß die <$ selbst in ganz kurzer Zeit von wenigen Minuten mehrere
Kopulationen ausführten, ohne aber auch in diesen Fällen so lange Kopulationsdauern feststellen zu
können, wie B r ü c k e r in Fall 3 und 4. Nach W i l d e r m o u t h dauert der Kopulationsakt
etwa 5 Minuten.
Nach der Kopula kümmert sich das $ um das begattete Ç nicht mehr. Auch andere schenken
einem solchen $ keinerlei Beachtung. Dagegen sieht man häufiger, daß ein 2. oder gar 3. $ sich
bemüht, ein kopulierendes Pärchen zu stören und an der Kopula teilzunehmen.
B r ü c k e r will seinerseits (1899) beobachtet haben, daß ein junges, begattungslustiges $ ein
kopulierendes Pärchen stört, um selbst zur Begattung zu gelangen. Er schreibt: „Deux autres femelles
se tenaient tout auprès attendant leur toux; l’une d’elles plus impatiente venait de temps en temps
importuner la femelle accouplée et finit par se coucher sur elle comme pour prendre sa place“ (p. 70).
Ich konnte ein derartig aktives Vorgehen der ? niemals feststellen. Nach meinen Beobachtungen
verhält sich das $ durchaus passiv, selbst wenn es noch nicht befruchtet ist.
Abwandern der Weibchen.
Nach der Kopula verbleibt das Ç nicht lange auf der Kugel, sondern verläßt sie, wie auch
Tabelle 8 zeigt, schon nach wenigen Minuten. Ein Aufenthalt von 15 oder gar 30 Minuten auf der
Kugel stellt nach meinen Beobachtungen einen seltenen Ausnahmefall dar. Vielfach verlassen sogar
die begatteten $ sofort die Kugel, durchschnittlich aber nach etwa 3,7 Minuten.
Diese Beobachtung steht eigentlich im Gegensatz zu B r ü c k e r s Angabe, der schreibt: „Pendant
quelque temps après leur naissance les jeunes restent sur l’abdomèn de la mère . . .“ Zwar
nennt B r ü c k e r keine genaue Zeit, aber aus dem Zusammenhang glaube ich doch entnehmen zu
müssen, daß sicher länger als ein paar Minuten gemeint sind. Ich kann mir diesen Gegensatz von
B r ü c k e r s Beobachtungen zu meinen Ergebnissen aber wohl erklären aus der verschiedenen
Technik unserer Untersuchungsmethode. B r ü c k e r brachte eine isolierte, reife Kugel unter ein
Deckgläschen, das von Wachsfüßen getragen und rings mit Paraffin abgedichtet war. Ich beließ
dagegen die Kugel auf der toten Wirtslarve, die mit der Kugel in ein geräumiges Glasschälchen gelegt
war.’[jlm weiteren Umkreise der Larve zog ich dann zur Isolation einen Ring aus Raupenle:m, damit
die abwandernden Tiere nicht aus dem Versuch entweichen könnten. Bei mir war somit der Lauf-
raum, der den abwandernden jungen Milben zur Verfügung stand, jedesmal weit größer als bei
B r ü c k e r . Auch war ja noch die Wirtslarve der Mutterkugel vorhanden, die noch reichlich Platz
zur Ansiedlung für junge Milben bot; denn, wenn die weibliche junge Milbe abwandert, geht sie auf
Suche nach einer Wirtslarve, auf der sie sich festsetzen und zur Kugel entwickeln kann. Ist nun der
Laufraum, der den jungen Milben zur Verfügung steht, recht klein, wie in B r ü c k e r s Versuch,
so werden die wandernden ? häufig wieder auf ihre Mutterkugel stoßen, und da sie keine andere
Wirtslarve finden, steigen sie wieder auf die Mutterkugel hinauf. Das ist keine theoretische Schlußfolgerung,
die ich hier ziehe, sondern das Ergebnis zahlreicher Beobachtungen aus eignen Versuchen,
wo ich die Mutterkugel isoliert und in engem Umkreise durch einen Raupenleimring eingeschlossen
hatte. Ich machte dann ähnliche Beobachtungen wie B r ü c k e r , konnte aber auch hier einwandfrei
feststellen, daß die $ nach der Kopula meist in kurzer Zeit abwandern, um später sekundär wieder
auf die Mutterkugel aufzuwandern. Bei meiner Versuchsanordnung habe ich auch häufiger dieses
sekundäre Aufwandern der $ auf die Mutterkugel beobachten können. Doch sind diese Fälle hier
im Vergleich zu der B r u c k e r sehen Versuchsanordnung verhältnismäßig selten. Die abgewanderten
$ setzten sich (bei meiner Methode) meist auf der Wirtslarve der Mutterkugel selbst fest oder wanderten
auch von dieser ab, fanden im größeren Lauf raum den Weg zur Mutterkugel nicht mehr zurück
und fingen sich häufig im Leimring. Ich konnte jedenfalls feststellen, daß die meisten $, die längere
Zeit auf der Mutterkugel blieben, sekundär aufgewanderte § waren.
Daß das $ nach der Kopula mit dem Abwandern so große Eile hat, wird dadurch verständlich,
daß es Hunger nicht lange ertragen kann. Zwar ist die Zeit, die ein junges $ ohne Nahrung aushält,
meist doppelt so lang wie beim <J, wie wir im Kapitel Hunger, p. 57, sehen. Die maximale Hungerzeit
beträgt für ein $ bei 25 konst. Temp. etwa 36 Stunden. In dieser Zeit muß das junge $ eine
neue Wirtslarve gefunden haben. Es muß also die Zeit ausnutzen, da es auf der Wanderschaft keine
Nahrung zu sich nehmen kann. Gerade bei starker Milbeninfektion wird die junge Milbe nicht immer
auf der Wirtslarve der Mutterkugel ein geeignetes Plätzchen zum Festsaugen finden, muß also seine
Wanderschaft schon weiter ausdehnen, denn vielfach sind auch benachbarte Wirtslarven schon
über und über mit Kugelmilben besetzt.
Nun kommt allerdings neben dem aktiven Wandertrieb, den das junge (begattete) $ besitzt,
noch ein der Arterhaltung äußerst günstiger Instinkt hinzu, der es ermöglicht, daß unsere Milbe sich
selbst über weite Strecken, die durch aktives Wandern nie überwunden werden könnten, ausbreiten
kann. Die junge Milbe h at nämlich den Trieb, sich an nähernde Gegenstände festzuklammern. Nähert
man beispielsweise einer weiblichen Jungmilbe eine Borste, so nimmt das Tier vielfach, noch bevor
die Borste es berührt — wahrscheinlich durch den feinen Luftzug aufmerksam gemacht —, eine eigenartige
Bereitschaftstellung ein, indem es sich mit dem Vorderkörper hochrichtet und nun nur auf dem
3. und 4. Beinpaare steht, die beiden ersten Beinpaare vorstreckt. (In dieser Stellung verhindert
übrigens das lange* nach hinten gerichtete 4. Beinpaar, das ja nicht zum Laufen benutzt wird, ein
Umschlagen nach hinten.) Berührt nun die Borste die Milbe, so klettert das Tier äußerst schnell