
freiwillig hinauf. Ist der sich nähernde Gegenstand z. B. ein Fliegenbein, so kann auf diese Weise
die Jungmilbe durch ein fliegendes Insekt weithin verschleppt werden. Von ändern Milben, besonders
gerade von ihren Larvenformen, ist ein solches Verschleppen durch fliegende Insekten ja hinreichend
bekannt.
Wir haben soeben gesehen, daß begattete $ gleich abwandern. Was geschieht aber nun, wenn
zufällig einmal das <$ fehlt, wenn mit ändern Worten die Kopula unterbleibt?
Fängt man von einer Kugel die ab, und werden nach einiger Zeit $ geboren — oben wurde
ja schon gesagt, daß die Geburt von weiblichen Tieren auch ohne Geburtshilfe des glatt vor sich
geht —, so zeigen diese $ ein ganz anderes Verhalten als die begatteten Tiere. Sie wandern nämlich
nicht von der Kugel ab, sondern bleiben auf ihr sitzen. So kann es kommen, daß, besonders um die
Mitte der Geburtsperiode, 10 $ und mehr auf der Kugel sitzen und nicht ab wandern. Wird nun
ein geboren, so beginnt dies alsbald mit der Kopula, und die begatteten $ wandern dann in kurzer
Zeit von der Kugel ab. Der Wanderinstinkt der jungen $ wird also -Sjich habe dies in zahlreichen
Versuchen feststellen können — erst durch die Kopula ausgelöst, oder besser gesagt, das frisch geborene,
nicht begattete $ besitzt zunächst einen Warteinstinkt, der durch die Kopulation gleich in
den Wanderinstinkt umschlägt.
Was geschieht nun, wenn die $ allzulange ausbleiben? Dann beobachtet man, daß nach Stunden,
manchmal erst nach 24 Stunden und länger ^ i c h glaube, daß für diese Zeitdauer die Temperatur
von ausschlaggebender Bedeutung ist —, die $ doch von der Kugel abwandern. Es klingt also
in diesem Falle, wenn keine Kopulation erfolgt, der Warteinstinkt auch allmählich ab und geht
langsam in den Wanderinstinkt über, während bei den begatteten $ dieser Umschlag vom Warte-
instinkt in den Wanderinstinkt ziemlich plötzlich erfolgt.
Parthenogenese.
Im Anschluß an diese Beobachtung gewannen die nicht begatteten Tiere für mich immer
größeres Interesse, und es traten mit zwingender Notwendigkeit die Fragen in den Vordergrund:
1. ob die nicht begatteten £ überhaupt die Fähigkeit der Weiterentwicklung zur Kugel
besitzen, und
2. ob die zweigeschlechtliche Fortpflanzung den einzig möglichen Vermehrungsmodus für
unsere Milbenart darstellt, oder ob bei Ped. ventr. auch Parthenogenese möglich ist?
Die Beobachtung, daß die nicht begatteten $ mit so großer Beharrlichkeit auf das $ warten,
legt uns zunächst nahe, die erste Frage und den 2. Teil der 2. Frage verneinend zu beantworten.
B r ü c k e r und auch alle Untersucher vor und nach ihm haben trotz guter Beobachtung und intensiver
Beschäftigung nie dergleichen feststellen können2). Selbst ein so gründlicher Milbenkenner
wie E n z i o R e u t e r hat in seinen Untersuchungen über die unserer Art nahestehende Milbe
Pediculopsis graminum Parthenogenese nie gefunden, obwohl gerade bei Pediculopsis manche ökologische
Beobachtung für das Auftreten der Parthenogenese spricht. R e u t e r hat aber diese Fälle
auf andere Zusammenhänge zurückführen können, obgleich er selbst zunächst den Verdacht auf
Parthenogenese hegte. Ja, R e u t e r konnte gerade bei der Pediculopsis-Milbe, wo die $ als Nymphen
*) Allerdings hat N e w p o r t , der die^J von Ped. ventr. noch nicht kannte, die Milbe wegen des Fehlens d e r^ für partheno-
genetisch gehalten.
befruchtet werden, es durchaus wahrscheinlich machen, daß die nicht beg atteten Tiere sich nicht
zu Prosopa weiter entwickeln, sondern als Nymphen zugrunde gehen. Oben p. 34 habe ich schon
R e u t e r s Feststellung besprochen, daß die $ bei Pediculopsis ähnlich wie bei unserer Milbe nur
in einer geringen Anzahl von etwa 5 % auftreten, daß aber das Verhältnis der männlichen und weiblichen
Prosopa fast stets das gleiche ist, weil nämlich nur die begatteten weiblichen Nymphen — das
$ kopuliert hier nur mit einem $ — sich zum Prosopon entwickeln.
Es gelang mir nun durch zahlreiche Versuche die Feststellung, daß bei Pediculoides ventricosus
das nicht befruchtete $ sich genau wie das befruchtete Tier zur Kugel entwickeln kann, und daß diese
Kugel des unbefruchteten $ sich in keiner Weise von der befruchteten unterscheidet. Weiter zeigten
meine Versuche, daß bei Ped. ventr. die unbefruchteten ^ zur parthenogenetischen Fortpflanzung
fähig sind. Dabei ergab sich, daß sämtliche Junge der parthenogenetischen Kugeln ausnahmslos sind.
Hier verhält sich Ped. ventr. ähnlich wie die Bienen, wo ja auch die männlichen Tiere, die Drohnen,
aus unbefruchteten Eiern hervorgehen. Unbefruchtete, sog. drohnenbrütige Königinnen und auch
die Arbeiterinnen, die unter gewissen Umständen unbefruchtete Eier ablegen können, bringen nur $,
d. h. Drohnen hervor. Es handelt sich also hier um eine ausgesprochene A r r h e n o t o k i e .
A r r h e n o t o k e P a r t h e n o g e n e s i s kommt übrigens in der Gruppe der Acarinen,
bei den Tetranychus-Arten ganz allgemein vor. Sie wurde experimentell festgestellt bei Tetranychus
telarius L. durch P e r k i n s (1896) und E w i n g (1914), für Tetranychus bimaculatus Hervey durch
P a r k e r (1913). Vielleicht kommt neben Arrhenotokie bei einigen Tetranychus-Arten auch Thely-
tokie vor. Bei Tetranychus gloveri Banks sind die $ sehr selten. M o r g a n (1897) vermutet auch
hier parthenogenetische Fortpflanzung. Er macht aber keine Angaben über das Geschlecht, möglicherweise
handelt es sich hier doch um eine, arrhenotoke Fortpflanzung wie bei Ped. ventr., zumal
diese Art nach Mc G r e g o r (1912) synonym mit Tetranychus bimaculatus ist.
Im übrigen liegen wenig exakte Beobachtungen über Parthenogenesis bei Milben vor. He n -
k i n g (1882) vermutet parthenogenetische Fortpflanzung neben der regelmäßigen zweigeschlechtlichen
bei Trombidium fuliginosum Herrn. Parthenogenese wird ferner noch angegeben für Gamasus
stercorarius Gram, und Gamasus tardus Koch von B e r 1 e s e (1882), für Syringobia chelopus Trouess.
et Neum. durch T r o.ü e s s a r t (1894) und von demselben Autor für Gamasus auris Leidy (1902).
Alle diese letzten Angaben bedürfen aber noch eingehender Bestätigung und sind nicht unwidersprochen.
Die Parthenogenese wird bezweifelt für Gamasus auris von A. F o a (1900) und
F r e u n d (1910).
Nach Graf H. V i t z t h u m soll in der Gattung Cheyletus regelmäßig Parthenogenese Vorkommen,
auch bei Raillietia schließt er, weil das männliche Geschlecht zu fehlen scheint, auf zwangsmäßige
Parthenogenese (P. S c h u l z e , 1923). ,,Bei den Zecken kommt sowohl zwangsläufige
Parthenogenese (Amblyomma agamum Arag.) als auch gelegentliche weibchenliefernde vor (Rhipi-
cephalus bursa Can. et Fanz, nach N u 11 a 11, Amblyomma dissimile Koch). Bei dieser Spezies
zog B o d k i n vier parthenogenetische Generationen auf. Bei den deutschen Arten ist Jungfernzeugung
noch nicht beobachtet worden“ (P. S c h u l z e , 1923). Es gibt also bei den Milben noch
nicht allzuviel Fälle, wo Parthenogenese exakt nachgewiesen und untersucht worden ist.
F. S c h r ä d e r (1923)x) hat neuerdings bei Tetranychus bimaculatus, der bekannten amerikanischen
Baumwollpest, gefunden, daß die unbefruchteten Eier, aus denen nur<? kommen, stets haploid
0 Herrn Prof. Dr. P. K r ü g e r , Bonn, danke ich verbindlichst für freundliche Überlassung der S c h r ä d e r sehen Arbeit.