
Ergänzt wird die Synopsis durch die 1878 erschienene Revision der Gallmücken von F .K a r s c h ( l) .
Der Verfasser weist darauf hin, daß von H. L o e w , S c h i n e r und den Verfassern der Synopsis
nicht immer das Reeht der Priorität gewahrt worden sei. So will K a r s c h sta tt Diplosis H. L w.
wieder den alten M e i g e n sehen Namen Cecidomyia eingeführt wissen für alle Gallmücken aus der
Verwandtschaft -von Cecidomyia pini, dem Typus dieser Gattung, während Cecidomyia H. L w. (1850)
dem Namen DasyneUra R o n d. (1840) weichen müsse, eine Auffassung, gegen welche 1880 F r. L ö w
energisch Stellung nimmt, indem er darauf hinweist, daß K a r s c h nur die Priorität der Namen,
nicht aber ihre Bedeutung berücksichtigt habe. Da die R o n d a n i sehen Gattungen nur Teüe der
H. L o e w sehen seien, sich also nicht mit ihnen deckten, so dürften auch die R o n d a n i sehen
Namen nicht an Stelle der H. L o e wsehen gesetzt werden. F r . L ö w teilt mit H. L o e w die für
die damalige Zeit durchaus berechtigte Ansicht, daß R o n d a n i s Gattungen nur auf wenige Arten
gegründet und infolgedessen viel zu eng gefaßt worden seien, und diese Ansicht bleibt für die folgenden
Jahre die maßgebende.
Die drei letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts bringen eine Fülle vorzüglicher Einzelbeobachtungen.
Vor allem zeichnen sich drei österreichische Forscher, F r . L ö w, M i k und W a c h 1 1,
durch Beschreibung neuer Arten und ausgezeichnete Beobachtungen über die Lebensweise vieler
Cecidomyiden aus. Während wir diesen, drei Forschern die Kenntnis vieler neuer Arten verdanken,
ist in ihren Beschreibungen doch nur ein geringer Fortschritt gegenüber den Artbeschreibungen ihres
Vorgängers W i n n e r t z zu verzeichnen und alle drei halten an den von H. L o e w und W i n n e r t z
gegebenen Gattungsdiagnosen fest.
Außer den Arbeiten dieser Forscher werden in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
auch von anderer Seite viele, z. T. vorzügliche Einzelbeobachtungen veröffentlicht, wir begegnen
den Namen B. W a g n e r , der als Diplosis equestris eine Mücke beschreibt, welche sattelartige
Auswüchse an Getreidehalmen erzeugt, L i n d e m a n n , der aus Rußland über seine Lasioptera
cerealis berichtet, den englischen Forschern B i n n i e und T r a i 1, auf welche später Beschreibungen
neuer Arten v o n K i e f f e r , L i e b el , Rü b s a ame n und anderen folgen. Die erste neue europäische
Cecidomyidengattung wurde am Ausgange der L o e w - W i n n e r t z sehen Epoche von K i e f f e r
veröffentlicht, indem er auf eine aus Galiumblüten gezüchtete Mücke das Genus Schizomyia gründete,
das aber erst 1892 genauer charakterisiert wird.
Anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beginnen R ü b s a a m e n s und
K i e f f e r s Bestrebungen, die bis dahin auf Grund der zusammenfassenden Arbeit von H. L o e w (5)
als gültig anerkannten Gattungen in ihrer Begrenzung und Berechtigung einer Kritik zu unterziehen.
Auf Grund des Prioritätsgesetzes werden H. L o e w sehe und W i n n e r t z sehe Gattungsnamen
durch ältere anderer Autoren ersetzt, und gestützt auf eingehendere Untersuchung der Fühler, Taster,
Fußkrallen, Genitalien, Larven etc. werden die alten Gattungen in zahlreiche neue zerlegt. Die heute
wieder in Anwendung gebrachten alten R o n d a n i sehen Namen verdanken ihre Wiederherstellung
aber nicht einer von R o n d a n i gegebenen zutreffenden Gattungsdiagnose, sondern lediglich dem
Umstande, daß R o n d a n i bei seinen Gattungen eine bestimmte Art als Typus angegeben hat.
Der G a t t u n g s u m f a n g , der sich heute an die R o n d a n i sehen Namen knüpft, ist ein
wesentlich anderer als bei ihrem Autor. Es handelt sich also um alte Namen und neue Begriffe;
dasselbe gilt aber für die meisten älteren Gattungen, denn es ist natürlich, daß mit jeder Erweiterung
der Kenntnis der Objekte, welche die Abzweigung neuer Gattungen zur Folge hat, sich der ursprüngliche
Begriff ändert.
Vielleicht ist in der Zersplitterung der alten und der Bildung zahlreicher neuer Gattungen, die
oft auf geringfügige, nicht immer bei beiden Geschlechtern vorhandene Merkmale gegründet wurden,
zu viel geschehen. Jedenfalls unterliegt es aber keinem Zweifel, daß die Kenntnis der Gallmücken
in den letzten 25 Jahren in ungeahnter Weise gefördert worden ist. In Italien zeichnen sich vor allen
C. M a s s a l o n g o , A. T r o t t e r und de S t e f a n i - P e r e z durch die Beschreibung neuer
Mückengallen und Arten aus, in Frankreich widmen M a r c h a 1, P i e r r e u. a. dem Studium
der Gallen besondere Aufmerksamkeit, während in Deutschland von S e i t n e r neue Mückengattungen
auf gefunden wurden. Während noch H. L o e w im Jahre 1850 die Naturgeschichte und
Systematik der Gallmücken als im argen liegend bezeichnen mußte, gehört diese interessante Dipterenfamilie,
wenigstens soweit es sich um europäische Arten handelt, heute mit zu den am besten erforschten,
obgleich nicht zu leugnen ist, daß noch recht viel zu tu n übrig bleibt. In neuerer Zeit hat
sich bereits manche jüngere Kraft mit diesem Gegenstände beschäftigt. So besitzen wir von F e 11
die Beschreibung zahlreicher neuer amerikanischer und exotischer Gallmückenarten und Gattungen.
Endlich h a t in neuester Zeit E n d e r 1 e i n den Versuch gemacht, die Familie der Cecidomyiden
genauer zu umgrenzen und den Grad ihrer Verwandtschaft zu anderen Dipteren festzustellen. Er
kommt zu dem Schlüsse, daß die S c h i n e r sehe Einteilung der Cecidomyiden in drei Unterabteilungen
Cecidomyinae, Lestremiinae und Heteropezinae unhaltbar sei und daß die Lestremiinen,
die E n d e r l e i n Holzmücken nennt, mit den Sciariden viel näher verwandt seien als mit den
Cecidomyiden, so daß für letztere nur noch die beiden Unterfamilien Cecidomyinae und Heteropezinae
übrig bleiben würden.
Auch die Kenntnis außereuropäischer und fossiler Gallmücken ist in den letzten Jahren sehr
gefördert worden. Uber letztere berichten in früheren Jahren bereits H. L o e w , W e s t w o o d ,
S c u d d e r u. a. und in neuerer Zeit Me u n i e r (1), der in seiner großen Arbeit über Bernstein-
Dipteren über 30 fossile Gallmücken beschreibt.
1. Der Körperbau der Gallmücken.
A. Imago.
Der Körper der Gallmücken besteht aus drei.deutlich getrennten Teilen, dem K o p f (Caput),
dem M i t t e l l e i b (Thorax) und dem H i n t e r l e i b (Abdomen) mit ihren Anhängen. Jeder dieser
Teile besteht aus einer Anzahl von mehr oder weniger deutlichen Abschnitten (Segmenten, Metameren),
die am Kopfe so verschmolzen sind, daß sie als solche ohne weiteres nicht mehr zu erkennen sind,
während sich bei Thorax und Abdomen die Zahl der Segmente leichter nachweisen läßt.
Am K o p f e befinden sich, außer dem M u n d e mit seinen A n h ä n g e n , die F ü h l e r .
Der Thorax besteht aus drei Abschnitten, deren vorderen man als P r o t h o r a x bezeichnet, während
der mittlere M e s o t h o r a x und der hintere M e t a t h o r a x heißt. Jedes Thorakalsegment besitzt
ein Paar Beine, während die Flügel (Alae) dem mittleren Segmente, dem Mesothorax angehören
und der Metathorax zwei eigentümliche Gebilde trägt, die als Schwinger oder Halteren bezeichnet
werden und verkümmerte oder umgebildete Hinterflügel sind.
Der H i n t e r l e i b besteht aus einer größeren Anzahl von Abschnitten, von denen nur noch
die Endsegmente mit Anhängen versehen sind, die z. T. im Dienste der Kopulation stehen.