
Unter einer Anzahl Individuen einer Art finden sich Schwankungen selbst bei Merkmalen und Organen,
die durchaus nicht der Rückbildung unterliegen, und dieses Plus und Minus ist der Grund, weshalb
Entomologen den Artcharakter besser erkennen, wenn sie 12 Belegstücke einmal sta tt ein Belegstück
zwölf mal studieren. A fortiori treten solche Schwankungen bei rudimentierenden Organen, namentlich
zu Beginn der Rückbildung auf; ausnahmsweiser Makropterismus laßt sich aus der wesentlich
getreuen Wiedergabe des zoologischen Typus mit Sicherheit als atavistischer Rückschlag erkennen.
Soweit die Funktionslosigkeit des Flugapparates bei Anisolabis sich auf die Gestaltung des
Metathorax selbst bezieht, spricht P a n t e 1 von einer antagonistischen Tendenz, die sich der atavistischen
Tendenz getreuer Wiedergabe des ehemaligen Zustandes entgegenstelle. Was ist es mit
dieser antagonistischen Tendenz ?
Wir haben das Schicksal des Flugapparates bei verwandten Arten verfolgt. Mit dem definitiven
Aufgeben des Fluges sinkt der Flugapparat von seiner anfänglich physiologischen Entwicklungshöhe
herab und im Laufe der Generationen steigert sich dieses Minus. Es erstreckt sich auf alle Teile und
Einzelheiten, auf die Alae, die Flugmuskeln, auf deren Sehnennäpfe, auf die Kämme, Bögen, Spangen
des Tergum, so daß der Prozeß der Rückbildung zunächst nichts anderes als eine fortschreitend
gehemmte Entfaltung der Anlage des Flugapparates zu sein scheint.
Wenn das Problem so einfach läge, könnten wir uns mit dem Hinweis auf die VererbungsWissenschaft
begnügen. Denn sie rechnet in weitem Umfang mit latenten, nur partiell oder gar nicht aktivierten
Anlagen; sie befaßt sich mit den Erscheinungen geschlechtsgebundener Vererbung, auch die
liegt hier vor, wenn sich die Entflügelung trotz Copula nur in einem Geschlecht vollzieht; sie stellt es
als eine heute feststehende „Tatsache“ hin ( H a r t m a n n 1925, G o l d s c h m i d t 1920), daß jede
sexuell differenzierte Gamete zugleich die Anlagen des entgegengesetzten Geschlechtes besitzt und
postuliert Hormone, die zur Entfaltung der einen, zur Unterdrückung der anderen Anlage führen; so
könnten auch hier die m it dem Eiplasma vererbten, aber langsam aussterbenden Entwicklungshormone
den zunehmenden Brachypterismus erklären; beim Sebrigth-Bantamhahn, der das männliche Federkleid
nur erhält, wenn er kastriert wird, rechnet man mit entwicklungshemmenden Faktoren, so
könnten auch hier langsam sich mehrende Hemmungsfaktoren schließlich zur völligen Unterdrückung
der Flügelanlage führen. Und brächte man endlich das Aussterben der entwicklungsfördernden bezw.
das Anwachsen der hemmenden Hormone in einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Gebrauch
und Nichtgebrauch der Flügel, so wäre die Hypothese völlig durchgeführt. Die Schwierigkeit, daß das
Soma mit seinen somatogen erworbenen Eigenschaften nichts am Chromosomenbestand, den Hauptträgern
der Erbmasse, ändern kann, wäre umgangen, da ja die Erbanlage für den Flugapparat unverändert
bestehen bliebe. Das Dogma, daß vom Soma zum Keimplasma überhaupt keine Brücke führe,
könnte allerdings in dieser krassen Form nicht bestehen bleiben. Es sei aber gestrost Berufeneren
überlassen, in dieses Dunkel Licht zu bringen.
Was die Auffassung der Rückbüdung als eine einfache Hemmung zum mindesten modifiziert,
ist die nur teilsweie gehemmte Entfaltung der Anlage, wie sie sich in der Beibehaltung der Elytren
z. B. zeigt; sie werden meist nicht abgebaut, sondern oft noch verstärkt, ferner darin, daß die beweglichen
Pleuren mit den benachbarten Skleriten zu einem unbeweglichen Panzerstück verwachsen.
Dieses so unterschiedliche Schicksal einzelner Teile des Gesamtflugapparates, wie es uns bèi Funktionswechsel
noch deutlicher entgegentritt (Schwingkölbchen der Dipteren), muß doch die Erbanlage
beeinflussen. Es fehlt uns aber jegliche Vorstellung von den Faktoren, die, in sieghafter Folgerichtigkeit
und Beharrlichkeit von Ontogenese zu Ontogenese fortschreitend, solche funktionelle Anpassungen
vollziehen.
Es sei noch darauf hingewiesen, daß meine Ä n s lp i daß die potentielle Anlage rückgebildeter
Organe bestehen bleibt, ein interessantes Schlaglicht auf H a e c k e l s „Biogenetisches Grundgesetz
wirft. Nach ihm ist die Ontogenese eine teilweise Wiederholung der Phylogenese. In diesem Sinne sind
die Eückbildungsphasen der Alae und die Imaginalscheiben der Flügel bei Ameisenlarven anlaufweise
reproduzierte phylogenetische Erbstücke früherer Flugorgane. Das Grundgesetz verlangt keine
Wiederholung aller phylogenetischen Entwicklungsstufen, darum brauchen auch, wir hier nicht anzunehmen,
daß bei Formen, die seit undenklichen Zeiten bereits flügellos geworden sind, die Potenz
zur Entwicklung des Flugapparates noch vorhanden sei. Sonst müßte ja die Artzelle ein wahres
Museum von Anlagen aller im Laufe der Stammesgeschichte dagewesenen Organe darstellen. Das
schließliche. Verschwinden solch veralteter Potenzen führt allerdings zu.einer Änderung der Erbmasse.
Während es sich bei der Mutation um eine sprunghafte, nützliche oder schädliche, durch unbekannte
Ursachen herbeigeführte Abänderung der Erbanlagen handelt, wird hier nur die Ausschaltung eines
veralteten Erbballastes gefordert.