
Niemals fehlt, die Oberglocke und kann auch gar nicht fehlen, da ausnahmslos allen Calycophoren
ein Einglockenstadium zuzukommen scheint, bei dem die Oberglocke der eigentliche Lebensträger ist,
in Ermangelung anderer docken.
Wir wenden uns nun einer Diphyidengruppe zu, auf welche die vorhergehenden Untersuchungen
ein interessantes Licht werfen: dem Tribus Oppositae, speziell Praya. Uber ihre erste
Entwicklung war bisher nichts bekannt. Allerdings hatte M e t s c h n i k o f f die Larve einer
Praya kurz beschrieben und' abgebildet (1874, p. 45—46 Täf. VII), die er bei Villefranche
gefischt hatte; wahrscheinlich handelte es sich aber, nach dem Aussehen, um ein losgerissenes
junges Cormidium.
Ich selbst fand in Neapel zwei sehr interessante Larven, die nach ihrem Bau nur zu P. cymbiformis
D. Chiaje gehören konnten. Die ältere wurde Mitte März gefischt und versetzte mich in ziemliche
Aufregung, denn sie stellte meine ganze Auffassung von Hippopodius auf eine entscheidende
Probe, indem sie auffallend einer jungen Hippopodius-Larve mit den beiden ersten, hufeisenförmigen
Glocken glich, dadurch aber anscheinend zu einer Deutung im Sinne Chuns zu zwingen schien, also
meine eigene Deutung widerlegte. Sie besaß, wie die Hippopodius-Larve, eine „Larvenglocke“ , die
sich kaum von jeher unterschied, ferner zwei Glocken, die nach Bau und Lage die Ober- und Unterglocke
von Praya sein mußten (Taf. I, Fig. 3). Die Oberglocke war schon so groß, daß sie weit aus
dem Hydröcium der Larvenglocke vorragte; dabei war sie ganz richtig sowohl dieser letzteren wie auch
der noch sehr kleinen Unterglocke opponiert. Diese steckte noch vollständig in ihrem Hydröcium.
Die Unterglocke hatte also die gleiche Orientierung wie die , ,Larvenglocke-‘v Da die typischen und
ähnlichen Praya- Glocken offensichtlich die Ober- und Unterglocke der Kolonie darstellten, konnte
die abweichend gebaute erste Glocke, ihrer Lage nach, nichts anderes sein, wie die Larvenglocke.
Dann war meine Deutung der Verhältnisse bei Hippopodius falsch, und mußte dessen Primärglocke
ebenfalls eine Larvenglocke sein; denn die Ähnlichkeit der Praya- und der Hippopodius-h&ive war
so groß, daß die Annahme, ihre „Larvenglocken“ seien nicht homologe Bildungen, meine Deduktionehi
ihrerseits ad absurdum geführt hätte. Deshalb kamen mir neuerdings Zweifel über die Richtigkeit
meiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen, was angesichts der positiven Angaben so hervorragender
Forscher wie G h u n , C l a u s und G e g e n b a u r nur natürlich war.
In den nächsten Wochen ging wenig Material ein, so daß ich Zeit hatte, meine Präparate und
Zeichnungen nochmals nachzuprüfen und die betreffenden Fragen nach allen Richtungen hin zu
durchdenken. Trotzdem kam ich zu dem gleichen Schluß wie früher, daß die Primärglocke von Hippopodius
eine Larvenglocke ebensowenig sein kann, wie die einzige Glocke von Monophyes und Sphaeronectes.
Eine unüberbrückbare Kluft klaffte demnach zwischen den Jugendstadien von Hippopodius
und Praya. Kein Ausweg schien aus diesem Dilemma zu führen. Das Entscheidende mußte auch hier
die Genese der verschiedenen Teile sein, also der drei Glocken und der Cormidien und ihre ursprünglichen
Lagebeziehungen zum Stamm. Aber gerade hierüber war bei dem betreffenden Jugendstadium
nichts zu ermitteln. Einerseits konnte ich mich nicht entschließen, dieses einer näheren Untersuchung,
die eine teilweise Zerstörung erfordert hätte, zu unterziehen, andererseits wäre der Erfolg
kaum sehr groß gewesen, in Anbetracht der weit fortgeschrittenen Entwicklung und starken Kontraktion
des kurzen, an seinem Ende wahrscheinlich abgebrochenen Stammes, da der Ansatz der
einzelnen Glocken, auf den es allein ankam, ganz von dem dichten Knospenbüschel am Stammanfang
verdeckt war. So blieb nichts übrig als abzuwarten und lauerte ich mit größter Spannung auf die
täglichen Eingänge.
Das Glück war mir auch diesmal günstig. Am 14. April wurde eine zweite und zwar ebenfalls
sehr schön erhaltene Larve (Taf. I, Fig. 1) eingebracht. Sie war bedeutend jünger, ihre Länge betrug
ohne Stamm nur ungefähr den vierten Teil der vorigen. Zudem waren nur zwei Glocken, die „Larvenglocke“
und die opponierte, typische, noch sehr kleine Oberglocke vorhanden. Der kurze Stamm
hatte nur wenige, meist junge Cormidien, von denen das älteste das Primärcormidium zu sein schien.
Die „Larvenglocke“ entsprach dabei, bis auf ihre geringe Größe, durchaus jener des vorigen Stadiums.
Aus ihrem Hydröcium ragte die Oberglocke erst wenig hervor, da sie nur eine Länge von ca. 1,5 mm
besaß, während die Unterglocke anscheinend noch ganz fehlte. Die nähere Untersuchung ergab eine
überraschende, von mir in keiner Weise. vorausgesehene oder auch nur geahnte Lösung des Rätsels.
Am S t i e l d e r z w e i t e n G l o c k e fand sich, dicht über ihrem Ansatz am Stamm, eine bimförmige,
gestielte, hohle Knospe (Taf. I, Fig. 2, Gl. 3). Diese Knospe konnte nichts anderes sein als
die Ersatzglocke für die erstere. Sie mußte zugleich aber auch der Anlage der dritten Glocke
der älteren Larve, also der betreffenden Unterglocke entsprechen. Da somit die zweite und dritte
Glocke aus dem gleichen Mutterboden hervorgehen, können sie, nach dem früher Gesagten, nicht
Ober- und Unterglocke zugleich sein, sondern nur das eine oder andere, und zwar, da sie zudem auf
der entgegengesetzten Stammseite wie die erste Glocke saßen, unter allen Umständen nur Unterglocken.
Zur Unterstützung meiner Behauptung gebe ich eine Abbildung einer Unterglocke von
Diphyes mit der Knospe der zweiten Unterglocke (Fig. 16, Taf. IV), um zu zeigen, daß letztere genau
wie dort, am Stiel der ersteren, also indirekt aus der Ventralknospe hervorsporoßt. D i e b e i d e n
d e f i n i t i v e n H a u p t g l o c k e n v o n P r a y a , d i e f ü r i h r e Ob e r - u n d U n t e r g
l o c k e g e h a l t e n werden>. s i n d a l s o t a t s ä c h l i c h b e i d e U n t e r g l o c k e n ,
ebenso wie die hufeisenförmigen Glocken von Hippopodius. Dieser Schluß ist zwingend nach ihrer
Genese. I h r e Oppos i t i on i s t e b e n s o , wi e b e i H i p p o p o d i u s , e i n e s e k u n d ä r
e r w o r b e n e* u n d t ä u s c h t n u r e i n e p r im ä r e , g e n e t i s c h e vor . W e i t e r
f o l g t a u s d e n g e g e n s e i t i g e n L a g e b e z i e h u n g e n , d a ß d i e „ L a r v e n g
l o c k e “ v o n P r a y a t a t s ä c h l i c h d i e - d e f i n i t i v e O b e r g l o c k e i s t , wie dort.
Durch ein drittes Stadium, das nachträglich gefangen wurde, wurde dieser Schluß bestätigt.
Dieses dritte Stadium schloß sich eng an das ältere an, nur fehlte die „Larvenglocke“ , also die definitive
Oberglocke, und waren die beiden anderen Glocken, die Unterglocken, inzwischen größer geworden
und zwar die obere etwas, die untere bedeutend, denn die erstere hatte eine Länge von 20 mm sta tt
19 mm, die letztere 16 mm sta tt 6 mm. Diese beiden Glocken waren die typischen beiden Praya-
Glocken, so daß dieses Stadium eine junge Pr. cymbiformis darstellte, deren jüngste untere Glocke
unzweifelhaft der jüngsten Glocke der älteren „Larve“ und der Knospe für die zweite Glocke bei
der jüngsten Larve entsprach. Meine Auffassung von Hippopodius wurde also durch diese Jugendstadien
von Praya in keiner Weise erschüttert oder gar widerlegt, sondern im Gegenteil auf das
schönste bestätigt.
Zum besseren Verständnis der eigentümlichen Verhältnisse, die durch obige Untersuchungen
bei Praya enthüllt werden, und zur Beleuchtung der phylogenetischen Stellung der letzteren, seien
einige Bemerkungen über die betreffenden Unterglocken eingeschaltet. Praya unterscheidet sich
wesentlich von allen phylogenetisch älteren Calycophoren (s. Stammbaum „ G a u ß “), wie Diphyes
und Abyla: 1. durch den gleichzeitigen Besitz von zwei Unterglocken an Stelle einer einzigen, indem
ihre erste Unterglocke nicht durch die nachfolgende, jüngere verdrängt wird, wie dort, sondern
sich neben dieser erhält; 2. dadurch, daß die Lage der jüngeren nicht, wie bei der älteren, ihrer Genese
Zoologica. Heft 73. 3