
Alle Rechte Vorbehalten.
Printed in Germany.
Druck von Carl Grtlninger Nachf. Emst Klett, Stuttgart.
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Vorwort.
Organe, die für die Erhaltung des individuellen Lebens oder der Art keinen Nutzen mehr bringen
und funktionslos geworden sind, obne durch Eunktionswechsel anderweitig in den Dienst genommen
zu werden, verfallen der Rückbildung. Sobald sieb die Spuren dieser Rückbildung zeigen, sprechen
wir von r u d i m e n t ä r e n O r g a n e n . Sie sind in der Pflanzen- und Tierwelt ungemein verbreitet
und behaupten sieb mit einer solch erstaunlichen Zähigkeit, daß sie uns Eintagsfliegen zunächst
als unverwüstheh erscheinen. Und doch sind wir imstande, ihren weiteren Verfall und ihr schließ-
liches Schwinden mit Sicherheit vorauszuerkennen, sobald wir das Schicksal desselben Organes bei
einer größeren Gruppe nahe verwandter Formen verfolgen. Rudimentäre Organe und der verschiedene
Grad der Rückbildung sind deshalb für die v e r g l e i c h e n d e M o r p h o l o g i e und die
S y s t e m a t i k von größter Bedeutung. Sie sind ferner untrügliche, vielberufene Zeugen für
die Veränderlichkeit aller Lebewesen, sie gleichen den Ruinen menschlicher Bauten, aus denen der
Historiker Schlüsse über vergangene Zeiten ziehen kann (L. P l a t e ) ; neben den in fortschrittlicher
Entwicklung stehenden Organen als Beweis für die A b s t a m m u n g s l e h r e stehen gleichwertig
die in Rückbildung begriffenen Organe. Wie der entfaltete Organismus ist auch seine Ontogenese
gleichsam ein Spektrum (H e s s e), in dem die kleinsten Besonderheiten der Keimzelle unseren
Wahrnehmungsmitteln zugänglich werden; wenn nun Organe, die äußerlich nicht mehr in die Erscheinung
treten, in der Ontogenese noch einen Anlauf zu ihrer Entwicklung nehmen, so sind das
rudimentierte Organe, die den O n t o g e n e t i k e r nicht weniger interessieren als den Vertreter der
V e r e r b u n g s w i s s e n s c h a f t . Das alles zeigt, wie wichtig und von welch weitreichender
Bedeutung das Studium rudimentärer Organe ist,, das natürlich von der Untersuchung homologer,
funktionierender und der Rückbildung nicht verfallener Organe ausgehen muß. Der Flugapparat
flugfähiger und flugunfähiger Insekten, die man überall von bestimmten und nabe verwandten Arten
in größerer Zabl erhalten kann, empfiehlt sich für dieses Studium ganz besonders. Unter den Insekten
sind es gerade die Käfer, die in dieser Hinsicht wohl am meisten vernachlässigt sind.
Seit vielen Jahren schenkte ich bereits dem Flug und der Flugunfähigkeit dieser Insektenordnung
meine besondere Aufmerksamkeit. Ich war darum freudig überrascht, als Prof. H e s s e , damals noch
in Bonn, ohne dies zu wissen, den Wunsch äußerte, ich möchte die Rückbildung des Flugapparates der
Käfer zum Gegenstand einer Untersuchung wählen. Man weiß zwar von vorneherein, daß am Schluß
einer Arbeit, die sich mit den Rätseln im Reiche des Lebens befaßt, nicht jene Befriedigung winkt, wie