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172 IX. Kalahari.
tigkeit zu bewegen. Als im Januar die Sommerregen eintraten, erwaclite
die Vegetation »nicht allinälig, sondern, wie durch einen
Zauberstab berührt, verwandelte sich plötzlich die dürre Ebene in
einen griinendon Blumengarten, in weniger als zwei Wochen war an
die Stelle der Wüste ein liebliches Bild des lebendigen Wachsthums
getreten, unzählige kleine Blüthen bedeckten den Boden« und überall
begegnete das Auge den dichten Gebüsehgruppen desTarchonanthus,
die sich zehn bis zwölf Fuss hoch aus der Grasfiäche hervorheben.
Ist aber mit dem Aufhören der Gewitterschauer, die das harrende
Leben befruchteten, die Herrschaft des Todes in der Wüste wieder
eingetreten, so bleiben doch einzelne Plätze übrig, wo das zurückgebliebene
Grundwasser ehien höheren Stand behauptet und dadurch
eine eigene Formation von längerer Entwickelungsdauer hervorruft.
Schon aus weiten Entfernungen unterscheidet der Eingeborne gewisse
Gruppen von Holzgewäclisen, die, wie die weissdornige Acacie
{A. horrida], auch an den Ufern des Gariep wachsen und von Kohrgräsern
[Phragmites) begleitet werden, er eilt ihnen entgegen, weil
sie die Nähe des unterirdischen Wassers verrathen, das in der Wüste
so selten aufzufinden ist.
In der öden Küstenregion, wo selbst die Welwitschia zu den
botanischen Seltenheiten gehört, können die Winternebel den fehlenden
Regen nicht ersetzen. Hier haben sich, wie schon bei den
Pflanzenformen erwähnt wurde, nur vereinzelte Flüchtlinge von den
benaclibarten Terrassen aus stellenweise angesiedelt, ein oder zwei
Arten von Acacia-Sträuchern von zwei Fuss hohem Wuchs H), und
wenige Gramineen des dürrsten Sandbodens, denen sich dann wohl
einige Strandpflanzen anschliessen werden.
. Tegetationscentren, Da die Flora der Kalahari in systematisclier
Hinsicht noch so wenig bekannt ist, so kann auf die Selbständigkeit
ihrer Vegetationscentren nur aus gewissen Pflanzenformen
und deren Anordnung zu Formationen geschlossen, ihr geographischer
Umfang zum Theil nur nach dem klimatischen Charakter ihres
Regenmangels bestimmt werden. Dass hier die Palmen fehlen und
mit ihnen viele andere tropische Formen Sudans ausgeschlossen sind,
dass die Vegetation in ihrer Armuth den Nachbargebieten bei Weitem
nachstellt und nicht bloss die Mannigfaltigkeit, sondern auch die
eigenthtimlichen Familien und artenreichen Gattungen der Kap-
Absonderung von den Nachbarfloren. 173
sträucher aufhören und durch den einförmigen Wuchs dorniger
Acacien ersetzt werden, hat uns gezeigt, wie dem Klima auch hier
die Pflanzenformen entsprechen. Allein das klimatische Moment ist
doch nicht das einzige, die Vegetationscentren der Kalahari in ihrer
Absonderung zu erhalten und dadurch wie eine unüberschreitbare
Naturschranke auf den abgeschlossenen Charakter der Kapflora bestimmend
einzuwirken. Der üebergang des tropischen Klimas von
Natal zu dem der Wüste ist, wie schon bemerkt, von der wechselnden
Höhe der Drakenberge abhängig, aber noch viel weniger lässt
sich am Gariep eine sichere klimatische Grenze gegen die Kapkolonie
nachweisen. Durch die das Kapland mit Sudan vermittelnde Stellung
der Kalahari wird man daher aufs Neue angeregt, die Frage
zu untersuchen, ob die Auffassung von mehr oder minder scharf
gesonderten Vegetationsgebieten überall durchzuführen sei, oder ob
mit der Aenderung der klimatischen Werthe die Floren so allmälig
in einander übergehen können, dass e^ blosse Willkür wäre, sie durch
bestimmte Linien räumlich zu umgrenzen.
Die Frage ist eine ähnliche, wie bei der Unterscheidung von
Pflanzenregionen im Gebirge. Aendert sich die Physiognomie der
Natur, wie an der Baumgrenze, plötzlich, so ist über den Umfang
der dadurch bestimmten Regionen keine Meinungsverschiedenheit
möglich, und es hat ein wissenschaftliches Interesse den Ursachen
nachzuforschen, die den Wald auf ein bestimmtes Niveau einschränken.
Wie für die Bäume ist zugleich für viele kleinere, von
ihrer Beschattung abhängige Gewächse die vertikale Verbreitung
bestimmt, aber andere finden innerhalb der einzelnen Regionen ihre
klimatische Höhengrenze, und auf diese dasselbe Gewicht legen,
hiesse in eine Untersuchung über die Lebensbedingungen einzelner
Pflanzen eingehen, die den Ueberblick über die Anordnung im
Grossen erschwert, und für die auch die Wissenschaft selten hinlänglicli
vorbereitet ist. Wie es der Zweck bei der Unterscheidung
der Pflanzenregionen ist, Gruppen von Gewächsen, Formationen zusammenzufassen
, denen eine eben deshalb leichter zu erkennende
Gemeinsamkeit der Wachsthumsbedingungen zukommt, so hat die
Eintlieilung der Erde in Vegetationsgebiete das nämliclie Interesse,
nur mit dem Unterscliiede. dass dabei nicht bloss, wie im Gebirge,
das Klima, sondern auch die Hülfsmittel und der Wanderung ihre