
36 Vr. Indisches Moasung-eWet.
Richtung angeregt werden könnten. Von dem durch die Pflanzen
circulirenden Wasser wird nur ein so kleiner Theil zur Ernährung'
verbraucht, dass von äieser mächtigen Strömung doch noch ganz
andere Wirkungen vorauszusetzen sind. Wir wissen darüber nichts,
als dass sie die Bewegung der aufgelösten Nährstoffe fördert, aber
bedarf es dazu so grosser Wassermassen, wie täglich durch den Organismus
hindurchströmen? Nimmt man an, dass das Wasser, welches
so eben diese Bahn durchlaufen hat, nicht geeignet sei, denselben
Kreislauf sofort zu wiederholen, sondern erst, nachdem die
grosse Circulation durch die Atmosphäre und die Wolken stattgefunden,
in der Form des Niederschlags den Zwecken des Organismus
dienen könne, so würde es begreiflich sein, dass eine Pflanze, die,
statt die Feuchtigkeit zu verdunsten, dieselbe in Tropfen ausscheidet,
diese nicht unmittelbar auf den Boden wieder niederfallen lässt, wo
sie sogleich von den Wurzeln wieder aufgesogen werden müssten.
Es erscheint wie eine Sisyphusarbeit, beständig den Saft auszuschöpfen,
um ihn unverändert wieder aufzunehmen. Die Nährstoffe,
welche der Boden liefert, könnte das von den Blättern abtropfende
Wasser zwar auflösen, nicht aber die Stickstoffverbindungen, die der
Regen aus der Atmosphäre auswäscht, und die, da ihre Menge gering
und ihr Verbrauch in der Pflanze gross ist, in derThat sehr beträchtlicher
Massen ihres Lösungsmittels bedürfen, um den Bildungszellen
stets zu Gebote, zu stehen. Es ist bekannt, dass selbst tropische
Pflanzen auf langen Seereisen, in luftdicht verschlossenen, mit Glas
gedeckten Kästen, unter Umständen, wo die Circulation nur auf der
in den Säften schon vorhandenen Wassermenge beruht, frisch und
entwickelungsfähig bleiben. Aber diese Erhaltung ihres Lebens ist
nicht mit Erscheinungen des Wachsthums verknüpft und kann daher
zum Beweise dienen, dass bei der Entfaltung der Knospen und der
Verlängerung der Triebe noch andere Kräfte thätig sind, welche nur
in dem hier ausgeschlossenen Einflüsse des atmosphärischen Wassers
liegen können. Es ist ferner die Thatsache nicht zu übersehen, dass
Wurzeln, die dem Einfluss des Sauerstoffs entzogen sind, alsbald
absterben: die Regentropfen aber haben einen weiteren Spielraum,
denselben aufzulösen und dem Erdboden zuzuführen. Die Untersuchungen
über die Formen des Sauerstoffs in der Atmosphäre enthalten
ebenfalls Andeutungen, dass das Wasser, welches aus den
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Wolken niederfällt, ein anderes sei, als dasjenige, welches als Dampf
oder in gewissen Fällen im tropfbar flüssigen Zustande von den Blättern
ausgeschieden wird. Meissners Forschungen (Th. 1. S. 340)
über die Bildung der Nebelbläschen und das Wasserstoffsuperoxyd
in den Niederschlägen werden, von den Pflanzenphysiologen verwerthet,
auf die Bedeutung des Regens für das Wachsthum vielleicht
ein neues Licht werfen. Sollten bei der wechselnden Respiration der
Pflanzen geänderte elektrische Spannungen mitwirken, oder wird auch
nur der zur Ernährung erforderliche Gasgehalt der Regentropfen in
Betracht gezogen, den der Kreislauf durch die Atmosphäre dem verdunsteten
Wasser hinzufügt, so ist es erklärlich, dass bei der Saftentleerung
der Blätter liquide Flüssigkeiten in Schläuchen gesammelt
werden und nur die dampfförmigen sogleich in die Luft übergehen.
Die Schläuche wirken hier, wie Schleusen, aus denen nur in den
trockensten Zeitabschnitten das Wasser durch Verduiistung entweicht,
welches sonst aus den Blättern stetig in die Atmosphäre übergeht.
Niemals sieht man die in den Schläuchen ausgeschiedene Flüssigkeit
überfliessen: der Deckel lässt ihre Verdunstung zu, aber derselbe
verhindert, dass der Regen von aussen eindringe und dadurch
ihre Masse vermehre. Die Wasserausscheidungen, die an den
Blättern des Pisang und der Aroideen zuweilen bemerkt werden,
sind der Masse nach zu geringfügig, nm in Betracht zu kommen,
aber auch in einigen anderen Fällen, wo die verdunstende Thätigkeit
der Blätter durch liquide Ausscheidungen ersetzt wird, sehen
wir die Organisation der Blätter von Nepenthes wiederholt (in
Nordamerika bei Saracenia, einem Sumpfgewächs, in Australien bei
Cejihalotus).
Unter den Wasserpflanzen, die an der Ueppigkeit der tropischen
Vegetation Theil haben, sind die Lotusblumen oder Nymphaeen hervorzuheben,
nicht als ob sie für die Physiognomie der indischen
Landschaft bedeutender erschienen, als in den übrigen Ländern der
heissen Zone, sondern wegen ihres Einflusses auf die religiösen Ideen
einer contemplativen Richtungen ergebenen Bevölkerung. Hier war
es, wo seit den ältesten Ueberlieferungen die ausgebreitet schwimmende
, in reiner Färbung prangende Lotusblume durch die Symmetrie
ihres Baus und die Fülle der Organe als ein Symbol der nach
allen Richtungen gleichmässig schaffenden, erneuernden, künstlerisch