
8 VI. ludisches Monsungebiet. Tropische Vegetationsfoi'men. 9
Vermisclumg noch viel weiter, bis zur Einförmigkeit des innerhalb
der Tropen gelegenenen Erdtheils fortgeschritten.
Unsere Aufgabe wird daher nicht darin bestehen, dass wir die
indische Flora auf gemeinsame physische Bedingungen zu beziehen
suchen, die in der That nur diejenigen der Tropen überhaupt sind,
sondern dass wir den klimatischen Bedingungen nachforschen, auf
welchen die Vertheilung der einzelnen Pflanzenformen und Vegetationsformationen
beruht. Wurden hiebei, um den Umfang dieser
Einflüsse zu begreifen, die Dauer und Stärke der atmosphärischen
Niederschläge vorangestellt, so sind sie doch nicht allein massgebend.
Gegen die verstärkte Insolation des wolkenlosen Himmels muss die
Organisation der Pflanzen sich schützen können. Bewölkungen,
Nebelbildungen, selbst die Staubmassen, welche während der trockenen
Jahrszeit die Atmosphäre in der nordindischen Ebene zu trüben
pflegen, bedingen andere Pflanzenformen, als der heitere, von der
Sonne durchglühte Himmel der Savane auf den Sundainseln. Ein
drittes, viel bedeutenderes Moment liegt in dem Dampfgehalt der
Luft, unter dessen Einwirkung die Tropen die höchste Fülle und
Ueppigkeit der Vegetation erreichen. Nicht als ob der Wasserdampf
zur Saftmenge der Gewächse unmittelbar beitrüge, sondern darin
besteht der Einfluss der feuchten Atmosphäre des Jungle auf das
Pflanzenleben , dass die Wasserströmung im Gewebe verlangsamt
wird, wenn durch die beschränkte Verdunstung weniger Saft verloren
geht. Gewisse Organisationen der Tropenzone, wie die Farne,
die Orchideen, die Piperaceen, bedürfen dieses langsamen, aber ununterbrochenen
Saftstromes, um das Gleichgewicht zwischen der
Aufnahme des Wassers durch die Wurzeln und der Abgabe durch
die Blätter zu behaupten.
Tegetationsformen. Die tropischen Vegetationsformen haben
in ihrer Bildung so viel Gemeinsames, dass es passend erscheinen
könnte, von einer allgemeinen Betrachtung derselben auszugehen.
In den Wäldern findet sich nur selten der einfache, auf grossen
Flächen übereinstimmende Baumschlag der gemässigten Zone, der
auf der geselligen Verbindung gleichartiger Individuen beruht, die
verschiedensten Formen von Holzgewächsen sind unter (Jen Tropen
in demselben Bestände vereinigt und die vorherrschenden, die in der
Gestaltung ihres Laubes und ihrer Verzweigung nicht sogleich das
Eigenthümliche im Einzelnen erkennen lassen, zeigen, wenn man die
Blüthen und Früchte beachtet, eine Mischung besonderer Arten nicht
bloss, sondern auch von ungleichen Gattungen und Familien. In
den tropischen Pflanzensammlungen bilden daher die Holzgewächse
stets den überwiegenden Bestandtheil. Aehnliches wiederholt sich
in den zahllosen Schlinggewächsen und den auf den Baumstämmen
befestigten Epiphyten, welche das dunkle Laubdach beschattet und
in deren reicher Fülle'die tropische Flora Vielförmigkeit vegetativer
Bildungen und höchste Kaumbenutzung anstrebt. Die Savanen sodann
stehen zwar weit gegen die Wälder in der Verschiedenartigkeit
ihrer Erzeugnisse zurück, aber auch sie folgen in den meisten
Tropenländern denselben Normen der Gestaltung. Mehr als fünfzig
grössere Familien fast die dreifache Anzahl von den über die
ganze Erde verbreiteten Hauptgruppen, sind in der heissen Zone entweder
vorhörrschend vertreten oder derselben fast ganz eigenthümlich,
indem sie die Wendekreise nur in vereinzelten Gattungen oder
Arten überschreiten, und mit wenigen Ausnahmen bewohnen sie
mehr oder minder gleichmässig alle Tropenländer.
Indessen hat eine zusammenfassende Darstellung der Tropenvegetation
, die von solchen allgemeinen Andeutungen zu bestimmteren
Umrissen fortschreitet, immer das Bedenkliche, durch erhöhte
üebersichtlichkeit an Wahrheit einznbüssen, wie das Motto ziiRitter's
Erdkunde, dass der Irrthum leichter, als das verwirrende ürtheil in
der Wissenschaft zu beseitigen sei, warnend zu erwägen giebt. Man
müsste alle Tropenländer aus eigener Anschauung vergleichen können,
um sicheren Auges das ihnen Gemeinsame aufzufassen. Die
Quellen, denen wir zu folgen haben, leisten dies nicht, und wir werden
daher an die Literatur, je nachdem sie in der Darstellung der
einzelnen Floren die eine oder andere Seite der tropischen Natur in
den Vordergrund stellt, uns anschliessen müssen, ohne zu verschweigen,
dass manche aus einer einzigen Landschaft geschöpfte Anschauungen
auch auf andere Gebiete ihre Anwendung finden, nnd
ohne Wiederholun^^en gleichartiger Gegenstände zu scheuen , die
leichter zu ertragen sind, als voreilige Verallgemeinerungen. Die
glänzenden Schilderungen des amerikanischen Urwalds haben Manchen
in Verwunderung gesetzt und unbefriedigt lassen müssen, wenn
er in Ostindien doch nur wenig von seinen gesteigerten Erwartungen
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