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2 VI. Indisches Monsungebiet.
Unter den Tropen sind die Phasen der Vegetation au die Regenzeiten
gebunden, insofern diese allein die erforderliche Feuchtigkeit
liefern. Die Masse der Niederschläge ist, allgemein betrachtet, bei
Weitem bedeutender, als in höheren Breiten, sie wächst mit der
Wärme, welche die Verdunstung und die ganze Circulation des
Wassers durch die Atmosphäre beschleunigt. Allein wenn die verdunstenden
Flächen fehlen, oder wenn die Luftströmungen, indem
sie auf ihrer Bahn sich erwärmen, die Verdichtung des Wasserdampfs
verhindern, entstehen auch unter den Tropen wasserlose
Wüsten. Zwischen der äussersten Ergiebigkeit der Niederschläge,
die an den Khasiabergen, in der Nähe des Meerbusens von Bengalen,
sich über. 600 Zoll steigert, und jener Regenlosigkeit, wie sie in
Sind, an der Mündung des Indus, vorkommt, liegt eine Reihe atmosphärischer
Zustände, die in den Gegensätzen tropischer Vegetation,
in den indischen Jungles, den Savanen und den noch dürreren Landschaften
sich abspiegeln. Als Jungle bezeichnet man in Hindostán
alle mit Bäumen und anderen Holzgewächsen dicht bestandenen
Gegenden. Die Savanen der Tropenländer, die im indischen Archipel
auftreten, sind Grasebenen, die von den Steppen der gemässigten
Zone sich theils durch üppigere Vegetation, theils dadurch unterscheiden,
dass auch sie lichte Waldungen in ihrem Bereich zulassen.
Aber die Anordnung der beiden Hauptformationen der tropischen
Zone, der Wälder und Savanen, ist nicht so sehr von der Masse der
Feuchtigkeit abhängig, die sie empfangen, als von der ungleichen
Dauer der Regenzeit, die in einigen Ländern fast das ganze Jahr
umfasst, gewöhnlich aber mehr oder minder schroff von der Periode
der Dürre getrennt ist. Auch hier werden die Baumformen zurückgedrängt,
wenn sich die Zeit der Niederschläge über ein gewisses
Mass verkürzt und nicht etwa das Grundwasser den mangelnden Zufluss
ersetzen kann.
Der Wechsel der nassen und trockenen Jahrszeiten ist zwar
eine Folge der regelmässigeren Bewegung der Atmosphäre unter den
Tropen, aber die Bedingungen der Niederschläge sind verwickelter
Natur. Die Passatwinde, die Solstitialbewegung, die Vertheilung
des Festlands und das Relief des Bodens sind die Quellen theils der
Dürre, theils des Niederschlags. Dächte man sich die Solstitialbewegung
aufgehoben, die Sonne stets im Zenith des Aequators
Regenzeiten. — Zenith- und Elevationsniederschläge. 3
•stehend und die tropische Zone aus gleichmässigen Flächen gebildet,
so würde da, wo die beiden Passate sich begegnen, ein ewig feuchter
Erdgürtel entstehen, es würden aus dem aufsteigenden Luftstrom
beständige Regengüsse dessen Boden benetzen. Zu beiden
Seiten dieses Aequatorialgürtels müssten sich Wüstenzonen ausbreiten,
in welchen die Passatwinde die Bildung der Regenwolken verhinderten.
Erst an den Wendekreisen würden sodann aus der Vermischung
des oberen und unteren Passats wiederum zwei feuchte
Zonen mit dauernden Niederschlägen hervorgehen. In der Wirklichkeit
hat die Natur ^dafür gesorgt, an die Stelle einförmiger und
'das organische Leben beschränkender Verhältnisse den Wechsel der
nassen und trockenen Jahrszeiten zu setzen und ungeachtet des
gleichmässigen Wehens der Passatwinde die höchste räumliche Mannigfaltigkeit
zu erzeugen. Zuerst werden durch die Solstitialbewegung
die Regenzeiten auf bestimmte Perioden eingeschränkt, dann
wirken in ähnlichem Sinne die ungleiche Erwärmung des Festlands
und des Meers, der Gebirge und der Tiefebenen.
Wie die Bildung der Wolken überhaupt auf einem Sinken der
Temperatur beruht, so können auch tropische Regenzeiten nur dann
entstehen, wenn der Raum, in welchen der Wasserdampf eindringt,
kälter ist als derjenige, von dem er ausging. Diese Abkühlung tritt
unter verschiedenen Bedingungen ein, je nachdem die Luft horizontal
bewegt oder von dieser Richtung abgelenkt wird und ansteigend
durch die wachsende Entfernung vom Erdkörper sich ausdehnt.
Dem ersteren Fall entsprechen die von wärmeren nach kälteren
Gegenden strömenden Winde in den Tiefländern höherer Breiten,
unä sie kommen unter gleichen Verhältnissen auch im Monsungebiete
vor. Ueberau aber, wo der Passat die unteren, der Antipassat die
oberen Schichten der Atmosphäre beherrscht, steht die Abkühlung,
welche Niederschläge veranlasst, mit Ablenkungen der Luftströmungen
aus der horizontalen in andere Richtungen in Verbindung.
Diese nuü erfolgen unter zwei verschiedenen Bedingungen, wonach
man Z eni th - oder Sol s t i t ial regenzei ten, die der Solstitialbewegung
folgen, und E l e v a t i o n s n i e d e r s c h l ä g e unterscheiden
kann, die von der Erhebung des Bodens abhängig sind. Im regelmässigen
Wirken der Solstitialbewegung ist es der vertikal aufsteigende
Luftstrom eines periodischen Wärmecentrums, welcher da