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468 XXIL Chilenisches Uebergangsgebiet.
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jedoch auf die verschiedenen , das südliche Polarmeer erkältenden
Einflüsse schon hier näher einzugehen, genüge es zu bemerken, dass
die Vertheilung von Wasser und Land in hohen südlichen Breiten
für die Erwärmung des Erdkörpers die ungünstigste ist. Das Festland
der südlichen Polarzone ei-wies sich, als Ross es erreichte, von
jeder Vegetation entblösst: der einzige Fall liegt hier vor, dass die
Schneegrenze bis zum Meeresspiegel herabsinkt und dem Erdboden
das organische Leben ganz versagt ist. Aber nicht die niedrige
Temperatur hoher Breiten allein und die Strömungen und Eisfelder,
die von hier ausgehen, sind dem Klima der gemässigten Zone Südamerikas
nachtheilig, sondern auch die Feuchtigkeit unermesslicher
Meeresflächen, die Nebel- und ßegenmassen, welche die Westküste
des Festlands gerade bis zu derjenigen Polhöhe fast beständig einhüllen
und tränken, wo der Charakter der antarktischen Flora im südlichen
Chile aufhört. Denn von hier aus beginnt längs der Andenkette
eine von der Sonne durchglühte Küstenzone, die ein heiterer
Himmel fast ebenso beständig umspannt.
Unter solchen Bedingungen sondert sich demnach auf diesem
eng umschlossenen Küsteustreifen gebirgigen Landes eine eigene
Flora aus, welche bis zu zehn Breitengraden über den Wendekreis
hinausreicht (bis 34 o S. B.) und die nördlichen und mittleren Provinzen
Chiles in sich fasst. Diese näher kennen zu lernen und sie
von der südchilenischen zu unterscheiden, ist jetzt unsere Aufgabe.
Ich nenne sie eine Uebergangsflora, weil ihr Naturcharakter noch
Vieles mit der regenlosen Küste des tropischen Peru gemein hat, aber
doch schon der gemässigten Zone angehört. Von zusammenhängen-
.dem Baumwuchs fast überall entblösst , findet diese Flora da einen
natürlichen Abschluss, wo im südlichen Chile die dichten und immergrünen
Wälder beginnen, von denen weiterhin bis zum Feuerlande
die Westküste Amerikas bedeckt ist. So abgetheilt wird die nördlichere
dieser beiden Küstenfloren auch klimatisch theils durch ihre
hohe Wärme, theils durch ihren Winterregen und die Unterbrechung
ihrer Vegetationsperiode während des Sommers charakterisirt: dieselbe
kann in dieser Beziehung mit Kalifornien und mit der Mediterranflora
Europas verglichen werden. Unbestimmter ist der klimatische
Unterschied von der peruanischen Küste, und nicht so sehr der
stärker gekrümmten Temperaturkurve oder den Niederschlägen, die
Umfang der chilen. Uebergangsflora. — Dürre u. Wärme des Klimas. 469
in der Richtung zum Wendekreise aufhören, verdankt Chile eine
selbständige Physiognomie, als der südwärts zunehmenden Fruchtbarkeit
des Landes, der grösseren Mannigfaltigkeit der Vegetation
und einer überwiegenden Menge endemischer Pflanzen.
Bei der Vergleichung von Peru mit Chile kann man Coquimbo
(30 0 S .B. ) als klimatischen Wendepunkt betrachten. Hier fällt
nur noch wenig Regen, während eines Winters werden nur fünf bis
sechs Güsse erwartet3) , und indem schon zu Copiapo (27 0 8. B.)
alle tropfbaren Niederschläge aufhören und die Garúas nun an ihre
Stelle treten, geht die Flora allmälig in den Charakter der Wüste
von Atacama über 2). Dieselbe Abnahme des Regens in der Richtung
zum Wendekreise wird aber auch in den übrigen Theilen des
Gebiets bemerkt. An der Südgrenze ist die Intensität des Winterregens
sehr bedeutend, sie beträgt zu Santiago^) (331/2 » S. B.) unfähr
ebenso viel, wie in der Lombardei (etwa 4 0 Zoll und mehr) :
aber schon 15 g. Meilen, weiter nach Norden soll die Regenmenge
bereits um die Hälfte vermindert sein. Die Schneefelder der nahen
Kordillere liefern indessen einigen Ersatz, sofern durch das Schmelzen
derselben auch die Thäler des nördlichen Chile befeuchtet werden
und ungeachtet der Dürre ihres Klimas fruchtbar sind. In
Santiago und wahrscheinlich im ganzen Bereich der chilenischen
Flora ist die Belaubung aller einheimischen Holzgewächse immergrün
, obgleich die Niederschläge nur im Winter fallen und in der
Hauptstadt vom September bis zum Mai der Himmel ununterbrochen
heiter ist 3).
Wie am Fuss der peruanischen Anden herrschen auch in Chile
bis zur Breite von Santiago nur Nord- und Südwinde , ihr Wechsel
richtet sich nach den Jahrszeiten. Beim Südwinde ist der Himmel
stets wolkenlos, und der Nordwind bringt :den Winterregen, der
erstére erwärmt sich auf seinem Wege, der letztere kühlt sich ab.
Wie an den kälteren Gebirgshöhen Perus die Garúas sich zu tropfbaren
Niederschlägen steigern, so scheint hier ein ähnliches Verhältniss
mit zunehmender Polhöhe einzutreten : die Kü,stennebel der
Wüste von Atacama verwandeln sich in den chilenischen Winterregen
, weil hier die Abnahme der Wärme im Winter grösser ist.
Denn darin erkennt man doch auch hier den Charakter der gemässigten
im Gegensatz zur tropischen Zone, dass bei fast unverm