
386 XVIIT. Hylaea, Gebiet des äqiiiitorialeii Brasiliens.
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Bedingungen unterworfen sind. Im Igapo erfolgt das Eindringen
des Wassers in das Gewebe mit der grössten Intensität, weil die
Stämme so lange Zeit in dasselbe eingetaucht sind : die Circulation
kann mit verhältnissmässiger Geschwindigkeit vor sich gehen, weil
der tägliche Passat oder der aufsteigende Luftstrom den aus deji
Blättern verdunstenden Wasserdampf sogleich wieder entfernt. Der
Kte-Wald breitet sich gewöhnlich über einem gesteinlosen Thonboden
aus, wo zwar auch die Aufnahme der von der Erdkrume zurückgehaltenen
Feuchtigkeit befördert wird, wo aber zugleich die Luft
in den schattigen Räumen vermöge der grösseren Masse des Laubes
mit Dampf stets gesättigt bleibt und die Wassercirculation durch das
Gewebe daher nur langsam von Statten gehen kann. Das erstere
Verhältniss ist der Vegetation der Palmen am günstigsten, das letztere
den Epiphyten, den Farnen und den grossen Blättern der Pisang,
Scitamineen- und Aroideenformen. Verbindet sich mit diesen
Einflüssen eine schärfer gesonderte Periodicität in den Niederschlägen
oder im Wasserstande, so werden unter den Epiphyten die atmosphärischen
Orchideen häufiger, deren Vegetation eine kürzere Dauer
hat, oder am Rande der den Ete-Wald durchschneidenden Kanäle,
aus denen der Strom in der trockenen Jahreszeit zurücktritt, entstellen
Dickichte von Bambusen, die das wiederkehrende Wasser zuiraschen
Entfaltung treibt.
Die Wälder am Rio Negro unterscheiden sich von denen am
Amazonas dui-ch die Seltenheit der Palmen und Lianen 14). Sie
werden von den Indianern zu den Capóes '8) gerechnet, worunter
sie die aus der Ferne einem Hügel gleichenden Waldbildungen verstehen,
wo die Höhe des Baumwuchses nach der Mitte des Bestandes
zunimmt, der am Rande in Gebüsche und Zwergbäume übergeht.
Ihr Substrat besteht im Gegensatz zu dem im Amazonenthal vorwaltenden
tiefen Thonboden aus einer Sandsteinformation ^ auf welcher
die Erdki'ume daher leichter abtrocknet. Die nach Beleuchtung
strebenden Lianen fehlen, weil diese Wälder durch Gebüsche unterbrochen
und gelichtet sind ; die Laubhölzer i'^) erreichen niclit die
Höhe des Waclisthums, wie im Ete ; eine der wenigen Palmen wird
nur 15 Fuss hoch [Leopoldinia jmlchra), aber die Feuchtigkeit der
Luft über dem schwächer bewässerten Boden ist durch Aroideen und
durch Massen von epiphytischen Farnen angedeutet. So nahe es liegt.
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Wälder am Rio Negro. — Ufei-waldimg und Waldränder. 387
diese Figenthümlichkeiten von der abweichenden BeschaflPenlieit der
das Wasser durchlassenden Erdkrume abzuleiten, so genügt dies
docli nicht, die Grenzen der Formationen bis in's Einzelne zu erklären.
Bates bemerkt, dass dieselbe g-eognostische Unterlage am
Amazonas auf die Bildung des Waldes ohne liinfluss bleibt, und
Spruce nimmt einen saekularen Wechsel zwischen diesen Capóes und
dem Kte an, in dessen Innerem die ersteren, wie der Ueberrest einer
älteren Vegetation, inselförmig auftreten.
Jede Vegetationsformation, die eine längere Zeit hindurch bestanden
hat, muss, aucli wenn sie dem lüoden durch die Verwesung
ihrer Organe die Mineralstoffe zurückgiebt, welche sie ihm entnommen
hatte, nach und nach verändernd auf die Beschaffenheit der
Erdki'ume einwirken, schon deshalb, weil ihre Wui-zeln in eine gewisse,
mittlere Tiefe reichen, die sie auslaugen, ohne derselben
Schicht einen Ersatz zu bieten, den sie vielmehr der Oberfläche zuwenden.
Allgemein ist die Abhängigkeit der Foi-mationen von der
geognostischen Unterlage so aufzufassen, dass, wo der Charaktei-
(1er lirdkrume in iliren pliysischen Einflüssen auf die Wasservertheilung
oder in den chemischen Nährstoffen eigenthümlich ausgeprägt
ist, auch eine bestimmte Vegetation sich dauernd behaupten kann, wo
aber die Ablagerung dei' Mineralkörper weniger scharf gesondert ist
und i lire Anordnung mittlei'e Verhältnisse zeigt, auch der Zeit nach ein
Gewächs leichter das andere verdrängt und, je nachdem die Lage
und Form der Bestandtheile des Bodens sich ändert, bald diese, bald
.jeiui Gruppe den Sieg davon trägt. In den Wäldern, deren Wurzelgeflecht
gewölinlich tiefer liegt, als bei anderen Vegetationsformen,
wird ein saekularer Wechsel am leichtesten eintreten, mag derselbe
nun ein natürlicher sein, wie ihn Spruce im voi-liegenden Falle annimmt,
odei- mag er durch künstliche Lichtungen herbeigeführt werden
, denen in Brasilien stets ein Gemisch von neu auftretenden
Bäumen und Sträuchern nachfolgt, die Bildung der Capoeires, welche
daher wohl mit diesen Capóes am Rio Negro verglichen werden
können, die dem Ete-Walde voraus gehen und durch diesen streckenweise
ersetzt werden sollen.
Von dem Strom und den Kanallinien, die ihn begleiten, kann
man in das Innere der Waldbestände, wo das ewige Dunkel herrscht,
nirgends einblicken, weil ihre off'enen, hell beleuchteten Säume stets
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