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96 VII. Sahara.
entbIÖsst53), aber die Dünenthäler bieten dem Auge, wenn Feuchtigkeit
sie belebt, den Reiz einer Vegetation, die nicht ganz ohne Anmuth
ist. Zu den vereinzelten Sträuchern der Spartiumform gesellt
sich hier zuweilen der hohe Graswuchs der Stipaceen, und an solchen
Stellen rastet die Karavane, um den Kameelen Zeit zur Weide
zu lassen. Die Formation des Areg besitzt also zum Theil dieselben
Holzgewächse, wie die Hammada, aber sie unterscheidet sich durch
die Gramineen, in denen sie mit den Wadis übereinstimmt.
Wenn im Winter das Grundwasser steigt, iind gar, wenn ein
Regenschauer fällt, entwickelt sich die Vegetation des Wadi mit
wunderbarer Schnelligkeit. Nach einem solchen Niederschlag, den
Tristram54) erlebte, sah er binnen drei Tagen das Öde Thal mit
Grün sich bekleiden, und nun werden die Heerden, die der Atlas
ernährt, vom Gebirge und aus der Steppe in die benachbarten Wadis
der Wüste geführt. Einen ähnlichen Vorfall erzählt Duveyrier 52) ^
als nach neunjähriger Dürre die ersten Regenschauer eintraten und
Weidegrund vom schönsten Grün sich in sieben Tagen entwickelte,
wo bis dahin jede Spur organischer Thätigkeit gefehlt hatte. Die
felsigen Thalwände umschliessen in lebloser Nacktheit die ergrünenden
Gründe, wo neben dem Dorngebüsch und den Tamarisken
mässiger Graswuchs erscheint und zuweilen unter dem Schatten einsamer
Pistazien die dürftigen Kräuter der Wüste einen Trupp Antilopen
herbeilocken. Fast alle Pflanzen der Sahara, bemerkt Duveyrier49),
suchen sich in die Thäler zu flüchten, wo daher die
Vegetation viel mannigfaltiger ist, als irgendwo sonst: die Haiiptbestandtheile
bilden »grosse Büsche von Zizyphm, die mit ihrem frischen
Grün dem Auge einen angenehmen Ruhepunkt bieten, hohes
Ginstergesträuch [Retama), eine kriechende Capparis mit grossen
rosenfarbigen Blumen und zahlreiche Büschel von Gräsern [Aristida,
Andropogon)ii. In den W^adis vereinigen sich also die meisten Pflanzenformen
der Sahara, die wenigen Laub tragenden Bäume, diedornigen
und die blattlosen Sträucher, die Gramineen, die Stauden
und die einjährigen Cruciferen, hier ist auch der Wohnort der nubischen
Zwergpalme. Nach dem Grade der Feuchtigkeit, die sich in
der Nähe des Gebirgs zu Rinnsalen periodisch an der Oberfläche
fliessenden Wassers 55) sammeln kann, sowie nach der Beschaffenheit
und Menge der Erdkrume ist die Energie oder Dürftigkeit dieser
Wadis. — Oasen. —• Endemismus-. 97
Formation, die Mannigfaltigkeit oder Armuth ihrer Bestandtheile
bemessen. Aber im Ganzen betrachtet und mit ihren Umgebungen
verglichen, bezeichnet sie das höchste Mass dessen, was die Natur
sich selbst überlassen dem organischen Leben in der Wüste zu gewähren
vermag. Die geringste Pflanze erscheint hier wie ein Sieg
des Schafi'ens über zerstörende Kräfte, und unter diesem Gesichtspunkte
gewinnt auch das Unbedeutende an Interesse. Die Häufigk
e i t 56) einer am Boden kriechenden Cucurbitacee, der Coloquinte
[Citrullm Colocynthis), ihre weite, wahrscheinlich durch Vögel geförderte
Verbreitung ist ein ausgezeichnetes Beispiel von der Herrschaft
des Lebens auch in der Wüste, wie mit so wenig Feuchtigkeit und
während einer so kurzen Zeit des Wachsthums doch eine saftige
Frucht von der Grösse einer Orange gebildet und mit eigenthümlichen
Stoffen ausgestattet wird.
Den Oasen selbst endlich mit ihren dunklen Dattelwäldern kann
unter den ursprünglichen Formationen der Sahara kein Platz eingeräumt
werden, da sie ihren gegenwärtigen Zustand, ihre Kulturgewächse
, ihre Baumzucht, ihren beschränkten Ackerbau erst der
künstlichen Bewässerung des Bodens verdanken. Sie sind eigentlich
nur aus Wadis hervorgegangen, und wie einige derselben, in denen,
die Dattelpalme durch sich selbst bestehen mochte, damals bewachsen
waren, lässt sich jetzt nicht mehr nachweisen.
Tegetationscentren. Die einzigen, angenähert vollständigen
Pflanzenverzeichnisse aus der Sahara besitzt man von Aegypten und
Algerien. Aber nur die algerischen geben einen richtigen Massstab
für die Bestandtheile der Flora, da der Nil zu viel Fremdartiges
herbeiführt und dessen Delta nicht mehr ganz regenlos ist. Für
Algerien dagegen haben Tristram und Cosson 5^) Zusammenstellungen
geliefert, in denen die Vegetation der Sahara von der des Litorals,
des Atlas und der Steppe genügend abgesondert wird. Cosson
schätzt die Zahl der in der algerischen Sahara einheimischen
Gewächse auf 500 A r t e n 58). Diese Schätzung kann weiteren Vergleichungen
zu Grunde gelegt werden, da sie mit jenen beiden Verzeichnissen
der wirklich beobachteten Gewächse hinreichend übereinstimmt.
Wenn wir nun die über die ganze Sahara sich erstreckenden
Verbreitungsbezirke so vieler Arten und auf der anderen Seite
den grossen Umfang des Gebiets und die Eigenthümlichkeiten des
G r i s e b a c l i , Vegetation der Erde. II. 7