
268 XII. Waldgebiet des westlichen Kontinents.
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Laiibholzzouen am grössten, in den nördliclien Nadelwäldern am
geringsten ist. Die üebereinstimmimg der arktischen Flora in
allen Meridianen ist in den höheren Breiten des Waldgebiets,
wo die Behringstrasse dem Zusammenhange zwischen den Floren
Asiens und Amerikas kaum eine Schranke setzt, bis zu einem gewissen
Grade noch erkennbar. Nach Süden nimmt das Verhältniss
der beiden Kontinenten gemeinsamen Arten in demselben Masse ab,
. wie die Küsten aus einander treten. Hinds lo) sprach die Ansicht
aus, dass ungefähr die Hälfte der in den Wäldern von Alaska vorkommenden
Pflanzen sich auch in Sibirien und Europa finde, was
indessen nur als eine Schätzung zu verstehen ist und nicht auf genaueren,
systematischen Vergleichungen beruht. Gewiss aber ist,
dass die in den südlicher gelegenen Waldzonen Nordamerikas einheimischen,
europäischen Arten aus dem Norden abstammen, es sind
nordische Gewächse, die ^uf den Meridianen beider Kontinente sich
auch südwärts verbreitet haben. Ihre Anzahl ist in den atlantischen
Staaten geringer, als am Amur, aber in beiden Fällen sind es
grösstentheils dieselben Arten ^ i e wir gesehen haben, dass in
der Richtung von Europa bis zum östlichen Sibirien die Flora sich
allmälig ändert, so ist auch in Nordamerika die Grösse des geographischen
Abstandes, mit welcher die Hindernisse der Wanderung
wachsen, das bedeutendste Moment, wovon das Eindringen europäischer
Gewächse in die dortigen Waldzonen abhängt. Nun ist aber
der Weg über die Kontinente von Europa bis zu den atlantischen
Staaten nicht bloss der weiteste, sondern die Verbindung ist auch
dadurch beengt, dass die Zone der Nadelwälder zwischen den Prairieen
und der Hudsonsbai am schmälsten ist. Kanada erscheint daher
in weit höherem Grade abgesondert, als die Westhälfte des Kontinents.
Die östlichen Staaten haben, von zwei Meeren und den
Prairieen eingeschlossen, in Bezug auf den Austausch mit anderen
Floren gleichsam eine insulare Lage und stehen nur durch einen bewaldeten
Isthmus am Winipegsee mit dem Westen in Verbindung.
Die Trennung der Oregonflora von der der atlantischen Laubholzzone
wird ferner dadurch befördert, dass dieser Isthmus durchaus
von der nordischen, also einförmigeren Zone der weissen Tanne eingenommen
wird, und dass ausserdem noch die Rocky Mountains dazwischen
liegen, welche den Austausch zwischen dem Westen und
Systematischer Charakter der Flora. 269
Osten hemmen. Asa Gray^^) hat durch seine Vergleichungen ermittelt,
dass nahezu der vierte Theil (515 Arten) der in der nördlichen
Laubholzzone einheimischen Pflanzen die Kocky Mountains
nicht überschreitet, und dass vier Fünftel derselben (1675 Arten) das
Küstenklima des stillen Meers nicht erreichen. Hiedurch erhalten
wir einen Massstab, wie die Absonderung der Vegetationscentren
durch das Eelief, aber in viel höherem Grade durch den Wechsel des
Klimas befördert wird, üeber das Verhältniss der südlichen und
nördlichen Staaten sind ähnliche Untersuchungen noch nicht angestellt
worden. Wir wissen nur^ dass in diesen ununterbrochenen
Ebenen zu beiden Seiten der Alleghanys der Austausch, soweit das
Klima es gestattete, unbehindert war. Asa Gray konnte als endemisch
für die nördliche Laubholzzone nur 71 Arten (etwas über
3 Procent der Gesammtzahl) aufzählen. In den südlichen Staaten
wird der Endemismus viel stärker ausgeprägt sein, weil die nördlichen
Pflanzen leichter nach Süden, als die südlichen nach Norden
vordringen können.
Die Selbständigkeit der Flora des nordamerikanischen AValdgebiets
ist in einer grossen Zahl eigenthümlicher Gattungen ausgedrückt.
Asa Gray findet, dass von denen allein, welche die nördliche
Laubholzzone bewohnen, reichlich die Hälfte (694 : 353) der
europäischen Flora fremd ist, beinahe der vierte Theil auch der
asiatischen. Er erklärt 120 Gattungen als charakteristisch für diesen
Theil des Gebiets und zählt unter diesen 37 monotypische auf,
eine Zahl, die beträchtlich höher ausfallen würde, wenn man das
ganze Waldgebiet zusammenfasst. Kontinental erscheinen die endemischen
Gattungen in doppelter Beziehung, einmal insofern die
meisten nicht monotypisch, sondern durch Reihen endemischer Arten
vertreten sind ^-i), sodann durch ihre zwar meist bestimmt eigenthümliche,
aber doch den grösseren Familien sich anschliessende Organisation.
Die Fälle von zweifelhafter systematischer Stellung sind hier
selten ( z .B. Galax neben den Ericeen) : die Familien werden eben
dadurch gross und natürlich, dass ein weiter, kontinentaler Raum
der Entstehung verwandter Organisationen geboten war. Wie auf
dem östlichen Kontinent in der gemässigten Zone die Umbelliferen
und Cruciferen sich reich entfaltet haben, so hier gewisse Gruppen
der Synanthereen und Ericeen.
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