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490 XXII1. Antarktisehes Wiildgebiet.
ilire Wanderung doch ans der aiitarktisclien Meeresströmung, den
herrschenden Westwinden, oder durcJi die Mitln-ilfe der Seevögel, vielleiclit
ancli diircli alte Verkehrswege wohl hinlänglich zn erklären,
ohne dass die Annahme von Landverbindungen in der Vorwelt gereclitfertigt
wäre, die durch keine geologische Thatsache unterstützt
wird. ,
Eine viel grössere Schwierigkeit fiir die Tlieorie der Vegetationscentren
erwächst aus den Bezieliungen, die zwischen der antarktischen
Flora Amerikas und den hohen Breiten der nördlichen Hemispähre
bestehen, zwischen denen jedes Hülfsmittel des Austausches
^u fehlen scheint. Die Aehnlichkeit der vikariirenden Arten ist zwar
nur ein Beleg für das Gesetz der klimatischen Analogieen, aber die
Behauptung ' t), dass gegen 50 Arten von Gefösspflanzen in den von
europäischer Kultur fast unberührten Magellanländern mit denen
unserer Hemisphäre identisch seien, möchte wohl als ein bedeutender
Einwurf gegen den Satz geltend gemacJit werden, dass Jede Art nur
von einem einzigen Centrum ausgegangen sei. Dieser Frage habe
ich, auf Lechler's Sammlungen an der Magellanstrasse mich stützend,
eine ausführliche Untersuchung gewidmet i4), nach deren Ergebniss
doch auch hier zur Ausstreuung des Samens von einem Punkte ans
die gegenwärtig wirksamen Kräfte genügend ersclieinen. Es wurde
nacligewiesen, dass fast die Hälfte der europäischen Arten an der
Magellanstrasse (22) von landenden oder gescheiterten Schiffen herrühren
konnte, dass andere (10) als Wasser- und Küstenpflanzen
über die ganze Erde zerstreut und mehr oder weniger ubiquitär sind,
und dass die übrigen (17) mit einer einzigen Ausnahme specifiscli^
Unterscheidungsmerkmale darbieten, wonach sie aus der Reihe der
identischen in die der vikariirenden Arten zu versetzen sind. Die
einzige, damals unerklärt gebliebene Ausnahme {Genimna jjrostraia)
glaube ich jetzt, ebenso wie die Verbreitung von gewissen Erzeugnissen
eines feuchten Bodens, von den Zügen des Albatross {Dinmcded)
ableiten zu können, welcher, abweichend von der Lebensweise
der meisten anderen Zugvögel, über beide Hemisphären, vom
Kap Horn bis zu den Kurilen und Kamtschatka, wandert und die
Standorte jener Pflanze in der arktischen und antarktischen Flora
in Verbindung setzt. Mit der Beute, die dieser Vogel verschlingt,
kann er aucli die Samen von Pflanzen, welclie, mit den Flüssen in's
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Charakter der Vegetationscentren.
Meer gespült, in den Magen der Fische übergehen, in einzelnen
Fällen ausstreuen, so dass sie an fernen Küsten aus seinem Dünger
aufkeimen. Solche Deutungen enthalten wenigstens nichts Hypothetisches,
als dass die üebertragung des Samens nicht unmittelbar
beobachtet ist, und wie viel mehr unerwiesene und selbst unzulässige
Voraussetzungen sind erforderlich , wenn man mit Hooker
solche Ansiedelungen von einer vorweltlichen Eisperiode herleitet
und annimmt, dass zur Zeit, als die Erde sich wieder erwärmt haben
soll, eine Wanderung der Pflanzen vom Aequator in der Richtung
zu beiden Polen stattgefunden habe. Bei solchen geologischen Hypothesen
ist jede weitere Untersuchung ausgeschlossen, und es bleiben
die nächstliegenden Fragen unbeantwortet, weshalb die arktischen
und antarktischen Pflanzen nur in äusserst seltenen Fällen identisch
sind, oder wie es kam, dass jene Gentiane sich nicht irgendwo auf
den Kordilleren einhalten hat, wo die Bedingungen ihres Vorkommens
ebenso wohl, wie auf den Alpen und auf den asiatischen Gebirgen,
vorhanden sind. Die wirklichen Wanderungen von Pflanzen längs
der Andenkette, wie die der Drimys und der Desfontainia, lassen
sich an dem Zusammenhang der einzelnen Fundorte erkennen und
wurden durch den Isthmus von Panama gehemmt.
Von grösserer Bedeutung für den Charakter der antarktischen
Flora, als der Austausch mit anderen Gebieten, ist die Analogie im
Bau der vikariirenden Arten, wodurch die Waldregion mit Neuseeland,
die alpine mit dem hohen Norden unserer Hemisphäre verknüpft
wird. Hooker hat die antarktischen Gattungen verzeichnet
welche in Neuseeland durch nahe verwandte Arten vertreten werden.
In der australischen Flora sind solche Fälle weit seltener, in
der des Kaplandes am seltensten, wie dies theils den räumlichen,
theils den klimatischen Beziehungen der Vegetationscentren entspricht.
Die letzteren allein aber sind für die Verwandtschaft der
antarktischen Flora mit der des hohen Nordens massgebend.
Man kann auf den. Umfang des antarktischen Gebiets etwa
4000 g. Quadratmeilen23) rechnen. Ungeachtet des feuchten Klimas
und der grösseren Verschiedenheit der Standorte erkennt man, von
der chilenischen Uebergangsflora ausgehend, eine ebenso entschiedene
Abnahme des Reichthums an Arten, wie in Europa mit wachsender
Polhöhe eintritt. Eine Schätzung der bekannt gewordenen Pflanzen 24)
ö r i s e b a c h , Vegetation der Erde. II. 32