
I -
i
I -1
Ü
ii
508 XXIV. Oceanische Inseln.
chenbaum von Orotava, den Humboldt beschrieb, ist bereits zu
Grunde gegangen.
Ist nun in diesem Falle ein einheimisches Gewächs vor den eingewanderten
zurückgewichen, so darf die verdrängende Kraft derselben,
die zuletzt zur Vertilgung der ursprünglichen Vegetation
führen würde, doch nicht als eine allgemein wirkende aufgefasst
werden, da liier, wie auf den Azoren, viele andere endemische Arten
sicli unversehrt erhalten und auch in der Geselligkeit ihrer Individuen
keineswegs beschränkt werden. Die Mischung der Flora aus
beiden Quellen ist in ihrer vertikalen Abstufung überall zu erkennen,
die wegen der etwas geringeren Höhe des Gebirgs von Madeira
(6000 Fuss) der immergrünen Region durchaus anheimfällt^).
Immergrüne Region. 0 '—6000
Kulturregion — 2000
Lorbeerwald — 4000
Maquis. 4000'—6000'.
Am oberen Saume der bebauten Region hat sich, wo die schroff
eingefurchten Thäler oder Barrancas dies irgend gestatten, ein
Gürtel von Kastanien angesiedelt; über diesen nimmt der Lorbeerwald
einen beträchtlichen Raum ein und reicht an der feuchteren
Nordseite noch tiefer, in geschützten Thalschluchten selbst bis zum
Meere hinab. Hier ist der Wuchs der Bäume und Sträucher höher,
als auf den Azoren, die Mischung der Arten mannigfaltiger ^3). Von
Laurineen allein kommen 4 Arten vor, die sämmtlich auch auf den
kanarischen Inseln wachsen: überhaupt sind in diesen feuchten Waldungen
die atlantischen Holzgewächse weit überwiegend. Von Bäumen
finde ich mehr als ein Dutzend angeführt, von denen auch die
meisten übrigen in ihrer Belaubung den Laurineen gleichen, von
Sträuchern zähle ich gegen 30 Arten: unter den letztern sind viele
endemisch, unter den Bäumen nur zwei {Hex Perado imd Clethra
arborea) und ebenfalls zwei europäisch [Prunus lusitanica und Taxus],
die übrigen atlantisch. Oft verdrängt das massenhafte Unterholz den
höhern Lorbeei^wald, ein unwegsames Dickicht von doppelter Mannshöhe,
durch Brombeerranken verbunden, lässt den Bäumen nur
gruppenweise zu wachsen Raum , oder üppiges Farnkraut entspriesst
dem feuchten, fruchtbaren Boden. Aber auch einige Sträucher
selbst werden mitunter zu Bäumen, namentlich die südeuro-
Madeira. Endemismus. 509
päische Baumhaide (i^nm arborea), von welcher Stämme von 40 Fuss
Höhe vorkommen lO). Wo der Lorbeerwald aufhört, entwickelt sich
die selbständige Region der Maquis dadurch, dass einige der sein
Unterholz bildenden Sträucher höher im Gebirge ansteigen, als die
übrigen: nun besteht die Hauptmasse der Vegetation eben aus jener
Baumhaide und aus einem endemischen Vaccinium (V. maderense).
Die Baumgrenze ist daher auch hier so wenig, wie auf den Azoren,
durch ein bestimmtes Niveau abgeschlossen.
Nach der durch genaue Kritik ausgezeichneten Zusammenstellung
Cossou's 14) wurden bis jetzt auf dem Archipel von Madeira
gegen 700 einheimische Gefässpflanzen nachgewiesen (696), von
denen 15 Procent (106) endemisch sind und mehr als 8 Procent (58)
der gemeinschaftlich atlantischen Flora angehören. Die übrigen
stammen mit wenigen Ausnahmen aus dem Mittelmeergebiet. Unter
den endemischen Pflanzen finden sich 4 Monotypen, sämmtlich Holzgewächse,
die europäischen Gattungen nahe stehen (die Rosacee
Chamaemeles neben Cotoneaster, die Campanulacee Mmschia neben
Campanula, und die beiden holzigen Umbelliferen Melanoselinum und
Monizia, die von Tha-psia mehr häbitnell, als generisch abweichen).
Zu den Holzgewächsen gehören ferner 7 atlantische Gattungen, von
denen drei zur europäischen Flora in Beziehung stehen (die Crucifere
Sinapidendron zu Sinapis, die Oleinee Picconia zu Olea und die Scrophularinee
Isoplexis zu Digitalis) : die übrigen zeigen einen eigenthümlichen
Bau und sind entweder Vertreter von tropischen Familien
(von den Ternstroemiaceen Visnea, von den Myrsineen Heberdemia),
oder haben eine, wiewohl entferntere Verwandtschaft zur Kapflora
(die Rosacee ßencomia zu Cliffortia, die Rubiacee Phyllis zu den
Anthospermeen). Hooker i) führt an, dass von der Gattung Bencomia
in Madeira nur zwei Individuen, ein männliches und ein weibliches,
gefunden seien und dass daher ihre Einwanderung von den
kanarischen Inseln fast unbegreiflich scheine: allein diese Bemerkung
dürfte sich dadurch erledigen, dass ich in Mandon's Sammlung
von Madeira-Pflanzen den Strauch als durch die ganze Region von
I 200 bis 2500 Fuss wachsend bezeichnet finde.
Die endemischen Gewächse Madeiras vertheilen sich unter 35
Familien: mehr als die Hälfte gehören zu den Synanthereen (23),
Leguminosen (12), Crassulaceen (8), Cruciferen (7), Labiaten (7),