
162 IX. Kalahari.
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Samenblätter selbst, durch deren ungestörte Tliätigkeit die Ernährung
des ganzen Organismus beschafft werden muss, die bei allen übrigen
Pflanzen an die unaufhörliche Erneuerung des Laubes geknüpft ist.
Wie diese beiden Blätter schon bei der Keimung des Samens anfangen
auszuwachsen, so verhält sich auch nach der Gewebbildung des
Holzkörpers die Weltwitschia wie ein Gewächs, das auf den einfachen
Entwickelungsnormen einer eben erst keimenden Pflanze Avährend
ihres ganzen Lebens stehen bleibt. Denn die überaus grosse Festigkeit
ihres Stammkegels beruht nicht, wie es sonst an Organen geschieht,
die für eine lange Fortdauer angelegt sind, auf demWachstlium
des Holzgewebes, sondern auf der zunehmenden Kohäsion des
in den jugendlichen Pflanzen vorwaltenden Parenchyms, die durch
Massen von eingelagerten Kalksalzen gesteigert wird.
Alle diese Eigenthümlichkeiten der Organisation sind nun nach
den klimatischen Bedingungen zu beurtheilen, unter denen die Welwitschia
lebt. Fragt mäji, warum die Blätter eines Baums sich erneuern,
so liegt bei periodischem Laubabfall die Ursache augenscheinlich
darin, dass die Kälte oder Dürre während des Winterschlafs
von diesen zarteren Organen nicht ertragen wird. Aber auch
bei den immergrünen Gewächsen scheinen die Blätter im Winter zu
leiden oder überhaupt zum Stillstand der Funktionen nicht geeignet
zu sein, da sie diesen doch nur eine gewisse Zeit überdauern und
früher oder später zu Grunde gehen. Bei der Welwitschia hingegen,
die in einem Klima lebt, wo keine Hemmungsperiode der "Vegetation
vorhanden ist, beharren die Samenblätter, die ersten Lauborgane der
Pflanze und zugleich die letzten, während eines unbestimmt langen
Zeitraums in ihrer Thätigkeit, und sie bewahren ihre Lebenskraft,
obgleich sie durch Sturm und Zufälle gewöhnlich der Länge nach
in Segmente zerschlitzt oder unregelmässig in Fetzen zerrissen sind
und ein trockenes, wie abgestorbenes Ansehen haben. Sind doch
diese unschönen Gebilde die einzigen Organe, auf denen die Fortdauer
des Wachsthums, der Ernährung und der Erneuerung der zur
Fortpflanzung bestimmten Knospen beruht. Wir finden ferner, dass
bei den dikotyledonischen Holzgewächsen mit dem Alter des Stamms
auch die Anzahl der Blätter sich vergrös^ert, weil mit der wachsenden
Masse der Gewebe und ihrer Bildungscentren auch das Bedürfniss
au Nahrungsstoffen zunimmt, die in den Lauborganen bereitet
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Holzgewäclise. Welwitschia. 163
werden. Allein derselbe Zweck kann durch vermehrte Grösse, wie
durch Vervielfältigung der Blattflächen erreicht werden, wie man
schon an der geringen Zahl gleichzeitig wirksamer Blätter bei grossblättrigen
Monokotyledonen, bei den Palmen und beim Pisang, erkennt.
Dieses Verhältniss nun erfäln^t in der Welwitschia die höchste
Steigerung, die denkbar ist, indem die Zahl der Blätter auf zwei
sich beschränkt und diese gewöhnlich 6 Fuss, in einzelnen Fällen
sogar zuletzt 12 bis 18 Fuss lang werden. Diese beiden Organe
stehen also in einem angemessenen Verhältniss zu der langsam sich
tafelförmig ausbreitenden Holzmasse, sie waclisen walirischeinlich
wälirend der ganzen Lebensdauer des Gewächses an ihrem Grunde
fort, und vertreten auf diese Weise eine ganze Laubkrone oder die
stetig erneuerte Blattrosette der Zwergpalmen. Was endlich die
Eigenthümlichkeit des anatomischen Baus betrifft, wodurch die Welwitschia
von allen bekannten Holzgewächsen und namentlich auch
von den ähnlichen Cycadeen so auffallend abweicht, so ist zu erinnern,
dass ein .Holzstamm ganz verschiedenen Zwecken dienen kann.
Erhebt er sich zu einer dikotyledonischen Baumgestalt, so ist seine
nächste Aufgabe, das Laubdach und eine Krone von Aesten zu tragen,
und je mehr das Gewicht dieser Last mit dem Alter zunimmt,
desto dicker und stärker wird die Säule, welche sie zu stützen bestimmt
ist. Aber zugleich ist der Baumstamm auch Nahrungsspeicher
für die überwinternden Knospen, die sich aus dem Wintervorrath
des Stärkemehls in neue Zweige und Blätter verwandeln
sollen. Für den ersten Zweck dienen die festen, vertikal gestellten
Holzzellen, für den letzteren ist jedes Parenchym genügend. In
dem regenlosen Klima der Kalahariküste wachsen keine Bäume,
aber für ein Gewächs, welches, wie ein Baum, ein Jahrhundert lang
bestehen soll; muss im Laufe der Zeit eine beträchtliche Menge von
Nahrangsstoffen allmälig abgelagert werden, schon um die wiederkehrende
Produktion derBlüthenknospen zu unterstützen. Das ältere
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Gewebe der Welwitschia eignet sich nicht mehr zur Aufnahme der
in den Blättern gebildeten Stoffe. Denn es musste fest werden, wde
das härteste Holz, um in den steinigen Boden, auf dem die Pflanze
lebt, mit hinlänglicher Kraft die Wurzel einzutreiben. Ein stetiges
Fortwachsen des Holzstamms im äusseren Umfange ist also erforderlicli,
um jüngere Gewebe zu schaffen, die nicht bloss als Skelet,
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