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30 VI, Indisches Moiisun£"-obiot. Atmosplüirisclie Orchideen. 31
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die Loranthaceen und die atmospLärisclien Orcliidecii. Die Loranthusform
gehört zu den eigentlichen Parasiten, die ihre Säfte ans den
Bäumen beziehen, auf denen sie befestigt sind. Sie können dalier
niemals von ihrer Mutterpflanz'e auf den unorganischen Boden übergehen.
Nach seiner Belaubung den kleineren Sträuchern aus der
Keihe der Oleander- und Myrtenform gleichend, aber in den meisten
Fällen durch gabelförmige Verzweigung ausgezeichnet, durchbricht
ihr holziger Stamm, ohne Wurzeln zu bilden, die Rinde der Bäume,
auf deren Krone sie eingefügt sind, und setzt sich mit ihrer Splintschicht
in Verbindung. So geht die aus dem Boden zu den Blättern
des Baums aufsteigende Flüssigkeit, welche sich in diesen äusseren
Ilolzschichten bewegt, in die Gefässbündel des Parasiten über, aber
noch als roher Nahrungssaft, der erst in den grünen Organen durch
die atmosphärischen Nährstoffe zu plastischen Stoffen umgewandelt
wird. Dadurch unterscheidet sich daher die Loranthusform von
anderen Parasiten, dass sie selbst des grünen Laubes oder in seltenen
Fällen wenigstens grünender Zweige nicht entbehren kann, die den
Bildungssaft zubereiten. Auch von den bleichen, blattlosen Parasiten,
die, gewöhnlich auf den Wurzeln der Mutterpflanze befestigt,
aus diesen den herabsteigenden, zum Wachsthum unmittelbar verwendbaren
Saft empfangen, kommen in den asiatischen Jungles
einige merkwürdige Beispiele vor, Balanophoreen und ßafflesien,
aber, verglichen mit der Häufigkeit der Loranthaceen in den tropischen
Wäldern, sind sie nur seltene Erscheinungen. Von diesen
letzteren haben die Rafflesien der Sunda-Inseln, die auf den Wurzeln
und Zweigen der Cissus-Lianen wachsen, durch die Grösse
ihrer Blüthen die Aufmerksamkeit erregt: bei einer in Sumatra einheimischen
Art {E. Arnoldi) beträgt ihr Durchmesser zwei bis drei
Fuss, und sie wird in dieser Beziehung nur von der auf den südamerikanischen
Flüssen schwimmenden Victoria übertroffen.
Die Orchideen sind in dem Bau ihrer Blumen so mannigfaltig,
so wechselnd in ihrer Grösse und Färbung, dass sie mit den Insekten
zu wetteifern scheinen, denen ,sie auf dem Fluge die Blüthenlippe
als Landungsplatz darbieten. Denn von hier aus steigen diese Thierchen,
den inneren Organen in der eigenen Körperform angepasst, in
die Tiefe der Blumen hinab, um ihre Nahrung aufzusuchen, wobei
sie zugleich zur Befruchtung einer Blüthe durch die andere mitzuwirken
genöthigt sind. Im tropischen Asien, namentlich in den
feuchten Wäldern der Aequatorialzone ist die Familie der Orchideen
unter allen die artenreichste, aus dem Inselgebiete kennt Miquel i^)
bereits über 100 Gattungen, mehr als 600 Arten. Das ist ungefähr,
der fünfzehnte Theil aller daselbst einheimischen Phanerogamen, und
grosstentheils sind es atmosphärische Orchideen, die epiphytisch oder
auf einem Substrat befestigt sind, in welches ihre Wurzeln gar nicht
oder nur unbedeutend eindringen. Als atmosphärische Gewächse
sind sie mit Recht zu bezeichnen, weil sie weder aus dem Boden noch
aus dem stützenden Baumstamm ihre Feuchtigkeit beziehen und ihren
Saft erneuern, sondern auf die Niederschläge unmittelbar angewiesen
sind, gleichsam Wasserpflanzen auf Regentropfen. Denn statt der
Organe, die sonst bestimmt sind, die Feuchtigkeit des Bodens aufzusaugen
, entwickeln sie nur Luftwurzeln, die an die Oberfläche des
Substrats sich anschmiegen und häufig aus einem Knollen entspringen,
der aber ebenfalls frei daliegt. Da die Kultur dieser tropischen
Orchideen vor Allem Feuchtigkeit der Luft fordert, so lag es nahe,
anzunehmen, dass sie den Wasserdampf der Atmosphäre sich anzueignen
vermöchten, allein diese Vorstellung ist nicht begründet und
in der That mit der geordneten Saftbewegung phanerogamischer Gewächse
unvereinbar. Sie saugen vielmehr mit den Spitzen ihrer
Luftwurzeln das Wasser der Niederschläge auf; der Ort des Einströmens
ist derselbe, wie bei anderen Pflanzen. Die Feuchtigkeit
der Atmosphäre dient nur, den Saftumtrieb zu verlangsamen und dadurch
die Gefährdung zu beseitigen, welcher beim Wechsel der Nässe
und Trockenheit die freiliegenden Wurzeln unterworfen sind, denen
der ununterbrochene Zufluss aus dem Humus des Erdbodens nicht
zu Gebote steht. Denselben Zweck haben auch die weiss glänzenden
sogenannten Pergamentschichten, Avelche die Oberhaut der Wurzeln
vollständig bis zur unbekleideten Spitze hin einhüllen, und die, hier
allein bekannt, aus Zellen mit elastischen Spiralfasern bestehen.
Wenn der Zufluss stockt, wenn die Säfte durch die stetige Bewegung
zu den Blättern sich mindern und die Wurzeln daher anfangen, sich
mit Luft zu füllen, kann das Gewebe sich nicht leicht zusammenziehen,
weil die Spiralfasern die Zellen der Pergamentschicht auch
im saftleeren Zustande ausgespannt erhalten. Eine noch nicht
genügend aufgeklärte Schwierigkeit in der Ernährungsweise der
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