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weilen kann auch die Form des Wohngebiets zu Aufschlüssen über
die Abstammung von bestimmten Vegetationscentren nützlich sein
Dies ist namentlich bei solchen Arten der Fall, die nicht allein das
ganze tropische Amerika bewohnen, sondern auch in die wärmeren
Gegenden der gemässigten Zonen vorgedrungen sind, üeberschreiten
dieselben nur in einer Richtung den Wendekreis 27) , so ist anzunehmen,
dass der Ausgangspunkt ihrer Wanderung in der gleichnamigen
Hemisphäre gelegen war.
Die ubiquitären und die mehreren tropischen Kontinenten gemeinsamen,
die transoceanischen Pflanzen Westindiens (300) sind
fast sämmtlich entweder Wasser-, Sumpf- und Litoralgewächse
(nicht ganz 100), oder Begleiter der Kulturfelder, die den Kolonisationen
über die Erdkugel gefolgt sind (über 200). Die Mehrzahl
der letzteren besteht, wie auf, den Aecker» der gemässigten Zone
aus vergänglichen einjährigen und vielsamigen Pflanzen. Viele derselben
überschreiten auch den Wendekreis, indem sie wegen der Kürze
Ihrer Vegetationszeit auch ausserhalb der Tropen die Sommerwärme
finden, deren sie bedürfen: sie können noch als tropische Segetalpflanzen
gelten, wenn ihre Verbreitung nicht über den 40. Breitengrad
hinausreicht, und werden ubiquitär, wenn der klimatische Gegensatz
der gemässigten und heissen Zonen sie unberührt lässt. Bestimmter
äussert sich dieser bei den Holzgewächsen. Unter den
Tropen verwandeln sich auch die Stauden leicht in Halbsträucher
bei denen der weiche Stengel nach abwärts verholzt, und in der
gleichmäsßigen Temperatur des Jahres verschwinden die Grenzen
zwischen ein- und mehrjährigem Wachsthum. Hier findet man unter
den Gewächsen, welche mit der Bodenkultur unabsichtlich verbreitet
wurden, auch wirkliche Sträucher 28), welche die Pflanzungen der
Baume begleiten, oder, wenn die Plantagen verlassen werden, sich
massenhaft ausbreiten. Hierzu gehören auch die Gebüsche von verwilderten
Orangen, welche besonders in Cuba häufig sind und da
sie schon vor der Zeit der Europäer in Westindien vorhanden'gewesen
sein sollen 29), auf vorhistorische Verbindungen Amerikas mit
Asien schliessen lassen.
Die weiten Wohngebiete der Wasser- und Sumpfpflanzen sind
eine allgemeine Erscheinung, die alle Zonen und die entlegensten
Florengebiete der Erde unter einander verbindet. Sie erklärt sich
theils aus der Verbreitung der Samen durch Zugvögel, tlieils daraus,
dass die Temperaturunterschiede des Wassers geringer sind, als die
der atmosphärischen Luft. Die tropischen Litoralpflanzen werden
durch die grossen oceanischen Strömungen von einer Küste zur andern
geführt; wo sie ähnliche physische Bedingungen wiederfinden:
manche bewohnen den Mangrovewald, dessen Erzeugnisse zum Tlieil
in allen Tropenländern übereinstimmen, K. Brown stellte die ersten
Verzeichnisse solcher transoceanischen Gewächse zusammen und
meinte ^ö), dass ihr Samen meist einen sehr entwickelten Keim enthalte
und dadurch eine längere Dauer der Lebenskraft verbürge.
Seitdem ist eine bei Weitem grössere Anzahl bekannt geworden^ und
nun erscheinen die Verschiedenheiten ihres Baues so viel grösser,
dass jene Ansicht sich nicht länger festhalten lässt. Die Mittel,
durch welche die zu so weiten Wanderungen erforderliche Dauer der
Keimfähigkeit erhöht wird, sind nicht überall erkennbar.
Neben den Küstenpflanzen und denen, die durch die Kolonisation
verbreitet sind, giebt es auch einige Gewächse des Binnenlandes
, die das atlantische Meer innerhalb der Tropen überschritten
haben. Aber auch hier weist ihr Vorkommen in den Uferwaldungen
der Flüsse häufig darauf hin, dass ihre Früchte mit dem
fliessenden Wasser in das Meer gelangen und von dessen Strömungen
aufgenommen werden konnten. Das Meerwasser in seiner Ruhe ist
die wirksamste Schranke gegen die Vermischung der Vegetationscentren,
durch seine Bewegungen befördert es sie unter der Voraussetzung,
dass Küsten mit entsprechendem Boden und Klima von den
Strömungen wirklich berührt werden. Dies ist mit den grossen Aequatorialströmen
nicht der Fall, von denen der atlantische erst in einem
gewissen Abstände von Afrika anhebt und der pacifische von der wüsten
Küste Perus ausgeht und Asien nicht erreicht. Die transoceanischen
Wanderungen der Pflanzen gehen in den meistenFällen nicht, wie diese,
von Osten nach Westen, sondern in beiden Meeren von Westen nach
Osten, üeber das atlantische Meer haben sich ursprünglich amerikanische
Gewächse an der afrikanischen Küste angesiedelt . Der
Golfstrom, der die Verbindung zwischen Cuba und Florida hemmt,
ist der Träger schwimmender Früchte nicht blos zu den Bahamas^
sondern auch zu den Bermudas, und zuletzt auch die einzige Bahn,
auf welcher sie zu den Kontinenten der alten Welt gelangen können.
G r i s e b a c h , Vegetation der Erde. II. 23
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