
10 VI. Indisches Monsungebiet. Palmen. 11
verwirklicht fand. Und doch stehen die Pflanzenformen des indischen
Archipels denen Südamerikas, wo die Ueppigkeit vegetativen
Lebens zur höchsten Energie sich entfaltet, so wenig nach, dass
nach Zollinger's Versicherung i^) mehrere unter den von Martius herausgegebenen
brasilianischen Landschaftsbildern auch als Typen der
Vegetation von Java gelten können. Aber das ist gerade das Charakteristische
für das tropische Asien, dass, wie es alle Abstufungen
des Tropenklimas umfasst, auch die Vegetation vom grössten Reichthum
bis zur Aermlichkeit der Wüste sich vereinfacht. Diesem
Hauptverhältniss gegenüber scheint es weniger bedeutsam, dass die
Kultur hier in weit grösserem Umfange die 'ursprünglichen Naturzustände
gestört hat, als in den übrigen tropischen Kontinenten. In
der That ist die Bevölkerung Indiens weitaus die dichteste unter
allen Tropenländejn und erreicht ebenso hohe Ziffern wie in
Europa und China. Auch hat der Anbau des Bodens in vielen Gegenden
Hindostans die meisten Züge tropischen Pflanzenlebens verwischt
: indessen ist Java nicht weniger stark bevölkert und doch
steht die einheimische Vegetation hier noch immer übermächtig der
Kultur gegenüber.
Unter den monokotyledonischen Bäumen sind die Palmen, die
auf dem Gipfel ihres einfachen Stamms statt einer Krone von Zweigen
unmittelbar das weithin ausgebreitete, fâcher- oder fiederförmig
getheilte Laub zu einer Rosette verbunden tragen, die bedeutendste
Erscheinung in der Physiognomie der Tropenlandschaft. Aus dem
Monsungebiete kennt man beinahe 300 Arten, die zu der Familie der
Palmen geliören, ungefähr ebenso viel wie aus dem tropischen Amerika;
die Zahl derjenigen, die auf den übrigen Kontinenten und Inseln
wachsen, ist geringfügig. Scheidet man indessen von den
hochstämmigen die kleineren Arten, die durch den niedrigen Wuchs
ihres Stamms in die Form der Zwergpalmen übergehen, und die
Palmlianen aus, deren Vegetationsorgane in noch weit höherem
Grade abweichen, so steht Asien gegen Amerika in der mannigfaltigen
Bildungsweise dieser Bäume entschieden zurück. Denn die
Palmlianen, die fast sämmtlich auf das Monsungebiet beschränkt
und ausserdem nur noch in Australien und Afrika schwach vertreten
sind, bilden allein die grössere Hälfte aller indischen Arten. Auch
in der Höhe des Stamms werden die asiatischen Palmen von einigen
amerikanischen Arten übertroifen. Zu den grössten gehört die
Corypha [C. umbracuUfera), eine Fächerpalme, die in Malabar und
Ceylon 70 Fuss hoch wird, und die nach Miquel von der Gebang-
Palme der Sunda-Inseln nicht verschieden sein soll. Kaum erreicht
sie indessen die Höhe der Cocospalme [Cocos micifera) , deren
Stamm 60 bis 100 Fuss misst, die aber, wie alle Arten ihres Geschlechts
, aus Amerika ursprünglich abstammt und, in entgegengesetzter
Richtung, wie die indischen Gewächse, auf die Koralleninseln
der Südsee und nach Asien verpflanzt wurde.
Aus der geographischen Verbreitung der Palmen im Monsungebiete
selbst geht hervor, dass mit der zunehmenden Gleichmässigkeit
der Temperatur und mit der Stärke und Dauer der Niederschläge
die Mannigfaltigkeit der Arten grösser wird. Als immergrüne Bäume
bedürfen sie eines stetigen Wasserzuflusses aus-den Wurzeln und
ertragen schwer einen Stillstand ihres Wachsthums. Es giebt nur
einige Palmen, die dürre Klimate aufsuchen, wie die Palmyra-Palme
[Borassus flabelliformis) , die daher ebensowohl das Tafelland von
Mysore wie" die Insel Timor bewohnt, aber am oberen Ganges zu
Mirut bei Delhi schon nicht mehr fortkommt. Solch' eine Verbreitung
bis in die Nähe der Steppenklimate ist eine Ausnahme von
dem Typus der Familie und mit dem Auftreten der Dattelpalme in
den Oasen der Wüste zu vergleichen. Da in dem grössten Theile
Vorderindiens die Regenzeiten kurz sind und im Norden die Temperaturunterschiede
der Jahrszeiten wachsen, so sind hier die Bildungsformen
der Palmen viel einförmiger, als in dem feuchtwarmen Klima
der Halbinsel Malakka und auf den Sunda-Inseln. An der regenarmen
Küste des Carnatic in Hindostán werden nur vier hochstämmige
Palmen angetroffen und von diesen drei nur als Kulturbäume.
Die obere Gangesebene besitzt in den Gegenden, wo die Palmyra-
Palme noch gepflegt werden kann, ebenfalls nur eine einzige Palme,
die wirklich einheimisch ist [Phoenix sylvestris). Selbst in den feuchten
Küstenwaldungen von Orissa, die an Bengalen grenzen, kommen
nur wenige Palmen vor. Ich finde überhaupt, dass in einem Katalog
von 123 hochstämmigen und Zwergpalmen Indiens nur 19 die vorderindische
Halbinsel bewohnen, 42 das Festland von Assam bis Malakka,
62 den indischen Archipel von Sumatra bis Neuirland. Die Zunahme
der Palmen wird zuerst höchst bemerklich, wenn man von