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Vegetationsformen ausserhalb der Oasen. 87
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zeit; in dem Wasser^ welches ihre Organe durchdringt. Cosson-^^j
zeigt, wie sie unabhängig ist von der Mischung der Erdkrume, von
dem Salzgehalt des Wassers, wie sie den Stürmen der Atmosphäre
und der Gluth der Sonne widersteht, aber er bemerkt zugleich, dass
sie grosse Wassermengen zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie entwickelt
sich nur da, wo ihre Wurzeln mit den unerschöpflichen Wasservorräthen
in Verbindung stehen, die allein die Wüste befeuchten. Da
das Niveau derselben so ungleich ist, in der algerischen Sahara^i)
zwischen 10 und 560 Fuss Tiefe schwankend, in Tuat^^) schon
21/2 Fuss unter der Oberfläche zu erreichen, so musste die Kultur
zwar erst dem Baume seine gegenwärtige Bedeutung geben, aber in
gewissen Oasen tauchen seine Wurzeln ohne künstliche Bewässerung
in die feuchten Erdschichten ein, und hier konnte die Dattelpalme
daher selbständig bestehen und von jeher sich erhalten. Und in
welchem Massstabe ihren Wurzeln das Wasser Jahr aus Jahr ein zuströmt,
k ö n n e n w i r a u s d e r A n g a b e e r k e n n e n , dass ein einziger
artesischer Brunnen in der Nähe von Tuggurt 800 Gallonen süsses
Wasser in einer Minute liefert. Nun ist aber wohl zu beachten,
dass nicht die Temperatur der Atmosphäre oder die noch höhere des
Wüstensandes den Geweben des Baums sich mittheilt, sondern dass
bei allen Holzgewächsen die Wärme mit dem aufsteigenden Safte in
der Richtung der Gefässbündel geleitet wird, dass daher die Bodenschicht,
wo die Wurzelspitzen die Feuchtigkeit aufsaugen, dafür
massgebend ist, und dass die lebhafte Verdunstung der Blätter ebenfalls
dazu beiträgt, Kälte zu erzeugen und die Gluth der Sonne zu
massigen. Eben das unterirdische Wasser ist auch ein Hinderniss
der Wärmeleitung, es bewirkt, dass die starken Temperaturschwankungen,
welche die Erdoberfläche und die Atmosphäre in der Sahara
erleiden, in die Tiefe des Bodens nicht eindringen ^4). Die Brunnentemperatur,
die der wirklichen Temperatur der Dattelpalme gleich
gesetzt werden kann, ist eine fast unveränderliche Grösse, und entspricht
also den physiologischen Bedingungen des Falmenwuchses
vollkommen. Wenn behauptet worden ist^^), dass Schwankungen
der Temperatur von 41 bis zu — 2®, 4 R. auf die Entwickelung
des Baums durchaus keinen Einflass 'haben, so hat dies zwar eine
Bedeutung für die Würdigung seiner Kulturgrenzen, aber es muss
doch daran erinnert werden, dass diese Extreme der Boden- und
Lnftwärme den Site der lebendigen Funktionen gar nicht ermchen.
Wenn die Dattelpalme nun so unabhängig ist von den Zuständen der
Atmosphäre, die sie umgiebt, wie kommt es, dass sie diessei s der
Saharagrenzen keine r e i f e n Früchte trägt und doch zu einem stattlichen
Baume sich zu entwickeln vermag, und dass sie im jenseitigen Sudan
entweder verkümmert3^) oder doch nur einzeln, d a j aber Frucht
tragend angetroffen wird? In beiden Fällen ist der Wechsel trockener
und nasser Jahrszeiten ihrer Vegetation ungünstig. Am Mittelmeer
fällt der regenlose Sommer gerade in die Entwicklungszeit der
Dattel, so dass man sie durch künstliche Bewässerung wohl würde
zur Reife bringen können, wie es zur Zeit der Araber in Spanien
allgemeiner der Fall gewesen sein soll. In Sudan scheint die Dattelpalme
besonders in der Nähe von Flüssen fortzukommen, deren
Grundwasser sie in der trockenen Jahrszeit bewässern kann. Ausserdem
aber ist für ihr Gedeihen auch die Trockenheit der Wüstenatmosphäre
von Bedeutung, welche die Verdunstung der Blätter und
dadurch den Saftumtrieb beschleunigt. Der Dattelwald von Liehe,
der einzige in Spanien, wo gegenwärtig noch eine reiche Fruchternte
erzielt wird liegt im Wüstenklima von Murcia und die niedrigste
Mittelwärme, welche der Baum erträgt, ist die von Asturien, wo der
feuchte Sommer und der milde Winter ihm günstiger sind, als die
Jahrszeiten Italiens. . . ^ i
Die Dattelpalme ist der einzige Baum, der m der Sahara seme
ursprüngliche Heimath hat, die übrigen Bäume sind von auswarts in
spärlichster Verbreitung eingewandert. Einige begleiten von Sudan
her das Stromufer des Nils, und von diesen ist es nur die durch die
Gattung der Acacien vertretene Mimoseenform, die hier und da m
dem grössten Theil der Wüste bemerkt wird, ohne jedoch die algerische
Sahara zu erreichen. In umgekehrter Richtung ist vom Gestade
des Mittelmeers e i n e baumartige Tamariske ^lamanx
salzhaltigem Boden folgend, bis zu einer gewissen Entfernung m die
Sahara eingedrungen. _ _
Des Bodens der Oasen, wo das Grundwasser m germger Tiefe
steht aber hat sich die Dattelpalme so vollständig bemächtigt, dass
unter ihrem schattigen Laubdach nur Kulturgewächse und Pflanzen
e u r o p ä i s c h e n Ursprungs, die sie begleiten, zu erblicken smd. Die
einheimischen Formen der Saharavegetation bewohnen die Wadis