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400 XIX. Brasilien.
iiezuela sah Humboldt in solchen Fällen die Erneuerung der Blätter
schon einen Monat dem Eintritt des liegens vorausgehen, als entspreche
ihre Entwickelung nicht bloss gegenwärtigen, sondern auch
zukünftigen Bedingungen, unter denen die Funktionen des Organs
eigentlich erst beginnen können. Die Beobachtung Saint-Hilaire's^
dasrf entlaubte Bäume der Catingas von Minas Geraes schon im August
ihre Blattknospen entfalten, wenn die Wärme und Dürre des
Bodens den höchsten Grad eiTeicht hat, veranlasst diesen Botaniker
zu der Bemerkung, der Saftumtrieb werde zwar erst durch den Regen
beschleunigt, aber der Anfang der Bewegung von Flüssigkeiten im
Gewebe sei von Bedingungen abhängig, die man nicht ergründen
könne. In der That entzieht sich die Ursache eines solchen Wachsthums
unserer Forschung, da doch die Belaubang einen verstärkten
Saftzufluss voraussetzt, dessen Quelle in der trockenen Jahreszeit
verborgen bleibt. Die Erklärung, welche Humboldt versuchte, dass
nämlich zu dieser Zeit schon der Dampfgehalt der Luft erhöht sei,
ist auf die Campos Brasiliens nicht anwendbar und auch übrigens
nicht zutreffend, weil die Wassercirculation der Pflanzen des Zuströmens
tropfbarer Feuchtigkeit bedarf. Es liegen hier unstreitig jene
dem Instinkt der Thiere vergleichbaren Aeusserungen des vegetativen
Lebens zu Grunde, zu deren Besprechung in dem Abschnitt
über die Mittelmeerflora die Abhängigkeit der Vegetationszeit von
steigenden Wärmegraden den Anlass bot. Wie der Oelbaum seine
Knospen entfaltet, wenn der Winter die Blätter am meisten bedroht,
so entstehen sie hier zu einer Zeit, in welcher sie durch Verdunstung
ohne Zufluss aus dem Boden gefährdet sind. An den Bedingungen
ihres Wachsthums fehlt es niemals, weil das Gewebe der Pflanzen
sowohl die erforderlichen Nahrungsstoife als hinreichenden Saft auch
während des Winterschlafs und in der trockenen Jahreszeit bewahrt,
aber doch ist die Belaabung an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden.
Es bedarf nur einer Bewegung und geänderten Vertheilung des Safts,
damit die Knospen schwellen, und diese Anhäufung desselben in den
äussersten Spitzen des Baums kann gar wohl durch die erhöhte
Wärme bewirkt werden, die der Regenzeit vorausgeht. Die unteren
Theile des Stamms aber würden bald durch ihre Saftentleerung zu
Grunde gehen, wenn sie den Verlust nicht eine kurze Zeit zu ertragen
vermöchten, bis die ersten Niederschläge den Boden wieder reichlich
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befeuchten. In einem Falle hat man eine besondere Einrichtung
kennen gelernt, dieser Gefahr vorzubeugen: bei einem Terebinthaceenbaum
der Catingas {Spondias tuberosa) , dessen wagerecht
ausgebreitete Wurzeln zu hohlen und mit Wasser gefüllten Wülsten
von etwa 8 Zoll Durchmesser anschwellen , in welchen zuweilen
»mehr als eine halbe Mass« trinkbarer Flüssigkeit enthalten
ist und die offenbar bestimmt sind, während der trockenen Jahreszeit
dem Saftumtrieb einen Rückhalt zu gewähren. In anderen Bäumen
wird die Feuchtigkeit des Holzes zu den periodischen Bewegungen
ausreichen. Der in dieser Weise beschleunigte und dem Eintritt
passender Entwickelungsbedingangen vorausgehende Anfang
der Vegetationsperiode kann auch hier so aufgefasst werden, dass
für die Dauer derselben Zeit gewonnen werden muss, um das Leben
hl seinem späteren Verlauf unter nachtheiligen und durch andere
Mittel nicht zu besiegenden Einflüssen zu erhalten. Durch die Erblichkeit,
welche mit dem Samenkorn auch die Periodicität des Wachsthums
fortpflanzt und an bestimmte Zeitabschnitte bindet, ist nur die
Form der Erscheinung ausgedrückt, aber das Wesen instinktiver
Thätigkeiten nicht ergründet. Hierüber könnte man vielmehr sagen,
dass sie nur deshalb unserer Naturauffassung so befremdlich scheinen,
weil sie äusserlich der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung
sich darbieten, indem das Walten der inneren Bildungskräfte des
Organismus in mechanischem Sinne nicht weniger unerklärlich bleibt.
Jede Zellenbildung, die bei der Keimung eines Samenkorns statt-
Ihidet, hat eine nothwendige Beziehung zu der zukünftigen Gestaltung
der ausgewachsenen Pflanze, und ebenso äussert sich auch der
Instinkt in beiden Reichen der organischen Natur nur in solchen Leistungen,
die zu den Lebenserscheinungen der Zukunft mitwirken. Das
Zweckmässige im Leben des Organismus ist nicht an die Bedingungen
der Gegenwart gebunden, sondern erscheint unsern Vorstellungen
von der Zeit als einer Reihe abgesonderter Zustände gegenüber ebenso
unabhängig, wie der denkende Geist bei seinen Berechnungen Vergangenheit
und Zukunft verbindet.
Die Formationen der brasilianischen Campos sind von der Nachbarschaft
des Aequators bis über den südlichen Wendekreis hinaus
bei aller Mannigfaltigkeit ihrer Erzeugnisse durch allmällige üebergänge
verbunden. Indessen hat Martins ^^^ nach der geographischen
Urisebauh, Vegetation der Erde. II, 20
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