
354 XVI. Westindien. Absonderung der Vegetationscentren. 355
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Die Bermudas (32 ON. B . ) , ein den Bahamas ähnlich gebauter, aber
Uber 200 g. IVIeilen von ihnen entlegener Archipel von Korallenkalk,
haben zwar einige eigenthümliche Landmollusken erzeugt, scheinen
aber kein abgesondertes Vegetationscentrum zu besitzen, sondern
ihre Flora theils von Westindien, theils von den Südstaaten des Festlandes
entlehnt zu haben Sie sind zum grossen Theil von Wäldern
derBermuda-Ceder (Jumperus harhademis) bedeckt, unter deren
Schutz die trefflichsten Orangen gezogen werden.
Nach ihren endemischen Erzeugnissen verglichen, verhalten
sich die Inseln eines Archipels ebenso zu einander, wie zum Festlande.
Das Meer hemmt den Austausch ihrer Vegetationscentren
und erhält sie in ihrer ursprtmglichen Absonderung. Mein Katalog
westindischer Pflanzen, in welchem indessen Haiti und Portorico
wegen Mangels an Hülfsmitteln unberücksichtigt geblieben sind, enthält
nach Ausschluss der Insel Trinidad, die passender mit Venezuela
verbunden wird, unter etwa 4500 Gefässpflanzen 2240 endemische
Arten. Abgesehen von den Farnen, die leicht über das Meer
sich verbreiten können, und von den Orchideen, deren Wohngebiet
nicht genügend bekannt ist, wurde mehr als die Hälfte der endemischen
Gewächse (1270) nur auf einer einzigen Insel beobachtet 34).
Die Vertheilung richtet sich zunächst nach der so ungemein verschiedenen
Grösse der einzelnen Inseln, aber diese ist keineswegs allein
entscheidend. Cuba mit einem Areal, welches beinahe die Hälfte
von ganz Westindien umfasstss) , hat bei Weitem die meisten endemischen
Arten geliefert (929), aber verhältnissmässig hat sich bis
jetzt das zehnfach kleinere Jamaika doch noch bedeutend reicher
erwiesen (mit 275 Arten). Eine ungleiche Ergiebigkeit zeigen auch
die kleinen vulkanischen Antillen, wo von Dominica die meisten (29)
.eigenthümlichen Arten bekannt wurden. Endlich konnten kaum
Spuren von Vegetationscentren auf den Tertiärkalken der gebirgslosen
Karaiben nachgewiesen werden, wie es doch auf den noch jüngeren
Bildungen der Bahamas der Fall ist. Weder der geognostische
Bau an sich, noch die wahrscheinliche Dauer des insularen Bestehens
lassen einen Zusammenhang mit der Anordnung der Centren
erkennen. Wenn man auch muthmassen darf, dass, j e später eine
Insel aus dem Meere hervortauchte, die Bedingungen zur Entstehung
endemischer Erzeugnisse um so seltener eingetreten sind, so konnten
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doch durch erleichterten Austausch diese Zeichen ihrer geographischen
Absonderung auch auf dem ältesten Boden wieder verloren
gehen. Der Unterschied der Ergiebigkeit von Jamaika und Cuba
aber ist aus der physischen Beschaffenheit beider Inseln leicht zu
erklären: die Mannigfaltigkeit der Standorte ist überall die Ursache
des erhöhten Reichthums einer Flora. Jamaika hat höhere und ausgedehnte
Gebirge, ein verwickeltes Relief, einen wechselnden geognostischen
Bau, und vor Allem sind hier die klimatischen Gegensätze
der beiden Abhänge einer westöstlich streichenden Hebungslinie
von entscheidendem Einfluss. Cuba ist gleichmässiger gebaut
und die Hochgebirge sind auf engen Räumen zusammengedrängt.
Alle diese Verhältnisse wirken zusammen, die Pflanzen Jamaikas
in ihrer Ausbreitung zu beschränken, und, sofern die Vegetationscentren
unter dem allgemeinsten Gesetze der organischen Natur,
dem der Adaptation stehen, so war ihnen hier ein weiterer Spielraum
zu ihren Bildungen gegeben, als in Cuba.
Nimmt man an, dass die vom Festlande eingewanderten Pflanzen
eine grössere Kraft haben, sich auszubreiten, als die an Ort und
Stelle erzeugten, so erklären sich daraus zwei anscheinend zusammenhangslose
Erscheinungen, von denen die eine auf die Anordnung
der Individuen, die andere auf das Verhältniss der Arten zu den Gattungen
sich bezieht. Die nächste Folge ist, dass die endemischen
Pflanzen zurückweichen, dass sie weniger gesellig, oft nur noch an
einzelnen Standorten anzutreffen sind und zuletzt vielleicht ganz aussterben,
sowie dass diese Verdrängung in demselben Masse zunimmt,
als mit der Kolonisation die Ansiedelung fremder Gewächse befördert
wird. So sahen wir, wie sehr in Jamaika die Physiognomie der
Landschaft sich seit der Ankunft der Europäer verändert hat. Ferner
steht hiermit aber auch die andere Thatsache in Verbindung, dass
aus den endemischen Arten die grössten Gattungen der Flora hervorgehen.
Von grossen Gattungen besitzen immer nixr bestimmte
Arten jene eigenthümlichen Kräfte, womit die physischen und physiologischen
Hindernisse auf ihrer Wanderung überwunden werden,
die schwächer ausgestatteten bleiben auf dem engen Räume ihrer
Heimath zurück. Die ersteren sind gleichsam mit den stärksten
Waffen gerüstet, um zu wuchern und sich massenhaft fortzupflanzen :
vom Klima und Boden am wenigsten abhängig, dehnen sie weiter
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