
I •J 370 XVII. Südamerikanisches Gebiet diesseits des Aequators.
Gruppen von Gesträuchern sind entweder durch anmuthige Belaubung
oder durch reichen Blüthenschmuck ausgezeichnet . Di«
vereinzelten Bäume der Savanen bleiben krüppelhaft oder tragen
eine unschön gekriUnmte Verzweigung. Zum Theil sind es weiter
verbreitete Arten, wie die Pi-oteaceengattung der Llanos [Rhopala],
und dieselbe üilleniacee [Curatella], welche die Savanen Centraiamerikas
bewohnt. Aber auch in diesem Forinenkreise, dem sich
Myrtaceenbäume zugesellen, erscheint Guiana vor den westlicher gelegenen
Landschaften bevorzugt. Es zeigt sich, verglichen mit den
Llanos von Venezuela, in diesen Holzgewächsen, wie sehr die durch
das Relief bedingte Ungleichheit der Standorte und der Bodenmischung,
sowie die stärkere Berieselung durch fliessendes Wassel- die
Mannigfaltigkeit der vegetabilischen Erzeugnisse erhöht.
Die Savane selbst ist in Guiana neben ihrem Graswuchse reich
an rauhhaarigen Cyperaceen und mit einer Menge von verholzenden
Stauden und schön gefärbten Blüthen erfüllt. Im Frühling gleicht
sie einem nordischen Wiesenteppich : aus dem zarten Grün, so schildert
sie Schomburgk^ leuchten die blauen und hellrothen Blüthenfarben
von Xyrideen und Gentianeen [Schultesia), ganze Strecken
einnehmend, wie Blumenbeete hervor, zwischen ihnen die weissen
Sterne einer Amaryllis, die Orchideen [Habenaria], an den verdorrten
Halmen rankende oder aufrechte Leguminosen (Pliaseoleen), Malvaceen
mit grossen Blüthen und andere Stauden in seltener Ergiebigkeit.
In der Mitte des Oktober verliert die drei bis vier Fuss hohe
Grasflur ihre grüne Farbe und wird nun mit einem reifen, aber »sehr
dünn gesäeten Getraidefelde« verglichen, wo die Hitze den verdorrenden
Ueberresten der Vegetation ein gelbes oder fahles Kolorit ertheilt.
Mit dem Eintritt der Regenzeit treiben die Knospen rasch
wieder aufs Neue, manche Blüthen erscheinen schon vor der Entfaltung
der Blätter, andere mit ihnen,- und in kurzer Zeit ist das
üppige Grün mit seinem sonstigen Farbenschmuck wiederhergestellt.
Für die äussersten Gegensätze der Dürre und Feuchtigkeit
bieten, wie in Mexiko, auch in diesem Florengebiet die succulenten
Cacteen einen Massstab, die an der Bai von Choco ganz fehlen und
an der Küste von Venezuela zuweilen die herrschende Vegetation
bilden. Am Meeresstrande von La Guayra i^) besteht dieselbe aus
ästigen Cereen und Opuntien, den heissen Felswänden entspriessen
Cacteen. — Baumgrenze, 371
die Melocacten, die Mamillarien suchen beschattete Standorte auf.
So verbreiten sich hier die Cacteen, vermischt mit ärmlichem Gesträuch,
vom Ufer bis zum Niveau von 2000 Fuss, wo die Waldungen
beginnen, deren Wolkenbildung sie von der dürren Küstenregion
unterscheidet.
Regionen. Die Küstenkette von Venezuela steht zwar mit den
Anden in Zusammenhang, aber nur in den Umgebungen des Sees
oder Golfs von Maracaibo erhebt ^sie sich in zwei abgesonderten
Gebirgsknoten über die Baum- und Schneegrenze, bei Santa Marta
(HON. B.) und bei Merida (8^ N. B.). Unabhängig von der geographischen
Breite finden wir hier die Schneelinie im Niveau von
14000 Fuss, also in derselben Höhe, wie in Mexiko. Die Waldgrenze
hingegen soll in der Sierra Nevada von Merida schon bei 8300 Fuss
erreicht werden ^S). Die Silla von Caracas und das Parimegebirge von
Guiana überragen die Höhen, die der Bewaldung zugänglich sind,
nicht. Aber ein grosser Theil der Berge in Guiana ist kahl und mit
Grasmatten nebst beigemischten niedrigen Gesträuchen bedeckt ^ö) .
Die Anordnung der Regionen in diesem Theil Südamerikas hat daher
eine grössere Aehnlichkeit mit Abessinien, als mit Mexiko. Da es
in Guiana an der dem Baumwuchse entsprechenden Feuchtigkeit
nicht fehlt, so scheint der Wald in den höheren Lagen nur deshalb
zurückzutreten, weil die dortigen Vegetationscentren Baumarten
eines gemässigt warmen Klimas nicht erzeugt haben, weil die Eichen
und Coniferen Mexikos nicht vorhanden sind.
Noch weniger bewaldet ist die Silla von Caracas, schon hier
fehlen die Eichen, welche doch den Anden von Neu-Granada nicht
fremd sind. Die Baumlosigkeit der beiden Gipfel schreibt Humboldt
¿er Dürre des Bodens, den heftigen Seewinden und der Zerstörung
von Wäldern zu, welche durch Grasmatten verdrängt wurden.
Indessen finden sich eben hier, in geschützten Gründen,
vielleicht wo das Quellwasser zu Tage tritt , Gehölze einer Palme
(bei 5700 Fuss) und einer Heliconia (bei 6600 Fuss s. o.) an ungewöhnlich
hoch gelegenen Standpunkten. Wie viel leichter würden daher
dikotyledonische Laubbäume auf diesen und noch weit grösseren
Höhen gedeihen können. Wie aber in entwaldeten Gebirgen so
häufig die Formen der höheren Regionen tiefer herabsteigen, als da,
wo der Baumwuchs ihrer Ausbreitung eine Schranke setzt, so treten
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