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282 XIII. Prairieengebiet.
Tegetationsformen. Durch keine Gruppe von Pflanzen sind
die trockenen Klimate Amerikas von denen der übrigen Erdtheile
schärfer gesondert, als durch die Cacteen, indem dieselben, anderswo
nirgends ursprünglich einheimisch i3), eine grosse, selbständige
Familie bilden, in welcher man bereits gegen tausend Arten unterschieden
hat, ohne dass ihr Bildungsreichthum entfernt erschöpft
wäre. Da der Bau ihrer Ernährungsorgane, die Verwandlung ihrer
Blätter in Dornen, die Anhäufung des Safts in den Stämmen, auf
welche die Funktionen des Laubes übertragen sind, bei gewissen,
jedoch viel weniger mannigfaltigen Succulenten anderer Länder wenigstens
äusserlich nachgebildet wird und doch zwischen diesen
physiognomisch so ähnlichen Gebilden und den Cacteen keine systematische
Verwandtschaft besteht, so haben wir hier eins der ausgezeichnetsten
Beispiele vor Augen, dass die Anpassung an die
äusseren Lebensbedingungen sich auf das vegetative Leben des Individuums
beschränkt, die Entwickelung der zur Erhaltung der Art
dienenden Organe, der Blüthen und Früchte hingegen von ganz unbekannten
Einflüssen der geographischen Lage abhängt, auf die wir
aus der Anordnung der Vegetationscentren schliessen müssen. Wenn
man die Organisation der Blüthen, von welcher unsere heutige
Systematik ausgeht, nicht als ein unerklärt und ursprünglich Gegebenes
ansieht, sondern dieselbe ebenso, wie die klimatische Variation
von Migrationen ableiten wollte, welch' einen weiten Umfang von
Umbildungen müssten die Gewächse anderer Erdtheile durchlaufen,
um eine amerikanische Cactee hervorzubringen. Denn, um nur von
den nächsten Verwandschaften zu reden, was für seltsame und wie
viele verloren gegangene Mittelstufen müsste man sich vorstellen,
um ein kapsches Mesembryanthemum mit den Cacteen in genetische
Beziehung zu setzen. Hier bliebe nichts übrig, als in die Vorwelt
solche phantastische Gebilde zu verpflanzen, von denen sie uns keine
Denkmale hinterlassen hat und über deren Beschafi-enheit keine deutliche
Begrifi"e möglich sind.
Den höchsten ßeichthum der Bildungen, wie wir ihn in unseren
Treibhäusern vereinigt sehen, entfalten die Cacteen mit steigender
und gleichmässiger Wärme in der tropischen Zone, auf den felsigen
Savanen Mexikos und auf den Anden Südamerikas. In den Gegenden
des Colorado erleiden sie während des Winters einen Rückgang
Cactusform. 283
der Saftfülle und nehmen eine röthliche Färbung an^^), als wäre
ihnen das ununterbrochene, langsame Wachsthum ein Bedürfniss,
welches sie hier nicht vollständig befriedigen können. Aber ungeachtet
dieser Störungen ihrer Energie, die man kaum als Winterschlaf
bezeichnen kann, bieten die südlichen Prairieen bereits eine
nicht minder grosse Auswahl von eigenthümlichen Arten, wie die
Ti "open, und unter ihnen sehen wir fast alle Hauptformen der Familie
vertreten. Dann aber nehmen sie in nördlicher Richtung rasch
ab, die massigen und aufrecht wachsenden Gestaltungen verlieren
sich, bis jenseits des Missouri am Rainy Lake (49 o N. B.) noch eine
Opuntie {O. missouriensis) übrig bleibt . Diese Art bezeichnet also,
hierin den Zwergpalmen gleichend, den äussersten Grenzbezirk ihres
Vegetationstypus. Und da in den Landschaften des Missouri diese
Opuntie zu den häufigsten Pflanzen gehört, so ist die Physiognomie
des ganzen Prairieengebiets wesentlich durch die Cactusform bestimmt,
um so mehr, als die nordamerikanischen Wälder keine
Cacteen besitzen und an den Küsten der atlantischen Staaten nur die
indische Feige [Oimntia vulgaris] von den Tropen aus (bis 40 o N.B. )
eingewandert ist.
So sehr auch andere Succulenten, wie die fleischigen Euphorbien
Afrikas, gewissen Cactusformen äusserlich gleichen, so nehmen
diese letzteren doch auch im Haushalte ihres vegetativen Lebens
eine besondere Stellung ein. Es würde in dem Abschnitte über die
Vegetation der Steppen erörtert, wie durch die verschiedensten Einrichtungen
der Organisation die Verdunstung des Safts in den trockenen
Klimaten verlangsamt und wie bei den Succulenten und Halophyten
bald durch eine umpanzerte Oberhaut, bald durch gelöste
salinische Stoffe das Wasser im Gewebe zurückgehalten und dadurch
zugleich eine Verlängerung der Vegetationsperiode ermöglicht wird.
Die Cacteen sind keine Halophyten und sie ersetzen jenen Salzgehalt
des Saf^s durch einen Reichthum an Pflanzenschleim. Eine Gummilösung
verdunstet langsam, wie eine Lösung von Kochsalz, dieselben
Zwecke werden hier nur durch ein anderes Hülfsmittel erreicht. Die
äussere Wandung der Oberhautzellen ist nicht bedeutend verdickt,
aber unter denselben findet sich eine eigenthümliche Gewebschicht,
die man Collenchym genannt hati^). Sie besteht aus sehr stark inkrustirtem
Parenchym, dessen Wände von einigen grossen Kanälen
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