
1 ' I
'im
I
' Sjii l'
ri
-•I
if|
"i 'i
ti'H •
Jf !
98 VIL Sahara.
asiatischen, durch das rothe Meer abgesonderten Theils der Wüste
berücksichtigenj so werden wir wohl nicht zu weit gehen^ wenn wir
die Gesammtflora auf die doppelte Zahl, also auf 1000 Arten
schätzen.
Aber auch hiervon ist ein sehr grosser Theil von auswärts eingewandert,
und es entsteht also zuerst die Frage, ob wir in der
Sahara überhaupt Vegetationscentren annehmen dürfen. Wäre
dies nicht der Fall, so gewännen wir einen grossartigen, kontinentalen
Vergleichungspunkt mit den Inseln, die keine endemische
Vegetation besitzen. Es würde dadurch zugleich die Meinung
gestützt werden, der manche Naturforscher geneigt sind beizutreten,
als ob die Wüsten der Erde nicht für immer bleiben
sollten, was sie sind, sondern durch fortgesetzte Einwanderung
und Zunahme der Vegetation Boden und Klima einer
allmäligen Aenderung entgegengingen. Um aber einen solchen
Wechsel herbeizuführen, müssten auch die Passatwinde aufhören
ununterbrochen über die Sahara zu wehen, deren Dauer und Richtung
doch nicht von der Vegetation, sondern von der Gestalt der
Erdtheile bestimmt wird. Nun hat die geologische Forschung im
Bereich der algerischen Sahara mit guten Gründen die späte Entstehung
wenigstens dieses Theils der Wüste nachgewiesen, Schalen
von Mollusken, die noch jetzt im Mittelmeere leben, sind in den
Schichten des Areg, freilich nur innerhalb des tiefen Syrtenthals,
aufgefunden . Hiedurch würde die Frage des Endemismus der
Sahara eine noch allgemeinere Bedeutung erhalten, da, wenn die
ganze Wüste erst in der gegenwärtigen Erdperiode gehoben wäre,
der Ursprung ihrer endemischen Gewächse in dieselbe Zeit fiele.
Allein diese geologischen Ergebnisse, die von den Schweizer
Naturforschern auf das Klima der Alpen und das Zurücktreten ihrer
Gletscher bezogen worden sind, werden erst dann für die Geschichte
der Sahara-Pflanzen bedeutend werden, wenn es gelingt nachzuweisen,
dass das Gesammtgebiet ihrer Verbreitung so spät entstanden
sei. Denn dass endemische Pflanzen in gewissen Gegenden vorhanden
sind, ist unzweifelhaft. Ich möchte hier noch einmal auf die
Dattelpalme zurückkommen, deren Ursprung in der Sahara selbst
aus ihrer Verbreitung und Fortpflanzung hervorgeht. Aber ob sie
ihre ursprüngliche Heimath in Tuat oder in Arabien hat, lässt sich
Endemismus. 99
schwerlich entscheiden, und so braucht man nur anzunehmen, dass
.gewisse Bestandtheile der heutigen Wüste schon zu Anfang der
jetzigen Erdperiode bestanden, um von ihnen die Entstehung ihrer
Vegetation abzuleiten.
Dass die algerische Sahara selbst ein Centrum der Pflanzenschöpfung
sei, geht namentlich daraus hervor, dass sie neben einer
nicht unbeträchtlichen Anzahl endemischer Arten auch mehrere
•cigenthümliche, zum Theil monotypische Gattungen besitzt (z. B. die
Cruciferen Lonchophora, Henophytum; die Synanthereen Rhanterium,
Rhetinolepis \ die Plumbaginee Biihania). Die Gegend von Biskra,
welcher Ort nur 230 Fuss über dem Meere am Fuss der letzten
Atlashöhen liegt, zeichnet sich durch Gewächse von beschränkter
Verbreitung aus, die doch schon dem Sahara-Klima unterworfen
sind und zum Theil nicht über das tiefe Syrtenthal in die Wüste einzudringen
scheinen. Hier mochte das Meer noch lange, nachdem
sie entstanden waren, ihren Wohnort einschliessen, und nun mögen
die Areg-Dünen ihrer Wanderung entgegen wirken.
Unter den Pflanzen, welche Cosson aus der algerischen Sahara
;aufzählt, besteht etwas mehr als der dritte Theil aus endemischen
Arten [etwa 36 P r o c e n t L e g t man diesen Massstab für die
ganze Flora der Sahara zu Grunde und schätzt den Umfang dieses
regenlosen Gebiets auf 180000 Quadratmeilen^ö), so erhält man nur
je eine endemische Art auf eine Fläche von 520 Quadratmeilen«
Dies ist ein zur Vergleichung geeigneter Zahlenausdruck, um die
Armuth einer Flora zu bezeichnen, die in dieser Beziehung allen
übrigen grossen Kontinentalgebieten nachsteht. Oder wir können
diese Ziffer auch so verstehen, dass nirgends in gleichem Verhältniss
die Vegetationscentren von einander entlegen sind, und dass daher
die geographische Anordnung der Flora verständlich ist, wenn
wir nur äusserst wenige Punkte annehmen^ von denen die Wanderung
der Pflanzen ausgegangen ist. Mit einer solchen Annahme
stimmen die bisherigen Beobachtungen am besten überein, da in den
wenigen Landschaften, wo durch den beschränkten Wohnort gewisser
Pflanzen bis jetzt wirkliche Centren nachgewiesen sind, die
Vegetation keineswegs so arm an eigenthümlichen Erzeugnissen ist,
als man unter so nachtheiligen Lebensbedingungen erwarten sollte.
Solche Oertlichkeiten sind im Inneren der Sahara nirgends aufgefunden,