
20 VI. Indisches Monsungebiet. Banyanenform. — Mangroveform. 21
Aussenwelt zugewandte Kiclitung des organisclien Lebens erkennen,
die uns tiberall begegnet, aber nicht immer als gleichberechtigt verstanden
wird. Auf der einen Seite verfügt der Organismus über
geeignete Mittel zur Erhaltung seines Wirkens, auf der anderen erreicht
er Zwecke, die der Entwicklung der Organe fremdartig sind.
Denn alle diese Einrichtungen, den Bäumen feuchter Tropenklimate
eine grössere Festigkeit des Stamms zu verleihen, stehen mit ihren
Lebensbedingungen insofern in Beziehung, als der Boden, in welchem
sie wurzeln, in weit höherem Grade von den intensiven Niederschlägen
durchweicht ist, als in der gemässigten Zone24). Zugleich
häufen sich durch die grössere Laubfülle seine humosen Bestandtheile,
durch welche die Feuchtigkeit zurückgehalten wird. Und
doch müssen die Bäume, deren Wurzeln daher zur Haltbarkeit des.
Stamms weniger beitragen können, in der nassen Jahrszeit täglichen
Gewittern und den heftigsten Orkanen, die sie begleiten, Widerstand
leisten. Diesen feindlich bedrohenden Kräften der unorganischen
Natur begegnet der Organismus durch die verschiedensten Richtungen
des Wachsthums, durch Erweiterung des Stammumfangs, erhöhte '
Härte des Holzgewebes, durch die wie Strebepfeiler wirkenden Holztafeln
oder durch die Luftwurzeln. Um hier das zum Waldschutz,
Erforderliche herzustellen, kann die Höhe des Stamms bis zu einem
gewissen Grade beschränkt werden, in sofern die Masse der verwendbaren
BildungsstoiFe in jedem Falle eine begrenzte, von dem
Umfange der Belaubung abhängig ist. Im Jungle ist die Thätigkeit
der Blätter durch die Feuchtigkeit gesteigert, in den Savanen auf
das Nothdürftige eingeschränkt, und in diesem Verhältniss verringert
sich auch die Höhe der Savanenbäume, die, von unansehnlichem
Wuchs, selten höher als 30 Fuss werden 21).
Zu den merkwürdigen Erscheinungen einer bestimmten Richtung
des Bildungstriebs, wodurch die Befestigung der Bäume am
Boden gesichert wird, gehören die Gerüste von Luftwurzeln, die bei
den Banyanen- und Mangroveformen die Laubkronen stützen und
unter einander organisch verbinden. Das Eigenthümliche besteht
darin, dass hier die verholzenden Luftwurzeln nicht aus der Seitenfläche
des Stamms entspringen, sondern von den Zweigen senkrecht
nach abwärts wachsen. Bei der Banyane Hindostans {Ficus indica),
welcher eine Reihe anderer Arten von tropischen Feigenbäumen sich
anschliessen, bleibt der Hauptstamm schwach und bis zu seiner Verästelung
niedrig, er soll fast immer epiphytisch auf anderen Bäumen
keimen, auf Palmen, die er mit den ersten Luftwurzeln umschlingt
und dadurch zu Grunde richtet. Sobald seine Zweige erst selbst gestützt
werden, ist das horizontale Wachsthum dieser letzteren ein
unbeschränktes. Die Stützen werden zu neuen Stämmen, und Krone
an Krone breitet sich wie über einer gemeinsamen Säulenhalle aus.
So ist in den indischen Religionssystemen die Banyane ein Sinnbild
unerschöpflich bildender Naturkräfte. Im Archipel sah Reinwardt 25)
einen grossen Wald, dessen Bäume, sämmtlich aus einem einzigen
.Stamm (von Ficus henjamina) hervorgegangen, fast alle noch unter
einander in Verbindung standen. Hier finden die Feigenbäume, weil
ihr Stamm dazu nicht ausreicht, in den eigenen Luftwurzeln ihre
Stütze. In anderen Fällen umwickeln sich dieselben wie ein Flechtwerk
um fremde Bäume oder ihre Stämme selbst werden zu Lianen.
Bilden sie ein dichteres Flechtwerk um den Stamm, der sie trägt,
oder sind sie durch ein festes Gerüst von Klammerorganen daran
befestigt, so hemmen sie durch Einschnürung dessen Saftbewegung
•und Wachsthum, bis unter ihrer Hülle diese lebendige Stütze zuletzt
verdorren und absterben mag. In der Mannigfaltigkeit solcher Bildungen,
die doch alle denselben Zweck haben, äussert sich die so
ungleiche Lebensweise der zahlreichen Arten von Feigenbäumen, die
im tropischen Asien und in den übrigen Tropenländern einheimisch
sind. Auch in einigen anderen Familien kommen ähnliche Uebergänge
vom selbständigen zum rankenden Wachsthum der Holzgewäehse
vor.
Die Rhizophoren oder die Mangrovebäume unterscheiden sich
•dadurch von den Banyanen, dass die Luftwurzeln nicht aus den
Zweigen selbst, sondern aus den noch daran befestigten Früchten
entspringen und die neuen Individuen sich später leicht vom Mutterstamm
ablösen. Alle tropischen Küsten umsäumend, deren ebener
Boden aus thonreichem Schlamm besteht und vor übermässiger Brandung
geschützt ist, erheben sie ihre kurzen Stämme und kuppeiförmigen
Kronen, mit glänzendem Lorbeerlaub bedeckt, 10 bis
25 Fuss hoch über den Spiegel der Fluth, die in ihre Waldungen
•eindringt. Während der Ebbe werden die Wurzeln entblösst, die,
.zu verzweigten Strebepfeilern ausgespannt, abwärts in den Schlamm-
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